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Dieses Foto  aus Auschwitz wurde nach der Befreiung des KZ von der  Roten Armee nachgestellt. Marta  Wise ist die dritte von rechts, hinter ihrer Schwester, die wie ein Junge aussieht.
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Dieses Foto aus Auschwitz wurde nach der Befreiung des KZ von der Roten Armee nachgestellt. Marta Wise ist die dritte von rechts, hinter ihrer Schwester, die wie ein Junge aussieht.

Judenverfolgung

Erinnerungen einer Auschwitz-Überlebenden

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Marta Wise und ihre Schwester haben als Mädchen das Vernichtungslager Ausschwitz überlebt. Sie erzählt von ihren traumatischen Erlebnissen. "Wenn wir überlebenden es nicht tun, wird es sonst keiner glauben", sagt sie.

Ihr Wohnzimmer sieht aus wie eine Fotogalerie. Bilder ihrer Angehörigen, zu denen 14 Enkel und zwei Urenkel zählen, schmücken die Wände und Möbelstücke des Apartments in einem Jerusalemer Vorort. Selbst am Kühlschrank sind Fotoabzüge befestigt. Die Familie stellt die 77?Jahre alte Marta Wise über alles. Stolz tippt sie auf ihre drei schönen Töchter im Silberrahmen. „Die Mittlere ist Judith.“ Sie zögert einen Moment: „Wir haben sie nach meiner Schwester benannt, die in Auschwitz ermordet wurde.“

Marta Wise hat das Vernichtungslager überlebt, zusammen mit Eva, einer anderen Schwester. Die beiden sind sich sehr nah. Aber über das, was ihnen angetan wurde, bevor die sowjetische Armee am 27. Januar 1945 das KZ?Auschwitz-Birkenau befreite, haben sie ein halbes Jahrhundert nicht miteinander gesprochen – bis 1995 der Vater starb.

„Wir haben uns geschämt, wir konnten einfach nicht“, sagt Marta Wise. 1948 wanderten ihre Eltern mit den sieben Kindern nach Australien aus. „Wir wollten nur noch alles hinter uns lassen“, erinnert sich Marta. Auch deshalb hat die Familie ihren ursprünglichen Namen Weiss an die englische Schreibweise angepasst: „Damit uns nichts mehr mit Deutschland verband.“

Marta Wise eilt in die Küche, um Kaffee aufzubrühen. Am Ende eines langen Nachmittags wird ihre Tasse unangerührt auf dem Couchtisch stehen. Das Erinnern an die Vergangenheit nimmt sie sichtlich mit. Trotzdem mutet es sich die 77-Jährige, die 1998 nach Israel gekommen ist, immer wieder zu, ihre schier unfassbare Geschichte zu erzählen. „Wenn wir Überlebenden es nicht tun, wird es sonst keiner glauben“, sagt sie.

Versteck in Ungarn

Ihre Odyssee beginnt im Juli 1942. Noch führen die Gebrüder Weiss – Martas Vater Eugen und ihr Onkel David – in Pressburg, heute Bratislava, eine Textilfabrik. Zertifikate, ausgestellt von den Nazis nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei, weisen sie als „unabkömmliche Juden“ aus. Sie wissen nichts von der geheimen Wannsee-Konferenz, auf der NS-Bürokraten am 20. Januar 1942 die „Endlösung der Judenfrage“ generalstabsmäßig koordiniert haben. Aber sie haben von Auschwitz gehört. Als David Weiss und seine Frau Frida deportiert werden, ahnt Martas Vater die Todesgefahr. Er lässt seine fünf älteren Kinder nach Ungarn schmuggeln, zu Verwandten, die sie adoptieren sollen.

Nächste Seite: Alles ging gut - bis ich mich verplappert habe...

Marta ist noch keine acht Jahre alt und kommt bei einem Cousin der Mutter unter. „Ich verstand nur, dass der Vater uns vor Auschwitz bewahren wollte.“ Für ihre kindlichen Vorstellung war das etwa so, als ob er vor einer gefährlichen Straßenkreuzung warne.

Aber ihr Überlebensinstinkt funktioniert, als die Deutschen im März 1944 auch die jüdischen Geschäfte in Ungarn versiegeln. Durch ein Fenster stiehlt sie sich in den Laden des Onkels, um Wertsachen aus dem Safe zu holen. Mit dem Geld kann sich dessen Familie retten.

Marta selbst kriecht unter dem Zaun aus dem Budapester Ghetto und schlägt sich mit anderen nach Bratislava durch, wo sich die Eltern versteckt halten. Die heuern das frühere Kindermädchen an, um neue Verstecke zu organisieren. Es besorgt für Marta und die drei Jahre ältere Schwester Eva eine Wohnung in Nitra, gibt sie als eigene Geschwister aus.

Nazi-Soldaten verfrachten die Schwestern nach Ausschwitz

„Wir erzählten allen, dass wir bei einem Luftangriff ausgebombt worden seien. In Nitra sind wir dann wie die arischen Kinder zur Schule gegangen und sonntags wie gute Katholiken in die Kirche. Eva befreundete sich sogar mit der Tochter des dortigen SS-Führers und spielte bei ihr daheim Schach.“ Monatelang geht das gut. Bis am 8. Oktober 1944, an Martas zehntem Geburtstag ein Lkw mit 22 deutschen Soldaten vor der Tür steht. Die Schwestern werden ins Gefängnis geworfen. Wer sie verraten hatte, wissen sie nicht. „Natürlich gaben wir uns als Arier aus. Aber am dritten Tag habe ich mich bei einer Zellenspionin verplappert, die eine Menorah hervorholte“, den jüdischen Kerzenleuchter. Drei Wochen später werden sie nach Auschwitz verfrachtet.

Nächste Seite: Bei ihrer Ankunft wartet schon der "Todesengel" Mengele

Bei der Ankunft wartet an der Selektionsrampe Josef Mengele. Der Todesengel. „Wir mussten uns in Fünferreihen aufstellen. Er deutete nach links oder rechts. Gas oder Arbeit.“ Die Schwestern werden getrennt.

Plötzlich tauchen Flugzeuge auf. Der Befehl ergeht, wieder zusammenzurücken. Es ist einer der Zufälle, denen Marta Wise ihr Leben verdankt. Kurz darauf stößt ein SS-Mann sie in den Abwasserkanal. Er will sehen, wie lange es dauert, bis sie in der stinkenden Brühe ertrinkt. Ein Mithäftling fischt sie heraus.

Zum Säubern gibt es nur eiskaltes Wasser, zum Ankleiden Lumpen. „Ich war robuster als meine Schwester, die bald die gefürchtete Diarrhöe bekam. Zum Glück konnte ich eine Abfallkartoffel an einer Feuerstelle zu Kohle rösten.“ Es war Heilmittel gegen Durchfall.

In Mengeles Abteilung

Mengele wählt die Mädchen im Dezember 1944 für seine Experimente zur Veränderung von Augenfarben aus. Das bedeutet besseres Essen, aber auch ständige Bluttests und Medikamente, die Schmerzen verursachen.

Eva muss mit Typhus ins Hospital. Dort erscheint um Weihnachten 1944 eine Schweizer Rotkreuz-Delegation. Mengele inszeniert Klinikalltag und lässt Gefangene in Schwesternkittel stecken.

Eine habe den Schweizern noch zugerufen, sie sollten einen Blick auf die Leichenberge hinter dem Haus werfen, berichtet Marta Wise. „Ihr hat Mengele anschließend zur Strafe Petroleum injiziert und uns gezwungen, ihren grässlichen Todeskampf mit anzusehen.“

Am 17. Januar 1945 befehlen die SS-Schergen den KZ-Häftlingen, sich zum Abmarsch zu sammeln. „Meine Schwester konnte nicht mal auf eigenen Füßen stehen. Ich zog sie raus. Mengele ließ es geschehen. Er fand es amüsant, wie ein Kind ein Skelett hochzuhieven versucht.“

Wärter legen Feuer um die Halbtoten

Neun Tage hält sich die Gruppe Halbtoter auf dem verlassenen Gelände von Auschwitz irgendwie am Leben. Einmal legen Wärter einen Feuerring um sie. Ein Wolkenbruch löscht ihn. „Den hat uns Gott geschickt“, meint Marta Wise, die ihren Glauben nicht wie viele andere in Auschwitz verloren hat.

Schließlich tauchen die ersten Russen auf. Die Befreier. In den Wochen danach haben sie von den überlebenden Kindern Fotos gemacht. Auch Marta und Eva sind darauf, sie sehen aus wie Greise. „Erkennen Sie mich?“

Es ist eine Frage, auf die selten eine richtige Antwort kommt. Marta Wise versteht heute selbst kaum noch, wie sie das durchstehen konnten. „Es war die Hoffnung, die uns am Leben hielt“, sagt sie.

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