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Psychodelisches Graffiti im Stadtteil Haight Ashbury in San Francisco, USA (Symbolbild).

Mitternachtsmagazin "Abgedreht"

Entgrenzung im Park

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Das Mitternachtsmagazin "Abgedreht" auf Arte richtet die Scheinwerfer auf Menschen und Momente im Jahr 1968.

Ein Film über 1968, der mit John Cipollinas Version von „Who Do You Love“ beginnt, kann nicht ganz schlecht sein. Denn die heiser singenden Gitarren seiner Band Quicksilver Messenger Service waren typisch für den „West Coast Sound“, der sich an der kalifornischen Küste in dieser Zeit entwickelte und zur Begleitmusik für die Jugendbewegung nicht nur in den USA wurde. Arte richtet in seinem Mitternachtsmagazin „Abgedreht“ die Scheinwerfer auf Menschen und Momente, die eine besondere Rolle spielten bei der Entstehung dessen, was später unter dem Kürzel „’68“ medial zu einem modernen Mythos erklärt wurde.

Philippe Collin und Frédéric Bonnard erzählen dabei zunächst nicht von 1968, sondern vom „Summer of Love“ 1967, als sich in San Francisco, angelockt von der Sonne Kaliforniens, immer mehr Teens und Twens zusammenfanden, um in Abgrenzung zum Puritanismus ihrer Eltern und einer verheerenden Politik ein von Zwängen freies und friedliches Leben zu propagieren: die Hippies.

Ein Brennpunkt der Bewegung wareine Straßenkreuzung im Westen von San Francisco: Haight Ashbury, nahe am Golden Gate Park. Dort auf den Wiesen ließen sich Sex, Drogen und Musik weitgehend unbehelligt genießen. Nebenan wohnten The Grateful Dead, und Judy Goldhaft von der Theatergruppe The Diggers – schließlich hatte San Francisco eine Tradition als Ziel der Goldgräber – erzählt von Drogenerfahrungen in ihrer Kommune.

Bis heute ein entspannter Mikrokosmos: Haight Street

Dabei suggerieren die Filmemacher, dass LSD gleichsam der Treibstoff für die Reise der Hippies gewesen sei, Marihuana und andere sogenannte bewusstseinserweiternde Drogen kommen im Bericht kaum vor. Aber das Erleben der Entgrenzung im Rausch, die Abwesenheit von Aggression, hinterließen ihre Spuren bei der Generation der nach 1940 Geborenen letztlich weltweit – wiewohl Goldhafts Gruppe schon im Oktober 1967 bei einer Performance den „Death of the Hippies“ erklärte.

Dem Strom in die Stadt der Blumenkinder folgte die Landflucht, das einfache Leben in Kommunen fernab der Metropolen, und die Politisierung der Aktivisten, für die in einem zweiten Magazin-Beitrag Schauspielerin Jane Fonda steht. Als Partnerin des französischen Regisseurs Roger Vadim und Sexsymbol in dessen Film „Barbarella“ zum Star geworden, engagierte sie sich nach ihrer Rückkehr in die USA politisch, was sich später auch in der Auswahl ihrer Filme zeigte („Klute“, „Coming Home“, „Das China-Syndrom“).

Ein anderer Star des Kinos wandte sich, ebenfalls aus politischen Motiven, radikal von seiner Vergangenheit ab und leugnete sogar seinen Namen: Jean Luc Godard, seit „Außer Atem“ Vorreiter des Autorenkinos der Nouvelle Vague, sorgte aus Solidarität mit Streikenden zusammen mit Kollegen wie François Truffaut und Claude Lelouch im Mai 1968 für den Abbruch der Filmfestspiele in Cannes. Er drehte noch „Ostwind“ und (mit den Rolling Stones) „One Plus One“, um hernach im Kollektiv „Dziga Vertov“ (nach dem sowjetischen Filmemacher benannt) aufzugehen und zunächst von der Bildfläche zu verschwinden.

So kurz die Magazinbeiträge im Einzelnen auch sein mögen, sie werfen doch ein Schlaglicht auf diese unruhigen Jahre. In San Francisco hat sich naturgemäß einiges davon erhalten. Haight Street selbst ist immer noch ein Mikrokosmos mit entspannter Atmosphäre; ein Zeitzeuge zeigt im Film das auf den Straßenbelag eingeritzte Motto: „Nehmt LSD und ihr seht das Licht“. Außerdem werden inzwischen auch „Haight Ashbury Walking Tours“ angeboten.

John Cipollina ist längst den Folgen seiner Sucht erlegen, Jane Fonda, 80, in einer Netflix-Serie untergekommen, und Jean-Luc Godard, bald 88, zeigt sein neues Werk demnächst in Cannes. Marihuana gibt es heute auf Rezept, und wer sich daheim auf dem Sofa in die Hippie-Ära zurückversetzen will, könnte sich mit 25 Minuten „Who Do You Love“ von Quicksilvers LP „Happy Trails“ zudröhnen – auf Vinyl, versteht sich.

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