Unter Tieren

Der Ekel als Werbefaktor

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Insektenburger und Insekten-Grillgut haben auch in deutsche Kühlregale Einzug gehalten.

Der folgende Text ist für alle gedacht, die in diesem Sommer keine Gelegenheit finden, nach Malmö zu reisen, und er beginnt an den Ufern Istanbuls. Dort nämlich lernte ich schwimmen: im Marmarameer, das den Bosporus mit dem Mittelmeer verbindet. Angesichts dessen, dass Istanbul zu einer 15-Millionenstadt mit entsprechend vielen menschlichen und industriellen Ausscheidungen angewachsen ist, gleicht es heute bereits einer Mutprobe, ins dortige Wasser einzutauchen. Als Kinder jedoch prüften wir unsere Nervenstärke dort, wo der Schwimmerbereich endete.

Diese Grenze wurde durch eine Tonne markiert, die an einer Eisenkette im Meeresboden verankert war. Wir wussten, dass sich die Tonne nicht fortbewegen konnte. Wir wussten, dass der Tang an der Kette keine Monster barg. Eine Mutprobe war es dennoch, nah an diese Tonne heranzuschwimmen oder gar zur Kette zu tauchen.

An diese Szenen musste ich denken, als ich von einem relativ neuen Museum in Malmö hörte, das sich auf „ekliges Essen“ spezialisiert. Berichten zufolge ist da vergammeltes Robbenfleisch zu bestaunen, inklusive vergammelter Alkvögelfüllung. Es gibt ein mongolisches Tomatensaftrezept mit Schafsauge, chinesischen Mäusewein oder Fledermaussuppe nach pazifischer Art.

Angesicht dessen, dass weder Serranoschinken aus frischem Schwein noch Käse aus frischer Milch bestehen, sondern auch deren Geschmack wesentlich auf mikrobiologischen „Reifungs“-Prozessen beruht, hätte man gar nicht so weit suchen müssen. Oder man denke an all das, was in so einem Wurstdarm landet, oder wie Truthähne fixiert und „abgesamt“ werden, oder in was für einem Dreck die Legehühner vor sich hin vegetieren, deren oft verletzte Kloaken Frühstückseier herauspressen…

Jedes Politmagazins bietet heutzutage so viel Reality-Grusel zum Thema „unser Essen“, dass viele Zuschauern lieber rasch den Fernsehkanal wechseln. Die eine Mutprobe bestünde somit darin, in Malmö vom ekligen Essen zu kosten; die andere, sich dem Horror dessen zu stellen, was im heimischen Kühlschrank respektive im eigenen Magen ruht.

Aber man erspäht das Sonderbare natürlich immer am besten in der Ferne, und sowieso ist Ekel nun mal kulturabhängig und relativ. Genau da setzt anscheinend auch der Kurator des erwähnten Museums an, der nämlich Zeitungsberichten zufolge eine gleichsam volkspädagogische Absicht verfolgt. In Zeiten des Klimawandels ist schließlich immer öfter von den Umweltproblemen die Rede, die der Fleischkonsum verursacht; da wäre es doch praktischer (meint der Kurator), wir stiegen auf Insekten um!

Die Herstellung von menschlicher Nahrung aus Insekten sei ressourcen- und energieschonender als die von Fleisch und könnte daher eine Rettung für die Menschheit bedeuten.

Ich bezweifle das. Also ich bezweifle nicht, dass Insekten-Essen besser (oder: etwas weniger schlecht) für die Umwelt wäre als Wirbeltiere-Essen; aber am ressourcenschonendsten wäre es zweifellos, wir Menschen verspeisten Getreide, Eiweißpflanzen und Gemüse, die wir an Mast-Vieh respektive Mast-Insekten verfüttern, direkt. Unmengen von Ackerland würde frei; unendlich viel Süßwasser könnte gespart werden. Der Energieverbrauch durch den Transport sowie durch Beleuchtung, Heizung und Kühlung der Ställe fielen weg.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Zuletzt ist ihr Buch „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“ im DuMont Buchverlag erschienen.

Hier kommt der Ekel-Faktor als positiver Werbefaktor ins Spiel. Bereits letztes Jahr haben dank gewisser Gesetzesänderungen Insektenburger und Insekten-Grillgut auch in deutsche Kühlregale Einzug gehalten; immer wieder wurden sie mit dem Motiv „Mut“ geworden. Während sich die einen Werbebotschaften Jahr ums Jahr bemühen, blutige Steaks mit Testosteron verheißender Männlichkeit zu verknüpfen, versprechen die anderen nun spektakulären Kitzel beim Zermalmen von Maden oder beim Nagen an Insektenbeinchen.

Tschuldigung, aber das ist beides gleich lächerlich. Mut erfordert es, sich ohne Betäubungsspritze in den Zähnen bohren zu lassen, Menschen aus dem Mittelmeer zu retten, oder meinetwegen auch das Bungee-Jumping. Mut braucht es, um mit gesellschaftlichen Konventionen und Hierarchien radikal zu brechen… wie zum Beispiel der Dominanz der Menschen über die Tiere. Ungelogen: Man hat schon bibbernde Fleischesser an veganen Grillbuffetts stehen sehen und wispern hören: „Ich weiß nicht, ob ich mich traue, von der Sojawurst zu probieren.“ Nur Mut! Tomaten, Erbsen und Bohnen sind gar nicht so gefährlich, wie sie tun.

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