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„Erdogan bleibt ein Partner“

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Die „Neue Zürcher Zeitung“ sieht in Erdogan einen Partner.
Die „Neue Zürcher Zeitung“ sieht in Erdogan einen Partner. © AFP

1936 vereinnahmte die „Neue Zürcher Zeitung“ Thomas Mann als Kronzeugen für die Qualität der Literatur in Nazi-Deutschland – im Juli 2016 sieht sie Erdogan als „Partner“.

Von Wilhelm von Sternburg

Am 26. Januar 1936 schrieb der Feuilletonchef und Literaturkritiker der „Neuen Zürcher Zeitung“, Eduard Korrodi, einen Artikel, der in der deutschen Literaturgeschichte bald einen wichtigen, allerdings nicht rühmlichen Platz einnehmen sollte. Korrodi reagierte damit auf eine Anmerkung des konservativen Publizisten und Emigranten Leopold Schwarzschild. Dieser hatte in der von ihm in Paris herausgegebenen Exilzeitschrift „Das Neue Tage-Buch“ festgehalten, dass unter der Hitler-Diktatur die deutsche Literatur nahezu vollständig ins Ausland geflohen sei. Korrodi antwortete mit spitzer Feder, da verwechsle ein Emigrant wohl die deutsche mit der jüdischen Literatur. Als Kronzeugen führte er Thomas Mann an, dessen Werk nach wie vor in Deutschland erscheinen könne.

Der weltberühmte Autor lebte seit Anfang 1933 nicht mehr in Deutschland, vermied es aber, sich öffentlich gegen das Dritte Reich zu stellen, um den dortigen Verkauf seiner Bücher nicht zu gefährden. Korrodis Versuch, einen Keil zwischen ihn und seine zur Emigration gezwungenen Kollegen zu treiben, veranlasste ihn jedoch zu einer unzweideutigen Entgegnung, die am 1. Februar 1936 in der NZZ erschien: „Die tiefe, von tausend menschlichen und moralischen und ästhetischen Einzelbeobachtungen und -eindrücken täglich gestützte und genährte Überzeugung, daß aus der gegenwärtigen deutschen Herrschaft nicht Gutes kommen kann, für Deutschland nicht und für die Welt nicht, – diese Überzeugung hat mich das Land meiden lassen ... .“ Diese Zeilen waren Manns Bruch mit dem Nationalsozialismus, der bei Goebbels Wutausbrüche auslöste und die Emigration aufatmen ließ.

Korrodis Attacke aber passte in die politische Landschaft der ersten Hitler-Jahre. Auch die westlichen Demokratien versuchten bis kurz vor Beginn des von Deutschland ausgelösten Weltkriegs, sich mit dem deutschen Diktator zu arrangieren. Das gipfelte in der berüchtigten Appeasement-Politik, die auch das Schicksal der Tschechoslowakei besiegelte.

In der NZZ vom letzten Samstag trug der kommentierende Aufmacher auf der Seite 1 die Überschrift: „Erdogan bleibt ein Partner“. Chefredakteur Eric Gujer lässt seine Leser wissen, dass der türkische Präsident zwar ein Autokrat sei, aber: „Die drakonische Niederschlagung des Putsches ändert an den geopolitischen Fakten nichts.“

Die Türkei als „Bollwerk“

Die Türkei sei das Bollwerk gegen den radikalen Islamismus, und „wenn dieses Bollwerk fällt, rücken die nahöstlichen Krisen direkt an Europas Grenzen heran“. Im übrigen habe die EU ihre türkischen Nachbarn bei der Beitrittsdiskussion immer wieder gedemütigt. Und statt die „Affäre Böhmermann“ als „Geschmacklosigkeit zu verurteilen, erging sich die deutsche Politik in langatmige Betrachtungen über Kunstfreiheit“.

Wir kennen diese Belehrungen über „Realpolitik“ in denen die Diktatoren – von Mussolini, Hitler, Franco bis zu den Apartheid-Politikern, Hussein und Gaddafi – zu „Bollwerken“ gegen alle die uns bedrohenden Übel der Welt (Kommunisten, Terroristen, Anarchisten) stilisiert wurden. „Sehr viel Moralismus“ gegen „kurze Anfälle von Realpolitik“, diese Gegenüberstellung führte nicht nur manchen NZZ-Autor in der langen Geschichte dieser Zeitung in das Land des Wegschauens.

Politik ist nicht Literatur. Der Putsch in der Türkei ist nicht der Reichstagsbrand vom Februar 1933. Das Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten ist nicht der vom türkischen Parlament einstimmig gebilligte Ausnahmezustand. Erdogan ist nicht Hitler. Aber die Mechanismen gleichen sich immer. Die Berufung auf den Volkswillen, Massenverhaftungen, Folter, die Entlassung aller Staatsdiener, die nicht mit dem Herrscher konform gehen – da wiederholt sich Geschichte. Wer bei solchen Entwicklungen beschwichtigt oder die „Realpolitik“ beschwört, will die Opfer nicht hören, das Elend der Entlassenen und Verfolgten nicht zur Kenntnis nehmen und er will nicht aus der Vergangenheit lernen. Diktatoren überwältigen ihre Völker, so lange die Welt ihrem Handeln nicht entgegentritt. Haben sie ihre Macht erst einmal konsolidiert, wächst im Kampf gegen ihre Herrschaft die Liste ihrer Opfer ins Unendliche.

Korrodi verketzerte, übrigens ganz im Sinne der Nationalsozialisten, die Werke deutscher Exil-Autoren mit der in diesem Fall abfällig gemeinten Zuschreibung „jüdische Literatur“ (die er offenbar nicht zur deutschen zählte). Schon in dieser Kontroverse ging es um mehr als nur um Bücher. So wenig, wie sich Thomas Mann für Korrodis infame Definition „deutscher“ Literatur vereinnahmen ließ, so wenig sollte sich die westliche Politik zum Büttel einer falsch verstandenen – und zum Scheitern verurteilten – „Realpolitik“ machen lassen.’

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