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Madrid „Brokeback Mountain“

Was einfache Leute tun

  • Martin Dahms
    VonMartin Dahms
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Bedrohlicher als die Natur ist der Mensch: Die Oper „Brokeback Mountain“ in Madrid uraufgeführt.

Der Brokeback Mountain, der Berg in Wyoming, auf dem die Cowboys Ennis und Jack ihre gegenseitige Liebe entdecken, sei Ang Lee in seinem Film doch etwas arg „beschaulich“ geraten, findet Charles Wuorinen: „zu sehr Puccini“. Und Puccini soll’s auf keinen Fall sein an diesem Abend. Wuorinen findet andere Töne: Sie beschwören, gleich in der Eröffnungsszene seiner Oper, eine feindliche Landschaft herauf, Bilder eines fremden, gefahrvollen Planeten. Und wer der Musik nicht vertraut, bekommt die Bilder auch noch gezeigt: Filmaufnahmen aus der Bergwelt Wyomings, schwarz-weiß, bedrohlich, gar nicht beschaulich. Das Drama kann beginnen.

Als der New Yorker Komponist Wuorinen auf Annie Proulx’ 1997 veröffentlichte (und 2005 verfilmte) Erzählung „Brokeback Mountain“ stieß, entdeckte er darin einen klassischen Tragödien-stoff: Die Geschichte zweier Liebender, die sich nicht lieben dürfen. Wuorinen überzeugte Proulx davon, die Erzählung zu einem Opernlibretto zu verarbeiten, und er fand einen Mann, der das Werk auf die Bühne bringen wollte: Gerard Mortier, den belgischen Opernintendanten, der 2009 die Leitung der New York City Opera übernehmen sollte, aber wegen finanzieller Diskrepanzen schließlich am Teatro Real in Madrid landete. Dort wurde Wuorinens „Brokeback Mountain“ am Dienstagabend uraufgeführt. Ein grandioser Erfolg.

Annie Proulx lässt ihre Protagonisten, zwei Cowboys, die Schafe hüten, im Jahr 1963 im Mittleren Westen der USA aufeinandertreffen, und es ist diese besondere Verknüpfung von Ort, Zeit und Herkunft der Männer, die den Reiz der Geschichte ausmacht. Der Brokeback Mountain, den Wourinen mit seiner Musik und Regisseur Ivo van Hove mit seiner Inszenierung als düsteren Schauplatz der aufziehenden Tragödie zeichnen, ist für Ennis und Jack das Refugium der Freiheit, in dem sie ihre Liebe unbeobachtet leben können. Der erste Teil der Oper zeigt einen unbekümmerten Jack (fröhlich aufspielend: US-Tenor Tom Randle), der den wortkargen, von Zweifeln gehemmten Ennis (der kanadische Bassbariton Daniel Okulitch) für sich gewinnt. Erfülltes Glück.

Gefährliche vier Wände

Denn die wirkliche Bedrohung wartet jenseits der Berge: Gegen Ende des ersten Aktes erhebt sich die Rückwand der Bühne, die bis dahin als Projektionsfläche für die Naturaufnahmen gedient hat, und gibt den Blick auf die Wohnungen Ennis’ und Jacks frei. Das Drama entfaltet sich gerade dort, wo sich der Mensch behütet glaubt: in seinen vier Wänden, in der Familie, in der Gemeinde. Küche, Essecke, Büro schieben sich in den Bühnenvordergrund, sie drängen sich in das Leben der Cowboys. Die Berge sind fort. Die Freiheit endet.

Nach vier Jahren treffen sich Ennis und Jack wieder. Beide haben inzwischen geheiratet, beide sind Väter geworden. Sie fliehen in ein Motel, und dort versuchen sie in einem bewegenden Duett, sich ihrer Lage klar zu werden. Jack optimistischer, Ennis voller Skepsis, für die er gute Gründe hat: Sein Vater hat ihm, als er neun war, die Leiche eines brutal ermordeten Mannes gezeigt, den man im Dorf für schwul hielt. „Jack, du hast keine Ahnung, was einfache, gewöhnliche Leute jemandem antun können, der das nicht ist. Wie dir. Wie mir.“

Die „plain, ordinary people“, die Ennis hier besingt, sind der Schrecken dieser Geschichte. Das wird in der Oper sehr plastisch, als später zum ersten und einzigen Mal der Chor auftritt: die einfachen, gewöhnlichen Leute, eine Versammlung schwarz gewandeter Nachbarn, die sich über Ennis’ Schmerz mokieren, während er vom gewaltsamen Tod Jacks erfährt. Mit ihrer Boshaftigkeit illustrieren sie die Worte Rosa von Praunheims: Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Annie Proulx erzählt diese Geschichte einer unmöglich gemachten Liebe in einem makellosen Libretto („Eine solche Librettistin hätten Mozart und Verdi gerne gehabt“, glaubt Gerard Mortier), das in dem kleinen persönlichen Drama Ennis’ und Jacks das universelle Drama des ausgegrenzten Anderen offenlegt.

Charles Wourinen, dessen Musik in der Tradition Arnold Schönbergs dem großen Sentiment misstraut, treibt das Drama mit präzisen Pinselstrichen voran – die ein konzentriertes Publikum verlangen. Die Sänger und das Orchester des Teatro Real unter der Leitung des jungen Schweizers Titus Engel zeigten sich am Dienstagabend in jedem Moment auf der Höhe ihrer Aufgabe.

Die gewöhnlich etwas zurückhaltenden Madrider Zuschauer feierten sie nachher alle zusammen mit Bravo-Rufen. „Brokeback Mountain“ hat das Zeug zu einem Klassiker unserer Zeit.

Teatro Real, Madrid: bis 11. Februar. www.teatro-real.com

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