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Früher einmal soll es eine einfachere Welt gegeben haben, in der man ohne Umwege und Frustrationen das tun konnte, was man vorhatte. Ich glaube nicht, dass es diese Welt jemals gab, oder falls doch, ist es schon ein paar hundert Jahre her.
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Früher einmal soll es eine einfachere Welt gegeben haben, in der man ohne Umwege und Frustrationen das tun konnte, was man vorhatte. Ich glaube nicht, dass es diese Welt jemals gab, oder falls doch, ist es schon ein paar hundert Jahre her.

Update

Einfachnurizität

  • Kathrin Passig
    VonKathrin Passig
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„Ich will einfach nur, dass das funktioniert!“ Sagen Sie das auch öfter? Das mit dem „einfach“ ist aber so eine Sache.

Ich will doch nur“, habe ich in meinem Leben schon oft geschrien und dabei mit der Maus auf die Tischplatte gehämmert, jedenfalls in den Jahren, als ich noch eine Maus hatte. Die Mauszeit ist für mich 2008 zu Ende gegangen und seitdem muss ich meinen Zorn in mich hineinfressen, die verbleibenden Geräte sind zu empfindlich für Triebabfuhrgehämmer. Dabei will ich immer noch genauso oft, dass irgendeine ganz einfache Sache so funktionieren soll, wie ich es mir vorstelle.

Mein Techniktagebuch-Mitautor Oliver Laumann ist der Meinung, man könne inzwischen gar nicht mehr nur „fernsehen, das Licht einschalten, telefonieren, Wäsche waschen oder etwas kochen“, weil das „halt heute alles vernetzte Computer sind (sogar die Turnschuhe)“. Früher einmal hätte es also eine einfachere Welt gegeben, in der man ohne Umwege und Frustrationen das tun konnte, was man vorhatte. Ich glaube nicht, dass es diese Welt jemals gab, oder falls doch, ist es schon ein paar hundert Jahre her. Bestimmt gab es Menschen, die angesichts von Gas- oder Elektroherden erklärten, sie wollten doch einfach nur das Teewasser zum Kochen bringen und sich dafür nicht mit einem komplizierten Apparat auseinandersetzen. Oder: Das Pferd finde den Weg nach Hause von allein, das Auto nicht. Die neue Lösung kann mehr und andere Dinge als ihre Vorgängertechnik, aber deren Einfachnurizität bleibt dabei auf der Strecke.

Beim Vorbringen dieser Klage kann man leicht übersehen, dass schon die unsmartesten Geräte erhebliche Komplexität in den Haushalt gebracht haben. In Zeiten, in denen erst einmal im ganzen Haus und der Nachbarschaft Wasserrohre, Gasleitungen oder Kabel verlegt werden mussten, bevor man ganz einfach einen Knopf drücken konnte, wurden sicher auch gelegentlich Sätze mit „Ich will doch nur …” begonnen und mit “... das kann doch nicht so kompliziert sein!“ beendet.

Ganz neue Technologien sind ein paar Jahre lang schwieriger als unbedingt nötig, bis sie allmählich zuverlässiger und benutzbarer werden. Ihre verwickelten Voraussetzungen werden unter Putz verlegt und geraten bei allen außer den Verlege- und Reparaturzuständigen in Vergessenheit. Aber ein zweiter Teil des Problems wohnt nicht in der Technik, sondern in den Wünschen selbst.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Es hilft, gelegentlich – und sei es nur zum Spaß und in der Freizeit – ein paar Zeilen Code zu schreiben. Man versteht danach besser, wie komplex die Vorgänge sind, deren Beschreibung wir leichtfertig mit „ich will doch nur“ einleiten. Der IT-Manager und Autor Felix Schwenzel hat 2016 in seinem Blog wirres.net dokumentiert, was passiert, wenn man einfach nur für nächtliche Klogänge ein bisschen Licht für den Weg durchs Wohnzimmer haben möchte. „nicht zu viel, nur ein bisschen gedimmtes licht. eigentlich einfach: wenn das wohnzimmer dunkel ist und die sonne untergegangen ist (und nur dann) schalte die stehlampe mit der hue-birne nach detektierter bewegung für 5 minuten auf 20% helligkeit.“ Es ist ein längerer Beitrag, in dessen Verlauf immer neue Feinheiten dieses Wunschs ans teilautomatisierte Licht kommen: Was ist, wenn jemand nach Sonnenuntergang ins dunkle Wohnzimmer kommt und gar nicht auf dem Weg zum Klo ist, sondern im Wohnzimmer bleiben möchte? Was, wenn Gäste kommen, die im Wohnzimmer schlafen?

In meinem Leben spielt Heimautomatisierung bisher keine Rolle. Ich bin froh, wenn die zwischen 1910 und 1990 eingebauten Schalter und Knöpfe in meiner Wohnung bei manueller Betätigung das Erwartete tun. Einblicke in die fundamentale Kompliziertheit von allem gewinne ich stattdessen beim Gebrauch von Textverarbeitungssystemen. „Ich will doch nur“, rufe ich, „dass die Fußnoten auf derselben Seite stehen wie ihr Fußnotenzeichen!“ Oder „Ich will doch nur, dass Abbildungen auf derselben Seite stehen wie der Text, zu dem sie gehören!“ Dabei wird schon nach kurzer Nachdenkzeit klar, dass es sich um vertrackte Probleme handelt. Eine Fußnote auf der einen Seite führt dazu, dass mehr Text auf die nächste Seite fließen muss und mit ihm womöglich die Erwähnung der Abbildung. Oder ein weiteres Fußnotenzeichen. Ich habe nur erfolgreich verdrängt, wie viele meiner zum Teil unvereinbaren Wünsche im Hintergrund bearbeitet werden. Über die Vorgänge, die hinter dem Wunsch stehen, einfach nur eine Seite zu drucken, womöglich am Drucker eines fremden Haushalts, will ich so wenig wie möglich wissen. Ich möchte weiterhin unbeschwert nach einfach nur verlangen können und so wenig über die entsetzlichen Einzelheiten von PostScript, PCL und Druckertreibern nachdenken wie über das Geschehen in meinen eigenen Körperzellen.

Vernünftigere Menschen würden jeden Plan oder Wunsch entsprechend formulieren: „Ich möchte etwas sehr, sehr Kompliziertes und weiß nicht, ob das geht: Wenn ich diesen Schalter betätige, soll das Licht angehen“. So bekommt man ein realistischeres Verhältnis zur Komplexität der Welt und wird gelegentlich angenehm überrascht.

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