Rudolf Brazda, Jahrgang 1913, war von 1942 bis 1945 im KZ Buchenwald inhaftiert.
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Rudolf Brazda, Jahrgang 1913, war von 1942 bis 1945 im KZ Buchenwald inhaftiert.

Alexander Zinn "Das Glück kam immer zu mir"

Einer, der den Rosa Winkel trug

Der Lesben- und Schwulenverband glaubte keinen Überlebenden mehr finden zu können, als im Mai 2008 zur Einweihung des Homo-Mahnmals sich Rudolf Brazda meldete. Nun wird die Biografie des schwulen KZ-Überlebenden vorgestellt.

Von Hans-Hermann Kotte

Es war ein ebenso anrührender wie sensationeller Anruf. Als im Mai 2008 das Homo-Mahnmal in Berlin eröffnet werden sollte, klingelte beim Lesben- und Schwulenverband LSVD das Telefon. Ein Frau war dran und erzählte, dass ihr Onkel als Homosexueller im KZ Buchenwald gewesen sei und gerne an der Einweihung des Mahnmals im Tiergarten teilnehmen wolle. Beim LSVD war man sehr erstaunt, denn man ging schon lange davon aus, dass kein Homosexueller mehr am Leben sei, der den NS-Terror am eigenen Leib erfahren hatte.

Weil Schwule auch nach 1945 kriminalisiert wurden, hatten nur wenige Männer mit dem Rosa Winkel über ihre Verfolgung berichtet; auch die Forschung entdeckte diese Opfergruppe, die weder als verfolgt anerkannt noch angemessen entschädigt wurde, erst spät.

Alexander Zinn, damals Pressesprecher des LSVD, nahm sich der Sache an. Zwar konnte er den damals fast 95-jährigen KZ-Überlebenden Rudolf Brazda nicht mehr von dessen Wohnort im Elsass zu der kurz bevorstehenden Mahnmals-Eröffnung nach Berlin holen – doch zum Christopher Street Day vier Wochen später klappte es dann. Brazda ging gemeinsam mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zu der Gedenkstätte und legte einen Kranz nieder.

Zinn, Soziologe und Journalist, war überrascht, dass Brazda trotz des Leids, das er erfahren hatte, so eine offene, optimistische und humorvolle Person war. „Das Glück kam immer zu mir“, sagte Brazda über sein Leben. Zinn beschloss, eine Biografie über den Mann zu schreiben, der bereits im März 1933 ins Visier der NS-Behörden geriet, zwei Jahre im Gefängnis saß und von 1942 bis 1945 im KZ Buchenwald eingesperrt war. Der Autor führte Interviews, begleitete Brazda zu den wichtigen Orten seines Lebens, spürte Akten in Archiven in Deutschland und Tschechien auf. Das detailreiche Buch ist eine Überlebensgeschichte gegen das Vergessen.

Heute wird die Biografie im Berliner Roten Rathaus vorgestellt. Rudolf Brazda kann leider nicht dabei sein. Er muss sich von einem schweren Sturz erholen. Und Zinn hofft, dass sich Brazda – ganz nach seinem Lebensmotto – auch diesmal wieder aufrappelt.

Alexander Zinn: „Das Glück kam immer zu mir“. Rudolf Brazda – Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich. Campus 2011,356 S.,24,90 Euro.

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