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Martin Walser philosophiert sich an Gott heran.
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Martin Walser philosophiert sich an Gott heran.

Martin Walser wird 85

Einer Ahnung allerdings bedarf es

Er gilt als einer der bekanntesten Nachkriegsautoren. Und als einer der streitbarsten. Martin Walser. Am Samstag wird der Schriftsteller 85 Jahre alt.

Von Sabine Vogel

Fromm ist er noch nicht geworden, aber spätestens mit seiner vor zwei Jahren erschienenen Novelle „Mein Jenseits“ setzt sich Martin Walser mit dem Tod und der Frage des Glaubens auseinander. Der darin als Ich-Erzähler auftretende Leiter eines Psychiatrischen Landeskrankenhauses am Bodensee philosophiert sich in einer immer irrer werdenden Litanei an den lieben Gott heran.

Dieser verschrobene „alte Knabe“ ? exakt in Walsers Alter ? aber denkt nicht im Traum daran, in Würde abzutreten, den Platz (für den jüngeren Konkurrenten) zu räumen oder das Diesseits langsam loszulassen. Im Gegenteil, sein religiöses Herumschwadronieren ist eine trotzige Kampfansage an den Tod: „Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Aber dann schon.“

Alle müssen sterben

Während man hier noch das Zögern des Materialisten zu erkennen meint, die selbstironische Skepsis des Atheisten, ist es bereits ein handfester „Glaubensübermut“, der Percy, Krankenpfleger in jener Psychiatrieanstalt, erfüllt. Der „Muttersohn“, so auch der Titel dieses aus der Jenseits-Novelle hervorgegangenen Romans von 2011, ist nämlich schon eine geradezu jesushafte Lichtgestalt, die mit dadaistischen Predigten sogar bis ins Fernsehen kommt. Ob gläubig oder ungläubig – sterben müssen die Freunde des bodenseeischen Patientenkollektivs am Ende dieses wahnsinnig lustigen und irre raffinierten Romans dann aber doch alle. In „Muttersohn“, so Walser, geht es „um Glauben als eine menschliche Fähigkeit“. Religion ist ihm eine „Ausdrucksart wie andere“, wie Literatur, Kunst, Musik.

Es liegt nahe, Walsers literarische Auseinandersetzung mit dem Glauben mit seinem Alter in Zusammenhang zu sehen. „So, als sei ich jetzt halt so weit“, schreibt er selbst dazu in dem nun, rechtzeitig zu seinem 85. Geburtstag an diesem Sonnabend, erschienenen Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“. Darin aber rechtfertigt sich Walser nicht etwa für seine biografischen Volten vom DKP-Sympathisanten zum des Antisemitismus verdächtigten „geistigen Brandstifter“, vielmehr räsoniert er mit Blitzausflügen zu Augustinus, Calvin, Luther, Nietzsche und dem Theologen Karl Barth darüber, dass es in der Dialektik der permanenten Selbstverneinung keine Rechtfertigung mehr gibt. Er beneidet mal kurz die Gerechtfertigten um ihre ungebrochene Selbstgerechtigkeit – etwa den streitbaren Jean Ziegler oder den „vielerlei Problembedürfnisse befriedigende guten Menschen“ Gauck – um sie gleich darauf der moralisch wohlfeilen Rechthaberei zu überführen.

Wie Gott fehlt

Walsers argumentativer Ausgangspunkt ist Kafka, über den er 1952 promoviert hat. Kafkas Josef K., der Prokurist einer großen Bank nebenbei, ist ihm die letzte literarische Figur, die am Mangel ihrer Lebensberechtigung zugrunde geht. Kafka, so Walser in seinen frei um die Ecken flottierenden Gedankenspielen, mache den „Gewissens-Stabhochsprung“ vor. Und so führt die „Gewissenserkundung“ dieses Sohnes einer strenggläubigen Katholikin über Dostojewski, Zarathustra und Karl Barth zur Religion der Sprache, zum „Sprachvorgang“ als ein „Tanz mit der Negation“.

Von diesen aberwitzigen, fantastischen, abgründigen, überkomplexen und berserkerhaften Walser-Tänzen möchten wir noch ganz ganz viele erlesen dürfen. „Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es.“

Martin Walser: Über Rechtfertigung, eine Versuchung. Rowohlt, Reinbek 2012. 106 Seiten, 14,95 Euro.

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