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Er wollte 2003 auf jeden Fall die Deutungshoheit und sprach mit den Journalisten: Helmut Kohl.

Helmut Kohl Interview

In einer Zwischenzeit

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Nach dem Verlust der Macht, vor seinem Unfall blickt Helmut Kohl in einem ausführlichen Interview des Jahres 2003 zurück. Jetzt strahlt unter anderen die ARD eine lange Fassung aus.

Der große, schwere Mann sitzt in einem bequemen Sessel mit Armlehnen in seinem Wohnzimmer. Man sieht Bücherregale an der Wand, den flachen Couchtisch mit der Marmorplatte, eine Stehlampe verbreitet warmes Licht. Vor allem aber sieht man sein Gesicht. Die meiste Zeit ist die Kamera sehr nah auf Helmut Kohl gerichtet. Der Zuschauer blickt in seine blitzenden braunen Augen, kann beobachten, wie die Zunge eifrig, wohlig, über die schmalen Lippen fährt, die meistens ein zufriedenes, manchmal selbstgefälliges, manchmal verächtliches Lächeln umspielt.

Es ist ein Wiedersehen mit einem Helmut Kohl, den es nach seinem Unfall vor sieben Jahren so nicht mehr gibt. Der zuvor aber für Jahrzehnte fast allgegenwärtig war, der die deutsche Politik beherrscht hat wie lange keiner vor ihm. Zu seinem 85. Geburtstag am 3. April hat die ARD ein Programmpaket zusammengestellt, es beruht auf einem 2003 über vier Tage mit ihm geführten Interview, das in dieser Form und Länge noch nie gezeigt worden ist. Es dauert in seiner ausführlichsten Form sechs Stunden. Das Erste strahlt in den Nächten auf Mittwoch und auf Donnerstag eine Fassung von zwei Mal 90 Minuten aus, später bieten das auch Phoenix und tagesschau 24, während die Videoplattform dbate.de das komplette Interview vom heutigen Dienstag an präsentiert.

Die Journalisten Stephan Lamby und Michael Rutz haben das Gespräch im Frühjahr und Herbst 2003 in Kohls Privathaus in Oggersheim geführt. Es habe einige Zeit gebraucht, das Misstrauen Kohls gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und besonders dem federführenden NDR zu überwinden, berichten sie bei einer Vorabpräsentation ihres Materials an einem beziehungsreichen Ort – dem Deutschen Historischen Museum in Berlin. Der NDR habe für Kohl zu dem verhassten Hamburger Medienkartell mit „Spiegel“, „Zeit“ und „Stern“ gehört, für ihn die Feindpresse. „Er hat erst einmal uns ausgefragt“, erzählt Lamby.

Er wollte die Deutungshoheit

Aber es sei schließlich gelungen, ihn für das Projekt zu gewinnen, verbunden mit der Zusage, dass er nach dem Gespräch keinen weiteren Einfluss auf den Film nehmen werde. Sie hätten Kohl in einer Stimmung angetroffen, in der es ihn nach einer persönlichen Bilanz gedrängt habe, danach, die Deutungshoheit über sein Leben in seinen eigenen Worten zu sichern.

Angesichts des auch vor Gericht ausgefochtenen Kampfes mit seinem Ghostwriter Heribert Schwan um genau diese Deutungshoheit, angesichts der Fragen, die sich um die Rolle seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter spinnen, angesichts des Zerwürfnisses mit seinen Söhnen und angesichts seines Gesundheitszustandes hat diese Dokumentation nun tatsächlich einen ganz eigenen historischen Wert, der bei ihrer Entstehung nicht absehbar war. Das Gespräch findet in einer Zwischenzeit statt, nach dem Verlust der Macht, nach der Spendenaffäre, nach dem Freitod seiner Frau – und vor der neuen Beziehung, vor dem Unfall. Hannelore Kohl, über die er bewegt spricht, ist in gewisser Weise Zeugin des Gesprächs. Hinter seinem Rücken hängt ihr Porträtfoto.

Selbstverständlich erfahren die Zuschauer faktisch nichts Neues. Kohls Leben ist sehr genau dokumentiert. Aber der Film ist eine spannende Zeitreise, die auch zeigt, wie sehr sich die Bundesrepublik und das Politikmachen in den vergangenen zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren verändert haben. Damals herrschten klarere Verhältnisse, eindeutige Fronten, Politik war schwarz-weiß. Welcher Unionspolitiker würde heute die Grünen und ihr Umfeld als linken Pöbel beschimpfen und Friedensdemonstranten als Vaterlandsverräter? Welcher Kanzler dem Chef des Magazins „Spiegel“ ins Gesicht sagen: „Ein Interview? In diesem Leben nicht mehr, Herr Augstein.“ Und wer würde so hart über Parteifreunde urteilen, deren Loyalität verloren ging. Norbert Blüm – „mit dem bin ich fertig, mit dessen verräterischer Art.“ Richard von Weizsäcker – „Ein Egozentriker, zu dem fällt mir nichts mehr ein, das ist eine mir völlig fremde Art, und darauf lege ich Wert.“ Es ist der alte Kohl, der da spricht, der fest in sich und seinen Werten ruhende schwarze Riese.

Er machte sich lustig

Sehr aktuell ist allerdings der Rückblick auf die Phase vor Einführung des Euro, Kohls letztem großen Projekt. Es war in der Bevölkerung nicht populär, eine Volksabstimmung über die Abschaffung der D-Mark wäre gewiss verloren gegangen, sagt Kohl. Die gemeinsame Währung sei aber notwendig gewesen, um die europäische Einigung unumkehrbar zu machen. Und nur er habe das durchsetzen können, weshalb er auch nicht wie geplant 1996 in der Mitte der Legislaturperiode zu Gunsten Wolfgang Schäubles habe zurücktreten können. Kohl macht sich lustig über die „Armada von Professoren“ mit ihren Bedenken gegen den Euro, und dass mit Italienern und Griechen keine stabile Währung zu machen sei. Lamby und Rutz fragen hier nicht weiter nach – 2003 sah auch die Eurowelt anders aus als 2015.

Am Ende sagt Kohl, er wolle aus der ihm verbleibenden Lebenszeit noch etwas Vernünftiges machen. Er sei und bleibe ein Parteisoldat. „Wo ich helfen kann, helfe ich.“ Viel Zeit ist ihm dafür nicht mehr vergönnt gewesen.

„Helmut Kohl – Das Interview“, ARD, 25./26. März, 0.20 Uhr.

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