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Hier doch eigentlich ganz friedlich: Der Bär und Mascha.

"Mascha und der Bär"

An wen erinnert nur das garstige Mädchen?

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Die Londoner "Times" rührt die Frage wieder auf, was für ein Russlandbild die beliebte Kinderserie "Mascha und der Bär" vermittelt.

Die britische Presse, schreibt Margarita Simonjan, Chefredakteurin des russischen Auslands-Senders Russia Today auf Facebook, beunruhige hauptsächlich, dass Mascha Russin sei. „Dass sie Putin ähnelt. Dass der Bär zu gut ist und die britischen Kinder dazu bringen könnte, Russland nicht mehr zu hassen.“ Genau so, schreibt sie, fange „der Faschismus an. Genauso. Lest euch euren großen Orwell noch mal durch. Und erschreckt!“

Seit Tagen debattieren das offizielle und das halboffizielle Russland einen Artikel der Londoner „Times“ über die russische Trickfilmserie „Mascha und der Bär“. Darin kommen Experten zu Wort, die den Kinderfilm als „soft power“ des russischen Regimes bezeichnen. Anthony Glees von der Universität Buckingham vergleicht die kleine Heldin der Serie mit Wladimir Putin. „Mascha ist böse und ziemlich garstig, aber auch tollkühn, will ständig über den eigenen Schatten springen. Man übertreibt wohl nicht, wenn man sagt, sie benimmt sich wie Putin.“

Niemand weiß, ob Professor Glees, Experte für Geheimdienste, bei diesen Worten gegrinst hat. Die russische Botschaft in London antwortete jedenfalls mit einem ironischen Twitter: „The Times hat heute ein wichtiges Problem zur Sprache gebracht: Wie kann man Großbritannien vor Mascha und dem Bären retten?“ Aber schon Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, schlug im Gespräch mit der Internetzeitung „Wsgljad“ bitterernste Töne an. „Es ist immer bequemer, so Sacharowa, den ‚hybriden Krieg‘ in Zeichentrickfilmen wahrzunehmen, andere Dinge aber zu übersehen, etwa, dass die Streitkräfte der Ukraine ihre eigene Zivilbevölkerung im Donbas beschießen“.

Tatsächlich kann man auch am Humor der „Times“ zweifeln. Und an ihrer Originalität. Sie zitiert einen Artikel der finnischen Zeitung „Helsingin Sanomat“ vom Mai 2017, in dem sich der estnische Informationsexperte Priit Hobemägi alarmiert über „Mascha und der Bär“ äußert: Der Trickfilm sei hybride Einflussnahme, um das negative durch ein positives Russlandbild zu ersetzen, und so die Grundsätze Estlands zu erschüttern. „Den Kindern ein positives Russlandbild aufzudrängen, ist gefährlich für die Sicherheit Estlands.“

„Mascha und der Bär“, 2009 gestartet und in Deutschland im Kindersender Kika zu sehen, gilt als bisher erfolgreichste russische Trickfilmserie. Auf Youtube hat ihr deutschsprachiger Kanal 550 000, der englischsprachige 4,2 Millionen, der russische mehr als 17 Millionen Abonnenten. Inhaltlich folgt „Mascha und der Bär“ den Traditionen sowjetischer Kinderfilme, die im Gegensatz zum Sowjetstaat für ihre Gutmütigkeit bekannt waren. Die Charaktere entsprechen auch der durchaus ironischen Urfassung, einem russischen Märchen über einen naiven Bären, der ein kleines Mädchen im tiefen Wald gefangen hält und droht, es zu fressen. Zugleich erfüllt er aber die Wünsche und Befehle der Kleinen gehorsam. Auch die Trickfilm-Mascha zickt und stellt verheerenden Unsinn an, den der Bär mit enormer Artistik, Klugheit und vor allem Geduld immer wieder ausbügelt.

„Wer diesen Trickfilm als hybride Waffe des russischen Staats betrachtet, der hätte auch Goethes ‚Faust‘ als sanfte Macht Hitlers bezeichnen können“, sagt der Moskauer PR-Experte Leonid Warin der FR. „Egal, welche Politik ein Staat veranstaltet, seine Bewohner können zu den unterschiedlichsten Kunstwerken fähig sein, die nichts mit dieser Politik zu tun haben.“

Die Debatte geht inzwischen auch unter russischsprachigen Beobachtern weiter. Der nach Kiew emigrierte Oppositionsjournalist Arkadi Babtschenko schreibt auf Facebook, er habe eine CD mit „Mascha und der Bär“ nach zwei Minuten ausgeschaltet und auf den Müll geworfen. Die „Times“ liege mit Mascha völlig richtig: „Hysterie und Gebrüll, Schaum vorm Mund und die absolute Unfähigkeit, dem Gesprächspartner zuzuhören, Schreien als einzige Form der Kommunikation, und hölzerne Gewissheit, immer im Recht zu sein.“ Er sehe keinen Unterschied zwischen Mascha und den russischen Omas auf Kundgebungen für Putin.

Kremlnahe Beobachter dagegen mokieren sich über die Paranoia der Briten und des  Westens insgesamt. „Die antirussische Hysterie überschlägt sich“, beschwert sich der Moskauer Politologe Boris Schmeljow. Die Moskauer Schriftstellerin Liza Alexandrowa-Sorina weist darauf hin, dass  die russischen Medien diese angebliche Hysterie aufbauschten. Aber auch sie findet die Aussage des Esten Hobemägi dumm. „Vermutlich hat er dabei an die nächsten Fördermittel gedacht.“ Immerhin, selbst Hobemägi gestand in der „Helsingin Sanomat“, dass er mit seinen Kindern weiter „Mascha und der Bär“ guckt.

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