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Hilmar Hoffmann beim Interview an seinem Schreibtisch.

Hilmar Hoffmann

Einer, der immer Brücken baute

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Der Frankfurter Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann ist im Alter von 92 Jahren gestorben.

In den letzten Monaten verengte sich sein Lebenskreis auf den Schreibtisch, an dem er täglich saß. Er hat geschrieben bis zum Ende. Denn Schreiben war sein Lebenselixier. Doch nun ist Hilmar Hoffmann, der wichtigste deutsche Kulturpolitiker nach 1945, im Alter von 92 Jahren in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main gestorben. 

Er hat der Nachwelt einen Auftrag hinterlassen, den er Zeit seines Lebens umzusetzen versuchte: „Kultur für alle“. Kultur nicht länger als ein Privileg der Bessergestellten und Wohlhabenden in der bürgerlichen Gesellschaft, als Zeitvertreib für mächtige Müßiggänger. Sondern Kultur auch als selbstverständliches Angebot für Nichtprivilegierte, für Menschen aus sogenannten „bildungsfernen“ Schichten. Diesen Anspruch, dieses Ziel umriss er in dem wichtigsten seiner mehr als 50 Bücher mit dem programmatischen Titel „Kultur für alle“ aus dem Jahre 1979. 

Der Autor Hoffmann beließ es nicht bei der Theorie. Er war ein Humanist der Tat. Es war die Erfahrung des nationalsozialistischen Terrorregimes, die ihn antrieb. Im Gegensatz zu anderen seiner Generation hat der Sozialdemokrat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er als Jugendlicher ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus war. Er hat deshalb Scham empfunden bis an sein Lebensende. Immer wieder hat er sich die Frage gestellt, warum so viele Unterstützer und Täter des Naziregimes wurden. Noch sein letztes Buch, „Generation Hitlerjugend“, im Januar 2018 erschienen, ist diesem Thema gewidmet, einer Selbstbefragung auch. 

Hoffmanns Antwort als Kulturpolitiker war es, Brücken zu bauen und für Versöhnung und Frieden einzutreten. Als Präsident des Goethe-Institutes von 1993 bis 2002 eröffnete er siebzehn neue Kultureinrichtungen in aller Welt – aber auch in Deutschland. Einen Schwerpunkt setzte er nach der Wiedervereinigung in den östlichen Bundesländern. Hoffmann erkannte damals weitsichtig, dass viele Menschen dort dabei waren, sich von der Demokratie abzuwenden. 
Den Staaten, deren Menschen vom nationalsozialistischen Terror besonders getroffen worden waren, widmete er sich als Präsident des Goethe-Institutes intensiv, etwa Polen. Wütend verteidigte er das Institut gegen Kürzungen, die der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) durchzusetzen versuchte. Er konnte aber nicht verhindern, dass Schröder elf Einrichtungen schloss. Der Kanzler galt Hoffmann fortan als die Verkörperung eines kulturfernen Machtmenschen. 

Der Kulturpolitiker Hoffmann trat entschieden für die Versöhnung mit Israel ein, lehrte an der Universität der Frankfurter Partnerstadt, Tel Aviv. Er schuf 1997 aber auch ein Goethe-Institut im palästinensischen Ramallah. Weltweit warb er für das neue wiedervereinigte Deutschland, das bei vielen Menschen historisch begründete Befürchtungen aufkommen ließ. 

Die glücklichste und wirkungsmächtigste Zeit erlebte Hoffmann in Frankfurt am Main als Kulturdezernent von 1970 bis 1990. Eine so lange Phase ist in der schnelllebigen Kommunalpolitik ein Geschenk – und der Kulturpolitiker nutzte die Zeit. Unter seiner Ägide entstanden Einrichtungen, die das Motto „Kultur für alle“ ernst meinten. Da waren die Bürgerhäuser, die für Vereine eine Heimat wurden, da waren die Stadtteilbibliotheken, die vielen Menschen einen Zugang zu Büchern eröffneten. Sein Bibliotheksentwicklungsplan war der erste seiner Art in der Bundesrepublik. 

Hoffmann ließ auch das erste Kommunale Kino in Deutschland entstehen, das zahlreiche Nachahmer fand. Dieses Kino besteht noch heute. Er verwirklichte das Künstlerhaus Mousonturm als Ort für die alternative Kultur. An den Städtischen Bühnen führte der Kulturdezernent 1972 ein Mitbestimmungsmodell ein, das zum ersten Mal mit der Allmacht von Generalintendanten brach. Ein von den Bühnen-Mitarbeitern gewähltes Dreiergremium entschied mit über Spielplan und Gagen. Auch wenn dieses Modell nur wenige Spielzeiten überstand, es hatte Zeichen gesetzt.

Ein unglückliches Zwischenspiel blieb dagegen die Berufung des damals meistdiskutierten Filmregisseurs seiner Generation, Rainer Werner Fassbinder. Hoffmann holte ihn 1974 als Intendant an das Avantgarde Theater am Turm. Doch Fassbinder warf nach nur acht Monaten hin, zerstritt sich mit dem Kulturdezernenten. 

Vorher hatte der Filmregisseur noch ein Theaterstück zu Papier gebracht, dass über Jahre hinweg für Diskussionsstoff sorgen sollte: „Der Müll, die Stadt und der Tod“ nach Motiven aus dem Buch von Gerhard Zwerenz „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“. Dem provozierenden Stück wurde von Kritikern „Linksfaschismus“ und Antisemitismus vorgeworfen, trat doch die Figur eines „reichen Juden“ auf, der Häuser aufkauft und Mieter vertreibt – Fassbinder hatte sie an reale Vorbilder unter den Spekulanten der Stadt angelehnt. Zur Uraufführung kam es 1973 nicht mehr. Elf Jahre später, bei einem neuen Versuch, verhinderte der Protest der Jüdischen Gemeinde die Premiere. 

In vielen Formen hat Hoffmann in Frankfurt versucht, den Menschen die Kultur nahezubringen. In den 70er Jahren wurde „Literatur im Römer“ aus der Taufe gehoben, heute das älteste Forum für Live-Lesungen in Deutschland. In der zweiten Hälfte seiner Amtszeit ab 1977 musste sich der Politiker mit einer CDU-geführten Stadtregierung und dem konservativen CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann arrangieren. Er tat das sehr erfolgreich. Mit Rückendeckung der CDU konnte der sozialdemokratische Kulturdezernent das Museumsufer auf den Weg bringen. Es katapultierte Frankfurt in den Rang einer Kulturmetropole, die fortan weltweit wahrgenommen wurde. Bis 1990 entstanden nicht weniger als zehn neue Museen und Kulturinstitutionen. Darunter waren das erste Filmmuseum der Bundesrepublik (1984), das erste Architekturmuseum (1984) und das erste Jüdische Museum (1988). Auch das Museum für Moderne Kunst brachte der Kulturdezernent noch auf den Weg; es wurde 1991 nach dem Ende seiner Amtszeit eröffnet. 

Doch es gab auch spektakuläre Niederlagen. 1982 konnte der Kulturdezernent nicht verhindern, dass die Stadt ihre wichtigste Auszeichnung, den Goethepreis, an den Schriftsteller Ernst Jünger verlieh. Den Kritikern, auch Hoffmann, galt Jünger als geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus, als kalter und zynischer Verächter von Demokratie und Aufklärung. Beim Verlassen der Paulskirche wurde Hoffmann von wütenden Demonstranten mit Tomaten und Eiern beworfen.

Kein Ruhmesblatt für Hoffmann war der Konflikt um den Börneplatz 1987. Frankfurts Stadtwerke wollten ausgerechnet über den Fundamenten des alten jüdischen Ghettos ein modernes Kundenzentrum errichten. Es kam zu heftigen Protesten, Demonstranten besetzten die Baustelle. Der Kulturdezernent gab sich schließlich damit zufrieden, dass vor Ort in einer kleinen Dependance des Jüdischen Museums ein Teil der Ausgrabungen gezeigt wurde – das Bürogebäude der Stadtwerke wurde errichtet. Hoffmann sprach selbst später von einem „faulen Kompromiss“. 

Zeit seines Lebens hatte er ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Rolle als Politiker. Er war ein Machtmensch, der sehr geschickt ein Netzwerk von Beziehungen aufbaute. „Machtpoker ist die Würze der Politik“, pflegte er zu sagen. Andererseits stieß ihn die politische Praxis so sehr ab, dass er sich distanzierte. Bezeichnend, dass er einmal eine Rede auf einem SPD-Parteitag mit dem Halbsatz begann: „Wenn ich Politiker wäre...“, bis er sich unter dem Gelächter der Delegierten korrigierte. 

Als junger Mann war er durch eine besondere Schule gegangen. In mehr als zwei Jahren amerikanischer und britischer Kriegsgefangenschaft hatte er durch „Re-Education“-Programme den mörderischen Charakter des NS-Regimes begriffen. 1948 schickte die englische Regierung den 23-jährigen auf eine Kaderschmiede für junge Deutsche, die einen demokratischen Nachkriegsstaat aufbauen sollten: Auf das Residential University College Wilton Park in Südengland. Dort wurden rund 4500 Frauen und Männer als künftige Führungskräfte ausgebildet, darunter etwa der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt oder der spätere Philosoph Ralf Dahrendorf. 

Nach seiner Rückkehr übernahm Hoffmann 1949 die Direktion des Kulturzentrums „Die Brücke“ in Oberhausen. Es war der Beginn einer Karriere, der junge Mann wurde Direktor der Volkshochschule und Kulturdezernent von Oberhausen, gründete die Internationalen Kurzfilmtage, die heute noch bestehen. 

Hoffmann blieb bis ins hohe Alter Realist. In seinem letzten Interview Anfang 2018 in der Frankfurter Rundschau warnte er vor dem Erstarken der Rechtspopulisten. Auch der von ihm formulierte Anspruch „Kultur für alle“ ist längst nicht erfüllt. Noch immer überschreiten etliche Menschen die Schwelle zu Kultureinrichtungen nicht. Hier bleibt viel zu tun.

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