"Da Kunstgegenstände weltweit gehandelt werden, ist ein großer Markt vorhanden, der immer wieder bedient werden muss. Daher sind Kunstdiebstähle, Fälschungen und Raubgrabungen ein lukratives Geschäft ", sagt BKA-Sprecherin Julia Gärtner.
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"Da Kunstgegenstände weltweit gehandelt werden, ist ein großer Markt vorhanden, der immer wieder bedient werden muss. Daher sind Kunstdiebstähle, Fälschungen und Raubgrabungen ein lukratives Geschäft ", sagt BKA-Sprecherin Julia Gärtner.

Berlin

Eldorado für Kunstdiebe

Fast jeder dritte Kunstdiebstahl passiert in der Hauptstadt. Die Langfinger schlagen am liebsten in teuren Villen zu. Aber auch die vielen Museen, Galerien und Ausstellungen ziehen sie an.

Berlin. Langwierige Ermittlungen sind für Kunstfahnder keine Seltenheit. Die Kriminellen wollen ihre heiße Ware zwar meist schnell in Bares umsetzen, jedoch dauert es oft eine Weile, bis das Diebesgut auf dem Hehlermarkt wieder auftaucht.

Deshalb ist Bernd Finger, Chef der Abteilung Organisierte Kriminalität und Bandendelikte im Berliner Landeskriminalamt (LKA), auch nicht beunruhigt, dass es im Fall des Einbruchs zum Jahreswechsel in die hauptstädtischen Fasanengalerie keine heiße Spur zu den Tätern gibt.

Zu den verschwundenen mehr als 30 Kunstwerken gebe es noch keine konkreten Hinweise, sagte der Leitende Kriminaldirektor im ddp-Interview. Die Diebe hatten bei einem der "spektakulärsten Kunstdiebstähle der vergangenen Jahre" unter anderen Radierungen, Lithographien und Skulpturen von M.C. Escher, Henri Matisse, Pablo Picasso und Georges Braque im Wert von etwa 180.000 Euro geraubt.Dass einige gestohlene Bronzeskulpturen möglicherweise bereits in einer Gießerei gelandet sind, will der 58-jährige Chefermittler nicht ausschließen.

Die meisten Kunstwerke verschwänden bei Wohnungseinbrüchen, sagt Finger. "In mehr als 50 Prozent der Fälle steigen die Diebe in teure Villen und Eigentumswohnungen ein. Sie greifen alle Wertgegenstände, die glitzern und glänzen und auf den ersten Blick wertvoll aussehen", erläutert der Kripoexperte. Die Kriminellen hätten kaum Kunstsachverstand, setzten vielmehr auf den schnellen Weiterverkauf, auch zum "kleinen Preis".

Auch nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes (BKA) liegen die Tatorte der Kunstdiebe überwiegend in Wohnhäusern, Wohnungen und Villen, gefolgt von Geschäften, Galerien, und Auktionshäusern.Gestohlen werden demnach vornehmlich "Gemälde, Grafiken und Zeichnungen", weniger Skulpturen oder Porzellan.

"Da Kunstgegenstände weltweit gehandelt werden, ist ein großer Markt vorhanden, der immer wieder bedient werden muss. Daher sind Kunstdiebstähle, Fälschungen und Raubgrabungen ein lukratives Geschäft auch für Kriminelle", sagt BKA-Sprecherin Julia Gärtner auf ddp-Anfrage in Wiesbaden.

Berlin mit den vielen Museen, Galerien, Ausstellungen sowie Kunstwerken auf öffentlichen Straßen und Plätzen zieht Täter besonders an. Deshalb verfügt das LKA seit vergangenen Sommer über ein bundesweit einzigartiges Fachkommissariat Kunstdelikte, wie Chef Finger betont. "Seit dem Mauerfall hat sich die Zahl der Kunstdelikte in der Hauptstadt verdreifacht", sagt er.

In den vergangenen fünf Jahren registrierte die Polizei gar eine Verfünffachung der gemeldeten Taten: "Knapp 700 waren es 2008 - beispielsweise Bilder, Antiquitäten, Skulpturen, antike Möbel." Damit wird fast jede dritte Kunstdiebstahl in Deutschland in Berlin verübt.

Rund 2000 Fälle registrierte das BKA zuletzt bundesweit im Jahr. Eine deutliche Zunahme wie in Berlin sei jedoch nicht zu erkennen, sagt Gärtner. Zwar gebe es eine Steigerung für 2007 im Vergleich zum Vorjahr von rund 17 Prozent, die Zahlen lägen aber insgesamt noch weit unter dem Niveau der 90er Jahre, als durchschnittlich 2500 Delikte jährlich gemeldet wurden.

Der Bundesverband Deutscher Kunstversteigerer (BDK) sieht keinen bundesweiten Anstieg gestohlener oder gefälschter Kulturobjekte."Immer mal wieder geäußerte Mutmaßungen, dass jedes zweite angebotene Kunstwerk gefälscht ist, ist absoluter Blödsinn", sagt BDK-Geschäftsführer Dieter Löhr in Wiesbaden. "Dieser Prozentsatz ist nicht zu schätzen. Klar ist, dass gefälschte Ware aber auch nicht die Ausnahme ist."

Die Versteigerer arbeiten laut Löhr auch mit der weltweit größten Datenbank über Kunstdiebstähle, der Organisation Art Loss Register, zusammen. "Bei einem begründeten Anfangsverdacht werden Nachforschungen angestellt", versichert Löhr. Zudem verfügt der Verband der Kunstversteigerer seit rund fünf Jahren über eine interne Datenbank mit entdeckten Fälschungen.

Auf den Informationsaustausch setzt auch die Polizei. Kontakte zu Verbänden und Museen gehörten ebenso zur alltäglichen Arbeit wie der Rat von Sachverständigen im In- und Ausland und der regelmäßige Besuchen von Trödelmärkten, sagt Finger. Diese Kunstlobby half auch 2002, als Einbrecher im Berliner Brücke-Museum neun expressionistische Gemälde von Erich Heckel, Emil Nolde, Max Pechstein und Ernst Ludwig Kirchner im Wert von 3,6 Millionen Euro erbeutet hatten.

Die Kunstwerke wurden Wochen später in einer Wohnung der Hauptstadt sichergestellt. Chefermittler Finger ist stolz, dass rund 30 Prozent dieser Fälle in Berlin aufgeklärt werden. Bundesweit ist es jeder vierte Kunstdiebstahl. (ddp)

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