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Jens Reich während des „Republikforums“ des Neuen Forums an der Akademie der Künste in Ostberlin, 1993.

Jens Reich

„Erinnernd entsteht ein Selbst“

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Der Biologe, Ethiker und Bürgerrechtler Jens Reich, der heute 80 wird, über das Älterwerden, seine Flucht aus der Medizin in die Forschung und Arbeitshindernisse in der DDR.

Herr Reich, warum war Thomas Asperger Ihr Deckname?
Das war für Artikel in der europäischen Zeitschrift „Lettre International“, deren deutsche Ausgabe in Westberlin erschien und noch immer erscheint. Ich hatte mich bei den Versuchen, unsere Lage in der späten DDR zu begreifen, auch mit Theorien des Autismus beschäftigt. Wir fühlten uns eingeengt in unserer DDR-Welt, und ich fand keine wirklich befreiende Sprache. Wir kamen kaum aus der Phraseologie des politischen Gesprächs hinaus. Mich interessierte der klinische Autismus.

Wikipedia schreibt zum Asperger-Syndrom: „Merkmale sind einerseits Schwächen in der sozialen Interaktion sowie Kommunikation und andererseits Verhalten mit eingeschränkten Interessen.“ Das liest sich wie eine Beschreibung der Situation der DDR.
Wir hatten damals das klare Bewusstsein: So kann es nicht weitergehen. Aber niemand hatte eine Vorstellung davon, wie es weitergehen sollte. Jeder, der einigermaßen zurechtkommen wollte in der DDR – oder wie ich auch in der Sowjetunion und in Polen -, der musste die geistige Enge akzeptieren. Eine weite Vorstellung von Welt konnte sich da nicht entwickeln. Jedenfalls bei mir. So vieles Interessante kannte ich nur vom Hörensagen. Den französischen Strukturalismus zum Beispiel. Die Kritische Theorie hatte ich schon vor dem Bau der Mauer zur Kenntnis genommen.

Und beruflich?
Mich interessierten die Grundlagen der modernen Biologie. Als Theoretiker und als Experimentator. Da lief man immer wieder gegen Mauern. Nur zu oft fehlten die entsprechenden Laboreinrichtungen. Wir erkannten uns so im Asperger-Syndrom wieder. Aber es gibt noch einen Ursprung des Decknamens. Im völlig zerstörten Halberstadt, in dem ich nach dem Krieg zur Schule ging, gab es einen Jungen, der hieß Thomas Asberger. Wir waren eine Weile in derselben Klasse, hatten aber sonst nichts miteinander zu tun. Er starb dann beim Spiel mit Granaten, die er wohl in den Trümmern eines Hauses gefunden hatte. Ich erinnere mich nicht mehr genauer. Das Vergessen hat sich auch ausgebreitet über all die Leichen, die ich als kleiner Junge nach den Luftangriffen gesehen haben muss.

Das Gedächtnis interessiert Sie?
Im Gedächtnis erkenne ich mich; erinnernd entsteht ein Selbst. Das wird ein immer wichtigeres Problem werden. Mit der Ausbreitung der Künstlichen Intelligenz, mit den immer humanoider werdenden Robotern wird die Frage danach, wie sich das Selbst konstituiert, noch einmal in einem viel radikaleren Sinn existenziell werden.

Wie sich das Selbst wieder zersetzt, konnte ich beim Sterben meiner Mutter beobachten. Sie erkannte bis zum Ende meinen Sohn und mich, aber ihre eigene Geschichte wurde ihr immer fremder. Sie kam auch beim Fernsehen nicht mehr mit. Als ich merkte, dass sie zwischen Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden konnte, erinnerte ich mich daran, wie ich als Kind morgens mit der festen Überzeugung aufwachte, nachts auf Höhe der Laternenlampen durch die Arndtstraße in Frankfurt geflogen zu sein. Jetzt schien mir meine Mutter wieder in diesem Stadium angekommen zu sein.
So wie das Selbst sich langsam aufbaut, so wird es auch langsam wieder abgebaut. Speziell: Das Aufschließen nachlässig oder beiläufig gesprochener Sätze bekommt der alte Mensch immer schwerer mit. Es ist wie bei alten römischen Inschriften – da wurden die Wörter nicht voneinander getrennt. Der Punkt ist eine noch spätere Errungenschaft. Auch ich beobachte an mir die Schwierigkeit, in einem schnell dahin gequasselten Salat herauszufinden, wo das eine Wort endet und das nächste beginnt. Wenn ich es begriffen habe, sind die Sprecher schon wieder viel weiter.

Wann beginnt man, wann hört man auf, eine Person zu sein?

Kant meinte, dass der Mensch ein autonom handelndes Ich sei, das mache ihn zu einer Person. Die gerade befruchtete Eizelle ist sicher noch keine. Er meinte, das empirisch Gezeugte als Person zu sehen, sei eine regulative Idee, die sozusagen hilft, die konkrete Entwicklung einer Person zu erklären. Das eben geborene Baby ist es auch noch nicht, obwohl juristisch bereits eine Person. Deshalb ist medizinische Forschung an Kindern problematisch. Ein Experiment setzt eine Person voraus, die bei klarem Bewusstsein, freiwillig, mit freiem Willen, ihren Körper als Versuchsobjekt für eine gute Sache zur Verfügung stellt. Kinder sind in diesem Sinne als Versuchsprobanden nicht aufgeklärt einwilligungsfähig. So ist die Testung neuer Therapien, von neuen Pharmaka, ihrer Dosierung usw. bei Kindern ethisch problematisch und eigentlich nur als „rettende“ Maßnahme begründet. In der Pädiatrie werden Säuglinge und Kinder mit Medikamenten behandelt, die oft nur an Erwachsenen getestet sind und übers relative Körpergewicht für das Kind angepasst werden.

Gilt das nicht auch für die sehr alten, nicht mehr geschäftsfähigen Köpfe und Körper?
Geschäftsfähigkeit ist nicht so philosophisch definiert wie Einwilligungsfähigkeit.

Je länger wir leben, desto länger sind wir keine Person?
Man ist ja auch im Alter immer noch verantwortlich handlungsfähig. Macht bestimmte Sachen, weil man sie machen will und für gerechtfertigt hält. Sie mögen den anderen vernünftig vorkommen oder auch nicht.

Was ist mit den Tausenden – sind es Zehntausende? -, die in Betten liegen und nur noch versorgt werden? Sind das Personen?
Ich glaube, es ist nicht zulässig, hier von einer Rückentwicklung der Personalität zu sprechen.

Warum nicht? Das Selbst, die Person entstand in einem langen Prozess der Integration verschiedenster Faktoren. Warum soll es sich nicht wieder desintegrieren?
Das gilt für die empirische Repräsentation einer Person, nicht für ihren Begriff. Ich würde meinen, die Persönlichkeit, die sich bildete, geht nicht verloren, nur weil der Mensch jetzt dement wird. Aber das ist mehr ein sittliches Problem als eines der wissenschaftlichen Erkenntnis.

Es gibt Menschen, die definieren ihre Persönlichkeit und lehnen es ab, jenseits dieser Definition weiterzuleben.
Wer bei seinen Eltern oder anderen Verwandten die Auflösung des empirischen Ichs erlebt hat, der kommt womöglich zu der Auffassung, dass er so nicht enden möchte. Man sagt sich: Wenn mein Ich-Bewusstsein nicht mehr präsent ist, wenn es nicht mehr als Selbstbewusstsein in der Welt ist – mit ihr oder gegen sie -, dann will ich nicht mehr sein.

Was ist Ihre Haltung?
Vor ein paar Wochen hatten wir ein Treffen im Freitagskreis. Ein Professor, der seit Jahrzehnten über die Hirntodfeststellung arbeitet, trug den Stand vor. Es bildeten sich danach in der Diskussion sofort zwei Gruppen. Die einen fanden, wenn sie nach einem Schädel-Hirn-Trauma im irreversiblen Koma sind, dann wären sie „nicht mehr in der Welt“. Man könne dann funktionierende Organe entnehmen und für andere bereitstellen. Ich neigte auch zu dieser Auffassung. Die Vorstellung, dass meine Großhirnrinde – durch einen Schlaganfall zum Beispiel – außer Gefecht gesetzt wurde, die vegetativen Funktionen aber weiterlaufen, ist mir zutiefst unbehaglich. Die andere Gruppe fand es hingegen geradezu befremdlich zu sagen: Wenn mein Gehirn weg ist, bin ich weg. Beim Hirntod den noch lebenden übrigen Körper als tot zu bezeichnen, ginge nicht an. Ihnen war ihr Verstand nicht zentral für ihr Ich. In ihrer Vorstellung natürlich. Bei der ganzen Debatte geht es ja ausschließlich um Vorstellungen, die wir von unserem Ich haben.

Ich konnte beobachten, wie der Lebenswille einer Neunzigjährigen rapide nachließ, als sie erkannte, dass sie nicht mehr aus dem Zustand herauskommt, von ständig wechselnden Pflegern gewaschen zu werden. Das war ihr peinlich. Jeden Tag wurde ihr Selbstbild zerstört.
Das ist nur zu verständlich. Das Schamgefühl wird verletzt. Darunter leiden sehr viele Alte in den Heimen. Der Pflegefall droht ein „Pflegeobjekt“ zu werden. Das darf auf keinen Fall eintreten. Für den Arzt kann es freilich in gewissen kritischen Situationen notwendig sein, den Patienten bzw. seine Organe als Objekt zu sehen. Ein Beispiel: Ich sollte in der Klinik eine Venüle bei einem Neugeborenen anlegen. Das konnte man damals nur an der Fontanelle. Man braucht eine ruhige Hand. Vor allem aber brauchen Sie in dem Augenblick absolute Coolness. Ich hatte das nicht. Mit Mitgefühl war jedoch dem Kind in dieser Situation nicht zu helfen.

Haben Sie noch mehr Beispiele?
Extrem ist die Situation des chirurgischen Teams etwa bei einer großen Bauchoperation. Jedes Teammitglied ist auf Funktion reduziert, und sie arbeiten an Objekten – Leber, Därme, Pankreas, Bauchfell, Arterien und Venen, je nach Situation, auch an der Kreislauf- und Atemfunktion. Nur keinen objektiven Fehler machen – volle Konzentration. Der Patient als Person ist „abgedeckt“, kommt erst wieder danach als Person in den Blick. Ich hatte Schwierigkeiten mit dieser Doppelfunktion als emotional Angesprochener und als cool Handelnder. Deshalb „floh“ ich in die abstrakte Forschung.

Worüber forschten Sie da?
Noch im Krankenhaus ging es um ein ganz praktisches Problem. Bei großen Bauchoperationen kam es oft vor, dass trotz gut verlaufender Operation das Magen-Darm-System sich weigerte, wieder in Gang zu kommen. Körperflüssigkeiten sammelten sich in Magen und Darm und gingen dem übrigen Körper verloren. Der Elektrolyt-Haushalt kollabierte lebensgefährlich. Darmatonie nennt man das. Kein Mensch wusste damals genau, was zu tun war. Natürlich machte man Infusionen, aber was sollte hinein? In welchen Mengen? Mehr Salz? Wie viel Kalium? Das untersuchte ich. Mich faszinierte, was damals aus den USA kam: die mathematische Behandlung der Frage anhand von Modellen. Die Idee eines Rechenmodells des Organismus reizte mich sehr. So kam ich zur Biochemie.

Die Darmatonie war Ihr Notausgang?
Ich stürzte mich auf die Sachen, die sich modellieren ließen, bei denen ich rechnen konnte. Ich hatte zunächst ja an der Humboldt-Universität studiert und mich auch dort in der Physiologie und Biochemie beworben. Da hatte ich aber keine Chance. Nach dem Mauerbau bekamen dort praktisch nur Parteigenossen eine Stelle. So war ich zurück nach Halberstadt gegangen. Die biochemische Fachausbildung machte ich dann in Jena. 1964 bekam die Hochschule für Architektur in Weimar einen Analog-Computer. An dem erarbeiteten wir lineare Systemmodelle des Organismus. So rutschte ich in die Biomathematik, in die Systembiologie. In der blieb ich dann mein ganzes Leben.

An immer besseren Computern, mit immer genaueren Modellen.
Mitte und Ende der siebziger Jahre lernte ich dann am Institut für Biophysik der sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Puschtschino bei Moskau etwas Entscheidendes über nicht-lineare An-Aus-Systeme. Wenn sie in großer Anzahl zusammengeschaltet werden, dann entsteht Hyperkomplexität, bei der nicht mehr feststellbar ist, wo Ursache, wo Wirkung ist. Das ändert sich je nach der Frage, die man dem System stellt. So ist das auch bei Gehirn-Modellen. Die bestehen alle aus binären Elementen. Wenn man die nötigen Speicher- und Rechenkapazitäten hat, dann können diese Systeme auch Schach und das noch viel kompliziertere Go lernen. Der Computer „Deep Blue“, der 1996 den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow besiegte, arbeitete noch mit einer einprogrammierten Strategie. Das ist heute nicht mehr nötig. Heute gibt man ihnen die Regeln, den Befehl, Weiß gewinnen zu lassen und lässt sie Billionen Partien zufällig spielen. Das Lernen schaffen sie dann besser als jeder Mensch. Über Gründe, über Ursache und Wirkung wird im Netzwerk nicht nachgedacht. Seine Weisheit ist nichts als die Fähigkeit, in Riesengeschwindigkeit alle Daten nach erfolgsträchtigen Strategien durchgehen zu können.

Das ist Big Data.
Das ist unsere Zukunft. Kein Mensch kann nachvollziehen, wie hochkomplexe neuronale Netze lernen. Für die Forschung bedeutet das: Wir stellen Modelle her von dem, was ist. An ihnen probieren wir zum Beispiel aus, wann wir welchen Rezeptor an- oder abstellen müssen. Wir forschen nicht nach dem Warum. Wir arbeiten wie der Computer und probieren mit immer größeren Datenmengen immer mehr Operationen aus. Dabei passiert es auch, dass verschiedene neuronale Netze, wenn man dieselbe Sache zweimal laufen lässt, dieselbe Leistung erreichen, aber mit anderer Struktur. Man kommt nicht dahinter, welche Knoten mit welchen anderen verbunden sein müssen, um zu bestimmten Resultaten zu führen. Das kommt stets anders heraus. Aber immer – bleiben wir in der Schachsprache – siegt Weiß! Das System optimiert sich fortwährend. Dabei ist die Grundlage unseres Weltbildes – die Kausalität – gleichsam verschwunden.

Das habe ich nicht verstanden. Alles wird auf die Möglichkeit, das Ziel zu erreichen, abgeklopft. Was ist daran akausal?
Die lineare Kausalität Causa-Effectus geht verloren. Man kann nur Korrelationen Input-Output testen, aber Nebenwirkungen nicht zuverlässig vorhersagen. Das kann in der Anwendung verheerend werden.

Was halten Sie von der Vorstellung eines Körpers, in dem zum Beispiel Krebs gar nicht erst auftreten kann?
Das wäre eine manipulative Änderung des ganzen Systems. Die kommt mir sehr robotisch vor. Nur Automaten können keinen Krebs bekommen. Die Idee eines völlig fehlerfreien Systems scheint mir ganz und gar abwegig. Wenn es ums Leben geht, wird man damit sicher nicht weiterkommen.

Was tun?
Die Modelle, die wir heute bauen, leben vom Lernen durch Rückkoppelung. Versuch und Irrtum. Es wird nicht nach Kausalbeziehungen gesucht, sondern nach Wechselbeziehungen. Man führt etwas ein, schaut, welche Signalketten dadurch angeschaltet werden. Hat man Glück, findet man einen gewünschten Effekt. Das ist die Hoffnung. Im Antrag für die Forschungsgelder wird aus dieser Hoffnung oft ein Versprechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass gar nichts herauskommt, darf im Antrag keinesfalls laut ausgesprochen werden. Dann gewinnt ein anderer Antrag. Aber jeder weiß, dass der Misserfolg genauso häufig oder sogar häufiger als der Erfolg das Ergebnis anspruchsvoller Forschung sein wird. Es sei denn, man betreibt risikofreie Forschung: Erbsenzählen also.

Sie sprechen jetzt über die Arbeit am Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin, Ihrer einstigen Wirkungsstätte?
Ja. Nikolaus Rajewsky erforscht zum Beispiel die Rolle von Zehntausenden kleinen RNA-Molekülen in der Zellregulation. Experimentell und mit mathematischer Modellierung im Verbund. Früher betrachtete man diese kleinen Moleküle als überflüssige Abfallprodukte, weil man keine Funktion für sie sah. Das hat sich als großer Irrtum erwiesen. Teile von ihr wirken sehr wohl regulatorisch auf die Ablesung von DNA ein. Unter welchen Bedingungen sie das wie tun, das wird untersucht. Besser gesagt: ausprobiert. Dass man das heute so gut kann, ist großartig.

Das sagen Sie jetzt?
Die Einsicht hatte ich der Stasi zu verdanken. Ich hatte nicht mit ihr kooperiert, wurde darum kaltgestellt, hatte Zeit zum Nachdenken. Da wurde mir klar, dass es mit konkreter Systembiologie noch zu früh war, das „große“ System war noch ein Phantom. Später habe ich dann lange keine Systembiologie mehr gemacht. Als die Wende vorbei war und ich wieder in die Forschung ging, habe ich an der Aufklärung des Humangenoms mitgearbeitet, also an der Aufklärung der DNA-Sequenz als wesentlichem Element jedes Biosystems.

Sie waren eine Weile der Sprecher der deutschen Sektion des Projekts.
Es war Arbeitsteilung. Jedes teilnehmende Land hatte seinen Abschnitt, den es zu sequenzieren hatte. Das war in Deutschland wegen biopolitischer Vorbehalte spät in Gang gekommen. Wir waren mit dem „kleinen“ Chromosom 21, das mit dem Down-Syndrom zu tun hat, beauftragt. Damit bin ich bis 2001 beschäftigt gewesen.

Das Buch des Lebens schien entziffert.
Das war die Parole. Die Hoffnungen waren riesig. Man ging davon aus, dass man nur noch wenige Schritte entfernt sei von der Heilung zahlreicher Krankheiten. Bald hieß es, das Gen für Schizophrenie sei gefunden, das für Herzinfarkt usw. Der Grund für diese Erklärungen war immer der gleiche: In den Umgebungen bestimmter Gene waren gewisse Nachbarschaftsmerkmale, nach denen gesucht wurde, signifikant häufiger. Aber das war nur Statistik. Es war unmöglich, mittels der genetischen Analyse eines neuen Patienten etwas über sein Infarktrisiko zu sagen. Es gab kein spezielles Infarktgen, nur einen möglichen Nebenfaktor. Das System, in dem das Risiko erzeugt wird, ist zu kompliziert. Es ist von zu vielen Faktoren abhängig, ob ein Infarkt eintritt oder nicht.

Sie scheiterten also. Was sagen Sie heute dazu?
Wir schlussfolgerten, dass die paar Hundert Probanden, die sequenziert vorlagen, nicht reichten. Wir müssten Hunderttausend zur Verfügung haben, um die Ursachen der Schizophrenie oder des Herzinfarktes mit Genauigkeit angeben zu können. Aber da ist ein Haken. Bei Hunderttausenden Menschen ist die Homogenität des statistischen Objekts nicht mehr gegeben. Die Statistik verlangt dies jedoch zwingend. Sie müssen Subpopulationen bilden, und schon haben sie wieder Gruppen, bei denen leider nicht genug Probanden da sind, um zu validen Aussagen zu kommen.

Ein systematisches Argument gegen das, was Sie lange gemacht haben?
Was die Statistik angeht, führt kein Weg daran vorbei: Je spezifischer die Fragen, desto mehr Probanden werden gebraucht, um signifikante Aussagen zu erreichen. Damit steigt die Gefahr von Zufallstreffern. Bei den Modellen, die ich gut kenne (Fettstoffwechsel), kann man sagen, die waren noch nicht so weit, um die Komplexität der Wirklichkeit abbilden zu können.

Das ist jetzt anders?
Noch bin ich skeptisch.

Wen wählen Sie heute?
Wie bitte?

Welcher Partei geben Sie Ihre Stimme?
Ach so. Lange habe ich die Grünen gewählt. Aber ich finde sie, was die Frage der Gentechnologie angeht, noch immer verbohrt. Sie neigen hier zur fundamentalen Opposition. Jetzt wähle ich erst einmal die SPD.

Warum das?
Ich will nicht, dass sie verschwindet.

Zur Person

Jens Reich, Bürgerrechtler und Biologe, geboren am 26. März 1939 in Göttingen als Sohn eines Arztes und einer Heilgymnastin. Er wächst in Halberstadt auf. 1956 bis 1962 studiert er Medizin und Molekularbiologie an der Humboldt-Universität in Berlin. 1964-1968 eine biochemische Fachausbildung an der Universität Jena. 1968 Wissenschaftler am Zentralinstitut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Buch.

Mitbegründer des „Freitagskreises“, rund 30 an Kultur und Politik Interessierte, später kritisch über Reformen in der DDR nachdenkende Oppositionelle. 1984 wird Reich wegen seiner Kontakte zu Bundesbürgern zum wissenschaftlichen Mitarbeiter zurückgestuft. 1988 veröffentlicht er unter dem Pseudonym Thomas Asperger kritische Analysen des Systems DDR im Westen.

Koautor des Aufrufs „Aufbruch 89 – Neues Forum“. 1990 ist er bis zur deutschen Vereinigung Abgeordneter der letzten Volkskammer für Bündnis 90 / Grüne. In den 90er Jahren veröffentlicht er eine Reihe politischer Bücher. Im Mai 1994 ist er – auf Vorschlag der Grünen – der unabhängige Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. 2001 wird er Mitglied des Nationalen Ethikrates, später Deutschen Ethikrates (bis 2012).

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