Alte Oper

Ein Entertainer auf dem Hühnerhof

  • schließen

Helge Schneider behauptet in Frankfurt neuerdings, dass Ordnung sein muss.

Ganz schön funky. „Dance to the music“ lautet eine Textzeile in ewiger Wiederholung. Vorgetragen mit der charakteristischen Fistelstimme, in einer obskuren, perfekt einen Dilettantismus behauptenden Verzerrung des Discofunks der siebziger Jahre. Mit „Move your body“ geht es weiter, nun lässt der Mann im blauen Jackett nach Konfirmandenfasson die Hüfte kreisen, dass es eine bejohlte groteske Show ist.

„Ordnung muss sein!“ nennt Helge Schneider sein neues Programm, mit dem er nun im ausverkauften Großen Saal der Frankfurter Alten Oper gastierte. Nach der funky ersten Nummer gleich ein „Danke schön. Tschüss“. Das kennt man von ihm. Einer jener Gags, die er seit Jahrzehnten immer wieder variiert – und es gehört zu der Kunst des großen Komikers, dass es ihm gelingt, einen mit diesen Variationen immer wieder zum Lachen zu bringen. In erfrischender Selbstparaphrase taucht bald auch das Ding mit dem vorgetäuschten Wackelkontakt am Mikrofon auf – davon abgesehen aber ist das ein Abend mit großteils echten Novitäten. Songs, Ein-Mann-Hörspieldialogen und Salbadern ohne Ende in humorig schleppender Abschweifung auf der lichten Höhe seines Könnens.

Und wieder ein Ton

Eine Spezialität diesmal: Immer wieder schlendert Schneider auf der Bühne umher und schlägt mit einer komischen Wirkung mal kurz eine Trommel an oder er spielt einen einzigen Ton auf dem Klavier. Und so weiter und so fort. Zum reichhaltigen Instrumentarium gehört ein historischer Minimoog-Synthesizer – für ein aberwitzig überdrehtes und fiepiges Solo.

Viel Zeit – deren scheinbar ereignisloses Vergehen ist ihm schon immer ein Thema – brauchen ins Komische gewendete Verrichtungen wie das Fixieren eines Mikrofons in seiner Halterung oder das Heranholen eines Cellos. Angeblich von 1746. Aber alles erneuert. Darauf klopft, sägt und tschilpt er eine Geschichte vom Hühnerhof, dem sich, mit Prokofjew, der Fuchs nähert. Lustig. In die Serie der die Klischees demaskierenden musikalischen Genreporträts gehört der psychedelische Bluesrocker mit Lockenperücke und dem Hemd bis zum Nabel offen.

Und was hat er da mal wieder für eine tolle, blueslastig swingende, wunderbar verschworen-intim musizierende Band! Mit dem Gitarristen Henrik Freischlader, einem Kontrabassisten, dessen Namen partout nicht zu verstehen gewesen ist, und dem inzwischen 78-jährigen Helge-Schneider-Veteranen Peter Thoms und seinem launig-pointierten Spiel am Schlagzeug.

Dass Schneider entgegen der Behauptung von Deutschlands größtem Revolverblatt nicht ein mehrfacher Millionär ist, musste – gallig ernst – mal richtiggestellt werden. Geld sei schließlich zum Ausgeben da. Und – scherzhaft garniert – der Tour-LKW zum In-die-Stadt-fahren. Dieseldebatte hin oder her. Und Frankfurt würde ganz anders aussehen, wenn die Hochhäuser nicht hoch wären sondern breit.

Nicht die grundlegende Neuerfindung, doch die Einfälle sprudeln nach wie vor außerordentlich reich. Wie wohltuend im Übrigen, dass – ganz nach alter Art – Bild- und Tonaufnahmen verboten gewesen sind. Das hat Stil.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion