1. Startseite
  2. Kultur

Die Einschüchterungsstrategie geht auf

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Arno Widmann

Kommentare

Islamisten riefen 2010 in Pakistan zum Mord an dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard wegen   dessen Mohammad-Karikaturen auf.
Islamisten riefen 2010 in Pakistan zum Mord an dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard wegen dessen Mohammad-Karikaturen auf. © dpa

Ein französischer Verlag verzichtet auf die Veröffentlichung eines Buchs über den „islamischen Faschismus“ - aus Furcht vor Islamisten und Rechtsextremisten.

Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 in Kairo, kam 1995 nach Deutschland, studierte Englisch, Französisch, Japanisch und Politikwissenschaften. Bekannt ist er für seine islamkritischen Arbeiten. 2014 erschien im Droemer Verlag von ihm „Der islamische Faschismus – Eine Analyse“. Der Verlag hat Lizenzen in die USA, Tschechien, Ungarn, Schweden, Estland und Frankreich verkauft.

Der französische Verlag Piranha Edition hat die Übersetzung fertig. Das Buch sollte im September erscheinen. Allerdings schon unter einem eingeweichten Titel: „Ist der Islamismus eine Art Faschismus?“ Jetzt hat der Verlag das Buch zurückgezogen. Das Risiko sei ihm zu groß, schrieb er an Hamed Abdel-Samad.

Der erklärt in einer Stellungnahme dazu: „Nach dem Anschlag von Nizza beschloss der Verleger, das Buch überhaupt nicht erscheinen zu lassen, weil, wie er in einer Mail schrieb, die Konsequenzen für den Verlag tödlich sein könnten; der Verlag könne für seine Sicherheit nicht sorgen. Es könnte einen ähnlichen Anschlag wie bei ,Charlie Hebdo’ geben. Hätte der Verleger seine Mail an dieser Stelle beendet, könnte ich ihn verstehen, denn es geht tatsächlich um Leben und Tod, und ich kann nicht von jedem verlangen, das gleiche Risiko einzugehen, das ich mit meinen Büchern eingehe. Doch dann kam sein zweites Argument, warum eine Veröffentlichung zu diesem Zeitpunkt nicht möglich sei. Das Buch könne Wasser auf die Mühlen der Rechten in Frankreich gießen. Diese Rechten hat es in Frankreich vor zwei Jahren nicht gegeben, als der Verlag die Rechte für das Buch erwarb! Sie haben auch die Islamisten in Frankreich nicht daran hindern können, Bücher zu veröffentlichen und sie in den Moscheen zugänglich zu machen! So weit sind wir schon in Europa gekommen. Ein Verlag beugt sich der Einschüchterungstaktik der Islamisten. Es ist noch nicht lange her, da schrieb dieser Verleger ,Je suis Charlie’, heute schreibt er ,Ich habe Angst, Charlie zu werden.’... Die Krokodile, die du jetzt fütterst in der Hoffnung, dass sie dich nicht fressen, werden auch dich am Ende auseinandernehmen.“

Droemer hat das Buch herausgebracht

Hamed Abdel-Samad hat mit jedem Satz recht. Sowohl mit dem, dass man von niemandem Todesmut erwarten kann, als auch mit dem, dass es einem nichts hilft, dem zu gehorchen, der einen beseitigen will. Das Dilemma ist glasklar beschrieben. Jeder von uns hilft sich mal so mal so heraus. Die Wahrheit ist natürlich: Kaum jemand von uns kommt in diese Lage, noch weniger wollen begreifen, dass sie in dieser Lage sind. Immerhin: Droemer, ein großer deutscher Verlag hat das Buch herausgebracht. Da war Hamed Abdel-Samad bereits mit einer Fatwa bedroht, er hatte schon abtauchen müssen.

Keiner der anderen Lizenznehmer ist bisher vom Vertrag zurückgetreten. Bei Prometheus Books ist seit Januar des Jahres die amerikanische Ausgabe des Buches unter dem Titel „Islamic Fascism“ zu haben.

Niemand muss der Auffassung folgen, der Islamismus sei eine Spielart des Faschismus und ebenso wie dieser und der Nationalsozialismus und Stalinismus eine Nachgeburt des Ersten Weltkrieges. Aber natürlich wird man nicht klüger, wenn man nicht vergleicht. Die Ähnlichkeiten sind frappierend. Allerdings ist der Brauch, jeden einen Kopf kürzer zu machen, der nicht der Meinung des Führers folgt, keine faschistische Erfindung. Auch die Ausrottung ganzer Populationen einschließlich derer, die bereit waren, den Machthabern ewige Treue zu schwören, ist keine Errungenschaft des frühen 20. Jahrhunderts. Es hat auch nicht des Islam bedurft, um Heer- und Religionsführer zu verschmelzen.

Die Qualität des Buches von Abdel-Samad liegt nicht im Titel, sondern in den Belegen, die er für die lauernde und die tatsächliche Aggressivität anführt, die die islamische Geschichte, auch die der Koran- und Hadith-Auslegung begleiten. Über das Christentum sind völlig zu recht ganz ähnliche Geschichten geschrieben worden. Auf den Buddhismus, über den sich eine merkwürdig idealisierte Anschauung hält, beginnt man jetzt ähnlich kritisch zu sehen.

Dem Shinto-Kenner Abdel-Samad stehen auch jede Menge „faschistoider“ Züge dieser japanischen religiösen Tradition vor Augen. Mit dem Wort Faschismus ist wenig geholfen. Es sei denn dem, der es braucht, um sich die Augen für das Offensichtliche öffnen zu lassen.

Jede dieser Religionen hat auch andere Seiten. Welche gerade auf Tagesordnung kommt, ist eine Frage der aktuellen Lage. Mit den Traditionen hat das wenig zu tun. Diese Klamottenkiste steht da, und jeder holt sich raus, was er braucht. Ein Jahrhundert lang wurden von der katholischen Kirche „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ bekämpft, heute wird behauptet, es handele sich um säkularisierte, christliche Werte.

Nochmal zurück zu Abdel-Samads französischem Verleger, zu dem zahnlosen Piranha: Als am 14. Februar 1989 Ajatollah Chomeini alle Muslime dazu aufforderte, Salman Rushdie, den Autor der „Satanischen Verse“ und seine Verleger zu töten, bildete sich in Deutschland der Artikel 19 Verlag. Er nannte sich nach dem Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“

Rund 90 Verlage schlossen sich im Artikel 19 Verlag zusammen und gaben Rushdies „Satanische Verse“ heraus. Wenn Piranha sich mit ein paar Forellen und Barschen zusammentut, könnte er vielleicht immer noch dem Artikel 19 auch im Falle von Abdel-Samad zur Geltung verhelfen.

Auch interessant

Kommentare