Roberto Saviano.
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Roberto Saviano.

Roberto Saviano

An erster Stelle steht die Familie

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Der Schriftsteller Roberto Saviano, der wegen Morddrohungen seitens der Mafia unter Polizeischutz steht, erklärt im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo Italien zur Avantgarde.

Giovanni di Lorenzo, geboren 1959, Chefredakteur der „Zeit“, bittet Roberto Saviano, geboren 1979, Schriftsteller, „Erklär mir Italien!“. Auf 267 Seiten kann man diese Befragung, diese Auseinandersetzung in einem bei Kiepenheuer & Witsch vor einem Monat erschienenen Buch nachlesen. Wer Glück hatte und noch eine Eintrittskarte erwischte, der erlebte die beiden Mittwochabend – moderiert von Ex-„Tagesspiegel“-Feuilletonchef Peter von Becker – in der Berliner Schaubühne in einem eineinhalbstündigen vergnüglichen und erhellenden Parforce-Ritt durch einige der deutsch-italienischen Gemengelagen der vergangenen Jahrzehnte.

Als Giovanni di Lorenzo einige Male betont hatte, dass die deutsche Liebe zu Italien und den Italienern, die man oft für so wunderbar emotional halte, von den in Wahrheit ja völlig pragmatischen Italienern überhaupt nicht erwidert werde, da erzählte Saviano von einem Campingplatz in der Nähe seines süditalienischen Heimatortes und den deutschen Touristinnen dort, die er und seine Freunde nur die „Schwedinnen“ nannten. „Wir standen in einer Reihe vor dem Campingplatz und beobachteten diese Frauen voller Bewunderung. Die wuchs noch, als wir erlebten, wie frei sie waren. Ob einer von uns Chancen hatte bei einer von ihnen, das hing einzig und allein davon ab, ob sie ihn mochte. Das war neu. Das begeisterte uns. Wir liebten sie sehr.“ Saviano erzählte dann noch einen Anmachspruch. Der italienische Junge spricht ein deutsches Mädchen mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns an: „Hast du dir weh getan?“ Das Mädchen begreift nicht, worauf er hinauswill, da sagt er ihr: „Du bist so schön. Du musst vom Himmel gefallen sein.“ Di Lorenzo, der wirklich kein Süditaliener ist, findet so etwas verächtlich. Den Frauen, aber wohl auch der eigenen Intelligenz gegenüber. Saviano dagegen lachte und sah eher amüsiert auf die darin sich ausdrückende Hilflosigkeit.

In Italien, so erklärte uns Saviano eine Viertelstunde später, gibt es jede Menge zum Teil sogar sehr strenger Gesetze. Aber man beurteilt einander nicht nach der Gesetzestreue, sondern nach dem Geschick, mit dem man sie unterläuft, sie bricht oder ignoriert. Das Gesetz ist das Gesetz des Staates. Der Staat, das Gemeinwesen, darin sieht Giovanni di Lorenzo – sein Gesicht wurde trauriger als das einer ukrainischen Bettlerin – das Hauptübel Italiens, spielt keine Rolle. Niemand interessiert sich dafür, es sei denn, es auszunehmen. An erster Stelle steht die Familie. Das muss nicht die sein, in die man geboren wurde, das kann auch die sein, die einen aufgenommen hat: eine Seilschaft, ein Netzwerk, die Mafia. Die Regeln dieser Gemeinschaft stehen über dem Gesetz. Das weiß jeder Italiener. Saviano – oder war es Giovanni di Lorenzo? – erklärte: Wer behauptet, er trete für das Gesetz und gegen die Regel ein, sei ein Betrüger, denn er wisse ja ganz genau, dass man so keine Chance hätte im Belpaese.

Wer zuhörte, dem wurde klar, dass die beiden Länder und ihre Bewohner sich in den letzten Jahren immer ähnlicher geworden sind. Während der Zuhörer das noch denkt, hört er Saviano sagen: „Italien ist Avantgarde. Immer wieder. Der Faschismus wurde überall in Europa – und nicht nur dort – übernommen. Die Roten Brigaden wurden überall kopiert. Zuerst brachen in Italien die beiden großen Nachkriegsparteien zusammen, dann kamen die anderen Länder nach. Und schauen sie sich Silvio Berlusconi an. Was hat man in Frankreich, in Deutschland über diese dumm-dreiste Art des Populismus gelacht! Jetzt haben sie alle ihren eigenen Berlusconi und an der Spitze der westlichen Welt steht Donald Trump, ein Epigone Berlusconis.“

Giovanni die Lorenzo: „Wir haben uns immer gefragt, wie ist es möglich, dass ein vielfacher Betrüger, ein Schwindler wie Berlusconi immer wieder gewählt wird? Saviano hat mir erklärt, das sei die falsche Frage. Berlusconi werde nicht gewählt, obwohl er ein betrügerisches Schlitzohr sei, sondern weil er es ist. Donald Trump soll einmal erklärt haben: Ich kann auf offener Straße jemanden erschießen und mir wird nichts passieren! Das ist die Logik der Populisten.“ Saviano erzählte, er habe einmal die Situation der Immigranten in Italien dargelegt, habe deutlich gemacht, dass sie natürlich Probleme brächten, aber zum Beispiel für den entvölkerten Süden die einzige Hoffnung seien. Der Lega-Nord-Politiker Matteo Salvini ging nicht auf seine Argumente ein, sondern erklärte, falls er Innenminister werden würde, werde er Saviano, der wegen Morddrohungen seitens der Mafia unter Polizeischutz steht, die Personenschützer sofort nehmen. Keine schönen Aussichten. Nicht für Italien. Aber auch nicht für Deutschland.

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