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Günther Jauch am 15. März dieses Jahres, im Hintergrund der damalige griechische Finanzminister Varoufakis, den er als „italienischen Bruce Willis“ vorstellte.

„Günther Jauch“

Ende einer Geisterfahrt

Am Sonntagabend beendet der populäre Quizmaster und Unterhaltungsjournalist Günther Jauch seinen Polit-Talk im Ersten. Das Urteil vieler Medienkritiker war vernichtend, von Anfang an.

Von Frank Junghänel und Holger Schmale

Als letzter Gast kommt Wolfgang Schäuble. Wenn er sich am Sonntagabend in Berlins Schöneberger Gasometer zur Sendung „Günther Jauch“ einfindet, setzt er den Schlusspunkt einer vierjährigen Geisterfahrt des Unterhaltungsjournalisten Günther Jauch durch die Welt der Politik. Vielleicht wird es ja sogar ein Höhepunkt. Der von manchen als Gegenspieler zur Flüchtlingskanzlerin Angela Merkel ausgemachte Finanzminister und CDU-Senior kann in diesen Tagen ein interessanter Gesprächspartner sein. Und Jauch kann sich auf nur einen Gast konzentrieren, er muss keine Runde streitender Diskutanten moderieren, woran er während seiner 156 Sendungen oft gescheitert ist.

Defizit des Gastgebers

Das Urteil vieler Medienkritiker war vernichtend, von Anfang an. Wir schrieben über seine erste Sendung am 11. September 2011, zum zehnten Jahrestag der Terroranschläge in den USA: „Günther Jauch hatte ganz offenbar nicht vor, wenigstens ein paar Funken aus den unterschiedlichen Überzeugungen seiner Gäste zu schlagen, eine Kontroverse zu provozieren, eine Debatte zu führen. Sollte das ein Strukturproblem des Gastgebers sein, wird es in der Zukunft nicht mehr viel besser werden.“ Eine Prognose, die sich bewahrheiten sollte.

Schon damals fiel ein entscheidendes Defizit dieses Gastgebers der noch immer wichtigsten politischen Talkshow im deutschen Fernsehen auf: Schlechte Vorbereitung, und – wahrscheinlich unmittelbar damit im Zusammenhang stehend –, schlicht mangelndes Interesse an politischen Zusammenhängen. „Wer nicht genau weiß, ob am Hindukusch nun eher die deutsche Sicherheit oder doch die Freiheit verteidigt werden soll, der tut sich schwer in einer Diskussion über den Krieg in Afghanistan“, hieß es in der Frankfurter Rundschau. „Sollte er sich für den Unterschied aber gar nicht interessieren, dessen Qualität nicht erkennen – das wäre dann freilich ein Manko, das sich mit noch so fein geführten Karteikarten nicht lösen ließe.“

Dass die Zweifel an Jauch bis weit in die ARD reichten, zeigt eine Analyse des Programmbeirats aus dem Frühjahr 2012, die der Mediendienst Kress am Freitag zitierte: „Er hakt selten nach, setzt sich sogar teilweise über die Antworten seiner Gäste hinweg, vertritt eine klar erkennbare eigene Meinung, folgt strikt seinem vorgefertigten Konzept, hakt eine Frage nach der anderen ab, polarisiert, schürt mit seinen Suggestivfragen teilweise Politikverdrossenheit und kommt damit der Verpflichtung zur journalistischen Sorgfalt nicht nach. (…) Der Moderator geht einer ihm nicht genehmen Gesprächsentwicklung und Konfliktsituationen aus dem Weg, indem er die andiskutierte Gesprächsschiene nicht weiter verfolgt. Nicht selten hangelt er sich von einem Einspieler zum nächsten. (…) Herr Jauch sollte dringend an seiner Gesprächsführung arbeiten.“ Es ist eigentlich erstaunlich, dass die ARD einen Mitarbeiter mit einem solchen Zeugnis noch drei weitere Jahre werkeln ließ.

Das Thema Günther Jauch und die ARD hat freilich eine längere Geschichte als die letzten Jahre. Schon 2007 wollte das Erste den populären Quizmaster der RTL-Sendung „Wer wird Millionär?“ abwerben, damals als Nachfolger von Sabine Christiansen, die das Format am Sonntagabend zur wichtigsten Politiksendung der Woche gemacht hatte. Doch das Vorhaben scheiterte, Jauch beklagte sich über zu viel Einflussnahme der „Gremien voller Gremlins“. In einem „Spiegel“-Interview gab er anschließend einen einzigen inhaltlichen Hinweis auf seine Pläne: „Ich wollte das Talk-Format ja nicht nur verwalten, sondern gestalten.“

Das ist ihm erkennbar nicht gelungen. Aber er machte in dem Interview auch deutlich, was ihn eigentlich interessierte: Der Sendeplatz am Sonntagabend nach dem „Tatort“, und nur der. Denn trotz aller Veränderungen der TV-Gewohnheiten der Deutschen ist der sonntägliche Dreiklang „Tagesschau“, „Tatort“, Talkshow noch immer eine Garantie dafür, dass Millionen dranbleiben. Da ist es nicht schwer, gute Quoten einzufahren, zumal mit der Prominenz eines Günther Jauch, der in Umfragen nach dem beliebtesten Deutschen immer auf den ersten Plätzen zu finden ist.

Selbstverständlich war das auch der Grund, weshalb die ARD so sehr an diesem Mann interessiert war – wegen seiner Qualitäten als Quotenbringer, nicht wegen seiner fraglichen Qualitäten als politischer Kopf. Wenn er den in seinem von Berlinern zum Jauchometer umbenannten Sendestudio ein wenig schief legte und besorgt-naiv die nächste Frage stellte, klang das oft eher nach der „Sendung mit der Maus“ als nach einer Informationssendung für Erwachsene. Das Quotenkonzept aber ist dennoch aufgegangen. „Mit durchschnittlich 4,62 Millionen Zuschauern und einem durchschnittlichen Marktanteil von 16,2 Prozent ist Günther Jauch der erfolgreichste Talk, den das Erste jemals am Sonntagabend ausgestrahlt hat“, teilte seine Produktionsfirma zum Abschluss ihrer Arbeit mit.

Zahlen sind das eine. Doch Erfolg sieht anders aus. Wenn Günther Jauch jetzt geht, verlässt der letzte eines Trios die große, gebührengepolsterte Bühne. Über ein Vierteljahrhundert lang haben Thomas Gottschalk, Harald Schmidt und Günther Jauch das deutsche Familienfernsehen geprägt.

Alle drei konnten sie sich zunächst einmal im öffentlich-rechtlichen Übungsraum der späten Achtzigerjahre ausprobieren, bevor sie in den Boomzeiten als Stars zu den Privaten wechselten – um dann als Altstars für hohe Gagen in den Schoß der Gremien zurückzukehren. Gottschalk sollte schließlich an seiner Eitelkeit scheitern, Schmidt an seiner Arroganz. Beide unterlagen der Fehleinschätzung, dass allein ihre Person Konzept genug sein würde. Sie nahmen sich selbst wichtiger als ihr Publikum. Und Jauch? Jauch, Herzenspreuße, der er ist, fühlte sich stets als Diener des Publikums. Gescheitert ist er an sich selbst. An seinem Ehrgeiz, noch einmal „was journalistisch Sinnvolles“ zu machen, wie es ihm die ARD-Oberen empfahlen, als sie um ihn als Sonntagstalker warben. Mit der heiteren Raterei „Wer wird Millionär?“ und einer Spielshow hier und da bei RTL wird Jauch weiterhin im Fernsehen präsent sein, doch seine journalistische Ambition kann er begraben.

Und die hat er immer gehabt, daraus machte er nie einen Hehl. Als ihn der Publizist Günter Gaus einmal fragte, was sein Beruf sei, antwortete Jauch: „Journalist“. Der Journalismus verschaffe ihm die Freiheit, „seine eigene Neugier zugunsten vieler anderer, die das auch interessiert, zu befriedigen.“ Jauch hatte sein Jurastudium in Berlin 1975 abgebrochen, um an die Journalistenschule in München zu wechseln. Bald wurde er beim Bayerischen Rundfunk für das Radio entdeckt, wo er zum Beispiel Berichte aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn in die Zentrale schickte.

Er hatte dann auch eine tägliche Sendung, die B3-Radioshow, in der er Gesprächspartner aus der Politik zu aktuellen Themen befragte. Vor ihm war ein eher unterhaltungsorientierter Kollege dran und die Übergaben am Mikrofon müssen sehr lustig gewesen sein, so erzählen es die Ohrenzeugen jedenfalls heute noch.

Der Kollege hieß Thomas Gottschalk, an dessen Seite Jauch fortan ein Doppelleben führte. Hin- und hergerissen zwischen Anspruch und Klamauk, „E“ und „U“, wie es der deutsche Kulturbetrieb so humorlos trennt. Bei ihm kam sogar noch „I“ hinzu, Information. Mit 29 Jahren wechselte Günther Jauch zum Fernsehen. In der Jugendsendung „Live aus dem Alabama“ durfte er seine Talente als Kombinierer der verschiedenen Genres schon mal zur Geltung bringen. Umrahmt von einem Popkonzert gab es Diskussionsrunden, die sich durchaus anspruchsvollen Themen widmeten, so etwa im März 1987 unter dem Titel „Junge Juden in Deutschland“. Man kann sich Ausschnitte daraus auf Youtube anschauen, und wenn man die Augen schließt, meint man den Jauch von heute zu hören. Immer etwas zaudernd in der Ansprache, mit einem naiven Unterton, der den eigenen Standpunkt allerdings eher noch unterstreicht. Damals hat er seine Gesprächspartner noch geduzt, was er sich später abgewöhnte. So nah am Menschen sich Jauch in seinen Sendungen gibt, so sehr auf Distanz bedacht ist er in Wirklichkeit. Was für eine Fernsehfigur kein schlechter Zug sein muss.

Der Unterhaltungsonkel der Deutschen

Die Rolle des Unterhaltungsonkels, für die ihn viele Zuschauer ja nach wie vor zu Recht lieben, ist eben genau das: eine Rolle. Harald Schmidt hat das einmal sehr schön vorgeführt, als er Passagen aus „Wer wird Millionär?“ der Video-Analyse unterzog. Die hängenden Mundwinkel, die aufgeplusterten Backen, die zerfurchte Stirn, der entsetzte Blick. Verzweiflung, Enttäuschung, Ratlosigkeit. „Was Günther Jauch mimisch und schauspielerisch innerhalb von einer Minute bringt, das sehe ich von achtzig Prozent der Seriendarsteller in ihrem ganzen Leben nicht“, hat Harald Schmidt damals bemerkt und die Zeitschrift „Theater heute“ aufgefordert, Jauch zum Schauspieler des Jahres zu küren.

Als eine Art Schauspieler ist er dann auch in seine sonntägliche Talkshow gestartet. Das war vielleicht sein größter Irrtum. Er dachte, er könnte den Talkshow-Moderator wie in einem Film von Helmut Dietl spielen. Mit sparsamen Gesten, wie man so sagt, die Karteikarte als Dauerrequisit.

Missbrauch, Steuern, Sterbehilfe. Ein besorgtes Gesicht pro Abend hätte gereicht. Doch bald wuchs dem Darsteller die Weltgeschichte über den Kopf. Pegida, Islam Terror, da fehlten ihm die schauspielerischen Mittel. Mit leerem Blick durch die Lesebrille versuchte er, die Themen halbwegs textsicher wegzumoderieren. Auch das klappte dann irgendwann nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Als er auf dem Höhepunkt der Griechenlandkrise den damaligen Finanzminister des Landes, Yanis Varoufakis, als „italienischen Bruce Willis“ vorstellte und im Laufe des Abends dann noch jenes falsch kommentierte Video mit dem Stinkefinger zeigte, das den griechischen Politiker in ein schlechtes Licht rückte, musste man spätestens jetzt an der Seriosität des Sonntagsplauderers Jauch zweifeln.

Szenen wie diese wiederholten sich. Im April ließ sich Jauch von dem Aktivisten Harald Höppner verdutzen, als der am Ende der Sendung aufsprang und um eine Schweigeminute für die im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge bat. Jauch stand ungeduldig daneben. Man merkte, wie unangenehm ihm die Situation war. Wie unsouverän er reagierte. Schlimmer wurde es dann nur noch, als ihm nicht mal dann etwas einfiel, als der Erfurter Rechtspopulist Björn Höcke sein Deutschlandfähnchen auspackte. Worauf der Journalist nicht zu reagieren wusste. Die Kritik darauf war verheerend. Aber Jauch hatte da ja längst schon seinen Abschied eingereicht. Er wollte es wohl bloß noch hinter sich bringen. Zum Schluss sah es so aus, als sei der neugierige Journalist, als der er sich einmal gesehen hat, nicht mal mehr auf seine eigene Sendung neugierig. Seit dreißig Jahren amüsiert Günther Jauch die Leute. Jetzt ist etwas passiert, womit er selbst wahrscheinlich nicht gerechnet hat. Er wurde zur traurigen Figur.

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