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Im sächsischen Künstlergut Prösitz können Kunststipendiatinnen arbeiten, während ihre Kinder betreut werden. Es ist, seit 25 Jahren, das einzige derartige Angebot in Deutschland.

Frauenförderung

Empowerment sieht anders aus

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Die Linke fragte bei Monika Grütters an, wie ernst sie es mit der Geschlechtergerechtigkeit meint. Die lieblose Antwort enttäuscht, findet Petra Kohse.

Man kann nicht sagen, dass sich nichts geändert hätte. Vor ein paar Jahren wurden Frauen in Büros von Besuchern noch gerne gefragt: „Kann ich mal den Chef sprechen?“ Heute ist es Chefinnensache, Frauen beruflich nach vorne zu bringen. In der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung an der Kreuzberger Oranienstraße versichern derzeit acht Berliner Unternehmensleiterinnen (und zwei -leiter) gut gestylt und in Lebensgröße auf steinkreisartig arrangierten Aufstellern schon im Foyer, dass „Gleichstellung gewinnt“. Und es um „Kulturwandel in Unternehmen“ gehe. Bei der BVG (Sigrid Evelyn Nikutta) oder der Stadtreinigung (Tanja Wielgroß) ist dieser Wandel auch leicht machbar: gleiches Gehalt, Quote in den Leitungspositionen, fertig. 

Wie aber sorgt der Staat bei der Kulturförderung für Gerechtigkeit, wo ja viel von künstlerischen Entscheidungen abhängt, in die er sich nicht einmischen darf? Und wo viele Freischaffende tätig sind und von Projektgeldern zu leben versuchen. Wenn Kinderbetreuung förderfähig wäre, die Künstlersozialkasse Stipendien als Einkommen anerkennen würde, Residenzen auch mit Kindern angetreten werden könnten oder Theater noch Gästewohnungen hätten, gäbe es vielleicht weniger Armut oder Karriereabbrüche unter Künstlerinnen ...

Obwohl ihr Haus nicht für Soziales zuständig ist, auf steuerliche Fragen keinen Einfluss hat und der gesamte Bildungsbereich sowie ein großer Teil der kulturellen Angelegenheiten Ländersache ist, hat sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters in den letzten Jahren öffentlich stark der Frage der Frauen in Kultur und Medien angenommen und dafür viel Lob und viele Fotos mit Prominenten aus Film und Fernsehen geerntet. Unter dem Motto „Weil es 2017 ist!“ brachte sie vor einem Jahr bei einem Empfang im Kanzlerinnenamt die Arbeit eines Runden Tisches zum Thema Frauen in Kultur und Medien zum Abschluss, dessen Forderungskataloge sich zu sechs spartenübergreifenden Punkten destillieren ließen: 1. Paritätische Besetzung von Jurys und Gremien, 2. Verstetigung des Runden Tisches, 3. Gender-Monitoring, 4. Verleihung frauenspezifischer Preise, 5. Verbesserung der sozialen Situation von Künstlerinnen, 6. Mentoring. Für die Umsetzung dieser Ziele stellte die Ministerin dann allerdings lediglich auf drei Jahre hin jährlich 100.000 Euro für ein Büro im Gefüge des Deutschen Kulturrats zur Verfügung. Immerhin, könnte man nach Frauenart sagen. Ein Anfang.

Seit November 2017 ist im Kulturrat jetzt 30 Stunden die Woche (für mehr reicht das Geld nicht) eine Referentin für Frauen in Kultur und Medien tätig, Cornelie Kunkat. Und so engagiert sie sich der Sache widmet, ist sie natürlich auch nicht Jesus, der mit fünf Broten und zwei Fischen die Fünftausend speisen konnte. Sie hat ein Mentoringprogramm für Frauen in Führungspositionen in Gang gebracht, erhebt gemeinsam mit dem Kulturrat Daten für einen Report und ist damit ausgelastet. 

Dennoch ist mit der Einrichtung und gegenwärtigen Ausstattung dieses Büros für Monika Grütters die Sache jetzt offenbar erledigt, wie sie in ihrer Antwort auf eine entsprechende Anfrage der Fraktion Die Linke aktuell zum Ausdruck brachte: Fortsetzung des Runden Tisches? Obliegt der Verantwortung des Büros. (Und damit den Gremien des Kulturrates, die es schon vorher gab.) Gerechtere Verteilung der Fördergelder? Wird sich durch die Arbeit des Büros schon irgendwie ergeben. Welche Förderpreise für Künstlerinnen vergibt die Bundesregierung? Den Gabriele-Münter-Preis für Bildende Künstlerinnen über 40 Jahre, gerade 2017 zum siebten Mal. Aber hat man nicht gehört, dass der nicht fortgesetzt werden soll? „Die Überlegungen der Bundesregierung hierzu dauern an.“ Sind weitere frauenspezifischen Preise oder Stipendien geplant? Nein. Ist ein Förderprogramm für junge weibliche Kulturschaffende geplant? Nein. Wird das Projektbüro über 2020 hinaus finanziert? Darüber „wird zu gegebenem Zeitpunkt entschieden werden“. 

Simone Barrientos, kulturpolitische Sprecherin der Linken, zeigt sich über diese „uninformierten und leidenschaftslosen Antworten“ entsetzt. Offensichtlich habe sich Monika Grütters mit der Einrichtung dieses Büros „von ihrer Verantwortung freigekauft“, wird sie in einer Pressemitteilung der Linke-Fraktion zitiert. „Für diejenigen, die sich für Gleichberechtigung in der Branche einsetzen, ist das ein Schlag ins Gesicht. Empowerment sieht anders aus!“ In der Tat war auch im Fall der Neubesetzung der Berlinale-Leitung von der von Grütters vollmundig angekündigten gemischtgeschlechtlichen Doppelspitze am Ende nicht mehr viel übrig. 

Doppelspitze? Nur, wenn sie das Gleiche verantworten

Erst sickerte der Name des zukünftigen künstlerischen Entscheiders Carlo Chatrian vorzeitig in die Öffentlichkeit und wurde in den Medien groß gefeiert, dann tröpfelte zwei Tage später nach, dass Mariette Rissenbeek die Geschäfte führen werde – eine Nachricht, die es nur noch in die Meldungsspalten schaffte, was andererseits gut war, denn Rissenbeek war selbst Mitglied der dreiköpfigen Findungskommission. Überhaupt: „Doppelspitze“? Arbeitsteilung von Geschäfts- und Kunstverantwortung findet sich in fast jedem Theater, ohne dass das so hieße. Echte Doppelspitze ist, wenn zwei im Dialog das Gleiche verantworten.

Noch einmal: Die Staatsministerin Monika Grütters ist nicht die Gleichstellungsbeauftragte des deutschen Kulturbetriebs. Sie muss sich nicht in stärkerem Maße um Geschlechtergerechtigkeit bemühen als der Anstand das heute jedem gebietet. Wenn sie sich das Thema aber in fetten Lettern auf die Fahne schreibt, um es dann inhaltlich auszuhungern, schadet sie der Sache. Von ihrer eigenen Klientel, den Künstlern und Künstlerinnen, könnte sie lernen, dass jeder nur darin gut ist, wofür er (oder sie) bis zum Ende zu brennen bereit ist.

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