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Arthur Wynne

Erfinder des Kreuzworträtsels: Universum: Sechs Buchstaben...

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Heute vor 150 Jahren wurde Arthur Wynne geboren, der 1930 das Kreuzworträtsel ausklügelte.

Es ist eine der erfolgreichsten Erfindungen der Neuzeit. Eine ganz und nutzlose Sache, aber eine der verbreitetsten Vergnügungen. Es setzt allerdings eine im Laufe der Weltgeschichte eher selten massenhaft vertretene Fertigkeit voraus: Lesen und Schreiben muss man schon können. Das wurde in Europa erst im Laufe des 19. Jahrhunderts dank der Einführung der allgemeinen Schulpflicht Teil des Volkswissens.

In Teilen Indiens sei es in früheren Jahrhunderten womöglich viel verbreiteter gewesen als vor einhundert Jahren, meint der Sanskritforscher Sheldon Pollock. Eine andere Voraussetzung wirkt noch einschränkender: das Alphabet. Ohne Buchstaben kann es kein Kreuzworträtsel geben. Die Mehrheit der Weltbevölkerung muss also ohne dieses Vergnügen auskommen. Aber wo es das Alphabet gibt, gibt es heute auch das Kreuzworträtsel.

Dabei erschien das allererste Exemplar der Gattung erst am 21 Dezember 1913. Und zwar auf den „Fun“–Seiten der Tageszeitung „New York World“. Es war noch nicht quadratisch, sondern hatte, so sagen seine Geschichtsschreiber vollmundig, „die Form eines Diamanten“. Die Mitte war leer, und es fehlten noch die für die Macher hilfreichen schwarzen Felder. Der Erfinder hieß Arthur Wynne. Er war der für den Unterhaltungsteil der Zeitung zuständige Redakteur. Wynne taufte seine Erfindung „Word-Cross Puzzle“ (Wort-Kreuz-Rätsel). Erst später hieß es dann Cross-Word Puzzle.

Wynne wurde am 22. Juni 1876 geboren, also heute vor 150 Jahren. Eine gute Gelegenheit an den Mann zu erinnern. Pech nur, dass wir so wenig über ihn wissen. Er hat, soweit ich sehe, keinen Biographen gefunden. Die Einträge in den einschlägigen Nachschlagewerken kennen nur wenig mehr als seine Geburts- und Todesdaten (14. Januar 1945).

Den Welterfolg seiner Erfindung hat Wynne erlebt. Gehabt hat er nichts davon. Es ist nicht überliefert, ob er sich darüber geärgert hat, nicht einmal, ob er stolz darauf war. Er war Journalist und gehörte damit einem Berufsstand an, dem Eitelkeit nicht fremd ist. Aber gleichzeitig ist bei ihm der Anspruch darauf, etwas erfunden zu haben, nicht sehr verbreitet. Wie heißt der Erfinder des „Streiflicht“ in der Süddeutschen Zeitung? Das Kreuzworträtsel ist aber doch ein ganz anderes Kaliber.

Es stimmt auch nicht, was ich oben sagte: Ganz und gar nutzlos ist es nämlich nicht. Es schafft schnelle Erfolgserlebnisse. Jedes richtig eingetragene Wort, zeigt dem, der es hingeschrieben hat, dass er über Kenntnisse verfügt, ja womöglich ein vernünftiger Mensch ist. Vielleicht sind Kreuzworträtsel darum bei älteren Menschen so beliebt. Wie auch Quizshows. Eine Frage – eine Antwort. Wenn es passt, stimmt es. Survival of the fittest.

Allerdings weiß ich, dass der Schein trügen kann. Meine Mutter näherte sich den neunzig und löste Kreuzworträtsel souverän. Sie schlug mich beim Rommé nicht regelmäßig, sondern jedes Mal. Als sie aber beim Demenztest drei Uhr aufmalen sollte, versagte sie kläglich. Das traf sie sehr. Bald danach begann sie beim Rommé zu verlieren, und das Kreuzworträtseln gab sie auf. Es mag sein, dass die Krankheit zum Spurt angesetzt hatte. Es kann aber auch sein, dass die Niederlage beim Test meine Mutter deprimiert und sie den Kampf gegen die zunehmende Demenz aufgegeben hatte. Wir wenden einen Großteil unserer Intelligenz dafür auf, vor uns und andern zu verbergen, wie wenig intelligent wir sind.

Es gibt sehr beeindruckende Geschichten darüber, mit welchem Aufwand Analphabeten ihre Unfähigkeit verbergen. Mit einem Bruchteil davon könnten sie lesen und schreiben lernen. Aber so zweckrational funktionieren wir Menschen nicht. Wir sind keine Ich-AGs, die wissen, wie sie ihre Vermögenswerte geschickt vermarkten können.

Jetzt sind wir weit weg vom Kreuzworträtsel. Es nährt die Illusion, jede Frage habe eine einzige richtige Antwort. Wer daran zweifelt, der ist verloren fürs Kreuzworträtsel. Ich löse nicht gerne Kreuzworträtsel. Ein Rätsel, dessen Lösung bekannt ist, ist in meinen Augen keines. Ich mag keine Tests. Das Kreuzworträtsel erschien mir immer als die Fortsetzung der Schulsituation.

Aber es gab eine Zeit, in der habe ich mich Kreuzworträtseln voller Genugtuung gewidmet. Bei meinen neapolitanischen Schwiegereltern lag „La Settimana Enigmistica“, die seit 1932 erscheinende wöchentliche Rätselzeitung neben dem Klo. Ich absolvierte ein Gutteil meiner Italienisch-Studien auf der Toilette beim Lösen der Kreuzworträtsel in der fremden Sprache.

Und Arthur Wynne? Vielleicht genießen wir ja auch, dass der Erfinder des Kreuzworträtsels selbst ein Rätsel ist.

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