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In Neapel

Interview

„Das einzig Positive in Italien kommt von den Migranten. Sie sind der Ausweg.“

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Der italienische Journalist Enrico Deaglio über sein matt und alt gewordenes Heimatland und dessen letzte Hoffnung.

Herr Deaglio, bitte erklären Sie mir Italien.
Italien ist ein sehr altes Land geworden. Das haben die Italiener jetzt erst gemerkt. 

Italien war schon immer ein sehr altes Land.
Es gab immer Kinder, und es gab den Kult um die Kinder, um die Jugend. Jetzt gibt es nur noch den Kult um die Jugend, aber keine Kinder, keine Jugend mehr. Die Italiener sind alt. Sie sehen vor sich den Tod und sie blicken voller Furcht auf die jungen Menschen, die über das Mittelmeer aus dem Nahen Osten und aus Afrika kommen. Das sind die Kinder, die die Italiener nicht mehr haben. Das ist die allem zu Grunde liegende Angst.

Was macht die Politik?
Die Linke versteht das nicht. Sie hat sich eingerichtet und kümmert sich nicht mehr um die Armen, um die Zurückgesetzten. Die Linke hat sich nicht eingesetzt für das Prinzip ius soli. Das hätte rund 800.000 in Italien geborene Flüchtlingskinder zu Italienern gemacht. Das wäre ein Signal der Hoffnung gewesen nicht nur für die Flüchtlinge, sondern für alle Italiener. Viele von ihnen flüchten sich dagegen in Gerede über ihre einstige Bedeutung und Größe.

Wie in vielen anderen Ländern auch.
Das stimmt. Ich vermute aber, dass in Italien die reaktionäre Entwicklung ihren Zenit bereits erreicht hat. Naja, warten wir mal die Europawahlen ab. Aber sehen Sie, das Personal ist in Italien dermaßen miserabel, damit können Sie nichts mehr machen.

Mhhh ...
Ich weiß, Hitler war auch kein brillanter Kopf. Wir sind ja auch zu alt, um daran zu glauben, dass Politik eine Frage der Intelligenz ist. Aber noch gibt es in Italien einen Sinn fürs Ästhetische. Der wird das Schlimmste verhindern.

Vergangenes Jahr sah ich italienische 68er-Filme mit Hunderttausenden Demonstranten. Ich dachte: Wie viele davon müssen später Berlusconi gewählt haben.
Man kann die durch 1968 eingeleiteten Veränderungen in Italien gar nicht hoch genug veranschlagen. In Italien wurden die Arbeitsbedingungen in den Fabriken und das Zusammenleben der Geschlechter und der Generationen radikal verändert. Die Situation des Volkes änderte sich von Grund auf.

Das Volk gibt es nicht mehr.
So wie die Linke es sich einmal vorgestellt hatte, hat es das Volk vielleicht niemals gegeben. 1968 war ein Modernisierungsschub, der das Volk – das hatte Pasolini gut gesehen – beiseite schob. An seine Stelle trat die Konsumgesellschaft, die Gesellschaft des Spektakels. Die Revolte von 1968 war eine Revolte der jungen Leute. Schüler, Studenten und Arbeiter. Die jungen Arbeiter waren Immigranten. Die kamen damals nicht aus Afrika, sondern aus Süditalien und rebellierten zusammen mit ihren Altersgenossen gegen den Status quo.

Davon ist nichts geblieben?
Italien ist ein solides Land der Mitte.

Das sieht im Augenblick anders aus, und „solide“ hat schon lange niemand mehr Italien genannt.
Italien befindet sich in einem ökonomischen, politischen, sozialen Niedergang. Nirgends ist eine Aufwärtsentwicklung in Sicht. Wie gesagt: Das Land ist alt und matt. Die zwanzig Jahre Berlusconi haben das Land mürbe gemacht. Einen Reichen erkennt man in Italien daran, dass er keine Steuern zahlt. Die Faschisten, die wieder das Sagen haben, alles das ist schrecklich. Aber im Kern ist Italien noch immer nicht erschüttert.

Enrico Deaglio, 1947 in Turin geboren, ist einer der bekanntesten Journalisten Italiens. Er war Herausgeber der Zeitung „Lotta Continua“, später arbeitete er u. a. für „La Stampa“ und die Kulturwochenzeitung „Diario“.

Wie kommen Sie darauf?
Gestern Abend kam im Telegiornale folgende Geschichte. In Rom gibt es einen seit vielen Jahren besetzten Wohnblock. Zehn Stockwerke hoch. Die Stadtverwaltung sperrte den Hausbesetzern den Strom. Der im Vatikan für die Almosenverwaltung zuständige Kardinal, 55 Jahre alt, Pole und ein gelernter Elektriker, nahm seinen Werkzeugkasten, setzte sich auf seine Vespa, fuhr zu dem Wohnblock und sorgte dafür, dass die Mieter wieder Strom hatten. „Der Robin Hood des Papstes“ schrieb die Tageszeitung „La Repubblica“. 

Die letzte Hoffnung Italiens: ein Kardinal!
Die Kirche spielt keine Rolle mehr in Italien. Keiner geht mehr hin. Keine Linke mehr, kein Katholizismus. Das alte Italien ist weg. Aber der Geist der Rebellion ist immer noch da. Aber nicht in der Linken. Von denen hat keiner das getan, was der Kardinal machte. Die Linke ist faul. Sie kriegt den Hintern nicht hoch.

Gibt es einen Ausweg?
Europa könnte uns dabei helfen, wieder eine etwas anständigere Regierung zu bekommen.

Damit wird Italien aber nicht wieder jung.
Dafür braucht Italien die Migranten. Sie sind der einzige Ausweg für das alte Italien. Es muss die jungen Migranten zu Italienern machen. Sie müssen wählen können. Sie müssen ihre Repräsentanten im System haben. Überall in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kultur. Das einzig Positive in Italien kommt von den Migranten. Sie gründen Unternehmen, wagen und riskieren etwas. Zehntausende Rumäninnen kümmern sich um uns Alte. Ohne die Migranten würde Italien schon lange nicht mehr funktionieren.

Der italienische Süden ist entvölkert. Man könnte ganze Dörfer den Immigranten übergeben.
Genau das hat Domenico Lucano, der Bürgermeister von Riace, getan. Er hat in seinem 1800 Einwohner zählenden Ort 450 Immigranten angesiedelt. Schon 1998 hatte er geflüchtete Kurden aufgenommen. 2017 bekam er den Friedenspreis der Stadt Dresden. Ende des Jahres ging dann der Präfekt der Region gegen ihn vor. Im Oktober vergangenen Jahres wird er vom Posten des Bürgermeisters suspendiert. Er wird unter Hausarrest gestellt. Man wirft ihm vor, die illegale Einwanderung zu unterstützen. Kaum jemand hat so viel für Italien getan wie er.

Schweizer wird man, weil eine Gemeinde einen aufnimmt.
So sollte das in Italien auch sein. Wir hätten deutlich weniger Probleme. Um Felder und Vieh kümmern sich im Piemont und in der Emilia Romagna Menschen aus Bangladesch und anderen entfernten Weltgegenden. In Brescia sind dreißig Prozent der Arbeiter Afrikaner. So sieht die Realität aus in Italien und die italienische Regierung redet von einem Italien ohne Ausländer. Das wäre unser Ruin.

Wo leben Sie?
In San Francisco in Kalifornien. Nach Italien fahren wir jedes Jahr für ein paar Wochen.

Sie sind ein Emigrant. 
Ich bin jetzt sogar Bürger der USA. Das ging völlig problemlos. Ich bin mit einer Amerikanerin verheiratet.

Deaglios neues Buch heißt „Eine wahrhaft schreckliche Geschichte zwischen Sizilien und Amerika“ und ist auf Deutsch soeben in der Edition Converso erschienen, 232 Seiten, 23 Euro. Enrico Deaglio schildert darin den Lynchmord an fünf Sizilianern in Tallulah, einem kleinen Ort in Louisiana. Die Sklaverei war abgeschafft. Die Arbeitskräfte für Zuckerrohr und Baumwolle wurden aus Italien importiert. Der Rassismus hatte sich neue Opfer gewählt.

So machen es die jungen Migranten aus Guatemala auch.
Es gibt eine kleine sehr schöne Zeremonie, wenn Sie Bürger der USA werden. Sie fühlen sich wirklich aufgenommen. Als ich in meiner Kolumne in „La Repubblica“ über meine neue Staatsbürgerschaft berichtete, zitierte ich aus der letzten Rede, die Ronald Reagan als Präsident der USA hielt. Das war im Januar 1989. Es sind sehr schöne Worte: „Sie können nach Frankreich gehen und dort leben, aber sie können kein Franzose werden; sie können nach Deutschland, in die Türkei oder nach Japan gehen und dort leben, aber sie können kein Deutscher, Türke oder Japaner werden. Aber jeder kann aus jedem Winkel der Erde nach Amerika kommen, hier leben und Amerikaner werden... Wir führen die Welt, weil wir, einzig unter allen Nationen, Menschen aus allen Ländern und allen Weltenden anziehen. So erneuern und bereichern wir fortwährend unsere Nation. Während andere Länder in die Vergangenheit schauen, bringen wir unsere Zukunftsträume zum Leben und die Welt folgt uns auf dem Weg ins morgen. Dank der Wellen von Neuankömmlingen in unser Land der Chancen bleibt unsere Nation immer jung und birst vor Energie und neuen Ideen. Wir stehen immer vorne und führen die Welt neuen Grenzen entgegen. Das ist die für die Zukunft unserer Nation entscheidende Qualität. Falls wir jemals neuen Amerikanern diese Tür verschließen sollten, hätten wir schnell unsere Führungsrolle verloren.“

Interview: Arno Widmann

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