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Barrikaden am Münchner Gärtnerplatz während der Räterepublik 1919.

Räterepublik

"Einen Augenblick hoffte man"

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Der 7. April 1919 wurde zum Nationalfeiertag der Münchner Räterepublik erklärt. Vier Wochen später wurde das soziale, politische und kulturelle Experiment grausam niedergeschlagen.

Es sind die Zeitungen, die am nächsten Morgen Gewissheit bringen. Revolution also, darauf ist es hinausgelaufen, die letzten Tage waren bereits unruhig gewesen. Man ging am Vortag zwar noch ins Theater, auch ins Konzert, wo man den berühmten Dirigenten Hans Pfitzner hörte, ihn gewiss. Wohl aber wollte man auch Schüsse wahrgenommen haben, denn was man erst recht zu Ohren bekam, waren überhaupt Gerüchte. Es tobe in München der Mob, hieß es.

Tatsächlich war es eher so, dass vom 7. auf den 8. November 1918, an dem auf Münchens Theresienwiese Aufsässige zusammenkamen, um zu Aufrührern zu werden, die Tram nicht fuhr, wie schon in den Tagen des Aufruhrs zuvor. So erzählt es Ralf Höller, der auf Dokumente aus erster Hand zurückgreifen kann. Und nicht nur das, auf erstklassige, denn es sind Zeugnisse von Schriftstellern.

Auch ihretwegen ist der „Kasernensturm“, der während der Kundgebung auf der Theresienwiese seinen Anlauf nahm, sehr anschaulich beschrieben worden. Dem Treiben sah auch ein Oskar Maria Graf zu, als Bayer ein Vollprofi. Was den „Kasernensturm“ anging, war er eine Machtübernahme in „gelöster, beinahe vergnügter Atmosphäre“, wie Höller in seinem „Wintermärchen“ über die „Bayerische Revolution und Münchner Räterepublik 1918/1919“ schreibt. „Ein Spontanumsturz“, vollkommen unblutig, ungewöhnlich auch deshalb.

Die Ereignisse warten schon lange nicht mehr „auf ihren Geschichtsschreiber“, wie es 1966 in der Dokumentation des (am Anfang seiner Karriere stehenden) Dramatikers Tankred Dorst hieß, die zum Auftakt für zahllose Darstellungen wurde, die sich auf eine „Fülle von Büchern, Broschüren und Aufsätzen“ stützen konnten. Zugreifen lässt sich seit 99 Jahren auf Zeugnisse aus erster Hand.

Denn nur wenige Kapitel der deutschen Geschichte sind so genau beobachtet worden wie dieses, so lebendig geschildert, so leidenschaftlich beurteilt worden, worauf auch Höller sich eingelassen hat, lebendig und leidenschaftlich. Etwa wenn er aus den Erinnerungen eines Oskar Maria Graf zitiert, der die Übergabe der Kaserne an die Aufrührer, somit die Übernahme der Gewalt, als eine volkstümliche Gaudi beschrieb: „Aus ist’s! Revolution! Marsch!“ Man darf das einen Schlachtruf nennen.

Neben Graf sind es Thomas Mann oder Rainer Maria Rilke, Ernst Toller, Erich Mühsam oder Lion Feuchtwanger, die Höller erzählen lässt, um selbst ins Erzählen zu kommen. Er kann das, denn er kann konfabulieren. Auch über die Geschichte, die Marta Feuchtwanger mit eigenen Augen gesehen hat. Gesehen haben will? Jedenfalls so schildert, als sei sie dabei gewesen, wie die königliche Familie klammheimlich, Hals über Kopf, bei Nacht und Novembernebel, durch eine Hintertür Palais und Residenz verlässt. Es ist ein für die Wittelsbacher blamables Ende nach acht Jahrhunderten der Herrschaft, immerhin ein für sie unblutiges.

München sieht, wie über München die rote Fahne hängt. Über München? Tatsächlich ist sie weithin sichtbar am Turm der Frauenkirche befestigt worden. Kurt Eisner, der sich an die Spitze der Revolution gesetzt hatte, ein unabhängiger Sozialdemokrat, in dieser Rolle Verfasser „vorwiegend literarischer Essays und politischer Kampfschriften“, wie Zeitgenossen aus Kürschners Volkshandbuch erfahren konnten, hatte seine USPD-Regierung in einem Handstreich auch gegen die SPD zusammengebracht. Unter den Ministern, die er noch in der Nacht im Bayerischen Landtag bestimmte, rief er Anarchisten und Sozialisten, auch einem Minister für die Pressezensur benannt.

Ein human gesinnter Sozialismus

Alles geht plötzlich ganz schnell, zum Zuge kommen soll ein human gesinnter Sozialismus. Der Idealismus mag weltfremd anmuten, zumal er auch so auftritt - vor allem aber handelt es sich um eine kompromisslose Friedeninitiative, denn noch ist der Krieg nicht beendet in den ersten Novembertagen 1918.

Die Münchner Räterepublik ist als eine siebenmonatige Episode in die Geschichte eingegangen. Als Experiment, als Politikum – auch Volker Weidermann hat erst kürzlich die „Vorgänge durch literarische Mittel revitalisiert“ und als „engagierte Abenteuergeschichte und tragische Heldengeschichte“ vortrefflich erzählt (FR v. 15.12.17). Höller wiederum, der schon vor fast 20 Jahren eine Geschichte der Revolution in Bayern veröffentlichte, ist seitdem bereits mit den Quellen und Fakten bestens vertraut.

In kurzen, erhellenden Passagen lässt er die Autoren und Schriftsteller zu Wort kommen, man könnte von episch bearbeiteten Statements sprechen, was nicht abwertend gemeint ist, denn es ist vielmehr aufschlussreich, wie er das Material aufarbeitet, die Geschichte rekonstruiert und die Geschichten sprechen lässt.

Es sind im Frühjahr 1919 die Zeitungen, die berichten, dass der 7. April zum Nationalfeiertag erklärt worden ist. Der Landtag ist aufgelöst, die Regierung des SPD-Ministerpräsidenten Hoffmann abgesetzt, Bayern eine Räterepublik. „So gut wie alle Geschäfte in der Maximilianstraße (sind) geschlossen. Trambahnen fahren auch keine“, schreibt Höller.

Außenamt im Wahn, Exzentrik bei den Finanzen

Die Umstände, unter denen eine Räterepublik ins Leben gerufen, eine Regierung zusammengestellt wird, indem sich die Volksbeauftragten zusammenraufen und Posten verteilen, sind abenteuerlich. Die konstituierende Sitzung im Wittelsbacher Palais, im ehemaligen Schlafgemach der Königin, hätte, so spekuliert Höller mit Blick auf nicht anwesende Augenzeugen, etwa Thomas Mann oder Victor Klemperer, „beste Sonntagabendunterhaltung“ geboten. Erich Mühsam, der sich in anarchistischer Anmaßung als Außenminister selbst ins Spiel bringt, muss zusehen, wie ein Franz Lipp durch die Runde den Zuschlag erhält, ein Mann zweifellos pazifistischer Gesinnung, doch psychisch vollkommen instabil. Mit dem wahnsinnigen Lipp ist schon in den nächsten Tagen kein Staat zu machen, wozu man ja, trotz aller anarchistisch-sozialistischen Ambitionen gewillt ist.

Höller weiter: „Der neben Franz Lipp exotischste aller Volksbeauftragten ist Silvio Gesell“, der Exzentriker wird Finanzminister und hat, neben der Absicht, privaten Grundbesitz in genossenschaftlichen umzuwandeln, ziemlich abenteuerliche Vorstellungen vom Geld und einer den Egoismus des Individuums überwindenden Ethik der Investitionspolitik.

Die Kommunisten intervieren, bleiben den Koalitionsgesprächen fern, tauchen plötzlich auf, um ebenso schnell wieder zu verschwinden. Sie kapern Podien und Versammlungen, sie obstruieren und sabotieren, reklamieren dennoch die Führung der Räterepublik. Eine Splitterpartei am langen Draht Lenins, der Direktiven per Telegramm gibt.

Beteiligung der Kommunisten?

So sehr vielen Linkssozialisten klar ist, dass eine Nichtbeteiligung der KPD politisch unklug ist, so ist auch offenkundig, dass die bolschewistischen Kader auf Putsch aus sind. Von Loyalität gegenüber der Räterepublik keine Spur, im Gegenteil, sie wird als „Scheinräterepublik“ diffamiert. Die „Abstinenz“ der Kommunisten wird von der Räteregierung mit Argwohn gesehen und mit Erleichterung, denn die Sektierer entziehen sich bewusst der Verantwortung.

Es ist eine Woche, in der sich die Ereignisse überstürzen, nur eine Woche. Als schließlich am Palmsonntag, dem 13. April, die Kommunisten die Regierungsgeschäfte übernehmen, proklamieren sie einen neuntägigen Generalstreik. Im Anschluss an das nur einwöchige Experiment innerhalb der 150 Tage der Münchner Revolution sollen die Verhältnisse in „Sowjetbayern“ (Höller) vollständig destabilisiert werden.

Auch wenn sich ein Ernst Toller über das „Programm zur Sanierung der Menschheit“ (171) mokiert, auch wenn viele Erlasse abenteuerlich anmuten, so ist „nicht alles lächerlich in dieser ersten Räterepublik“ (173), wenn die Kapitalflucht unterbunden wird und angesichts krasser Wohnungsnot eine Beschlagnahme freistehender Wohnungen verordnet wird. Die Räterevolutionäre sind nicht weltfern, wenn sie die Entwaffnung des Bürgertums durchsetzen und das tägliche Leben durch Direktiven am Leben erhalten wollen. Schlüsselindustrien wie Bergbau, Energiewirtschaft und Rüstungsproduktion werden verstaatlicht, Unternehmen sozialisiert, darunter Banken, Sparkassen und Warenhäuser.

Die Gegenpropaganda hetzt, spricht von einem Bürgerkrieg. Von dem, was in München vorgeht, erfahren die Menschen in Deutschland aus Zeitungen, die in der Mehrzahl übel übertreiben, schändlich verdrehen und schamlos verfälschen. Tatsächlich verhängen die Revolutionstribunale, trotz aller Selbstermächtigung, kein einziges Todesurteil. Die Propaganda wird nicht nur von Berlin, auch von Bamberg aus gesteuert, wohin die bürgerliche Regierung Hoffmann geflohen ist. Wie die reaktionäre Propaganda unterbinden, durch Zensur? In München, wo wahrhaftig kein Bürgerkrieg herrscht, gibt es allerdings heftige Auseinandersetzungen über den Wert der Meinungsfreiheit.

Die Tage der Unruhe sind eine Zeit nicht nur der Extreme, sondern extremer Unübersichtlichkeit. Über die Köpfe der Münchner hinweg läuten die Kirchenglocken Sturm, bei Karlsfeld, in der Nähe von Dachau, vor den Toren der Hauptstadt, wirft die noch rechtzeitig aufgestellte „Rote Armee“ Regierungstruppen und Freikorpsverbände zurück. Den Triumph feiern Rotarmisten und Volkswehr am Dienstag nach Ostern mit einer Parade durch die Stadt. Dem Kommandanten Toller wird seine humane Eigenmächtigkeit, mit der er Geiseln nicht standrechtlich umbringen lässt, persönlich fast zum Verhängnis. Allgemein wird die Schonung von Exekutoren der Gegenrevolution allerrdings der Räterepublik zum Verhängnis.

„Zeitungen gibt es seit Sonntag keine mehr“, schreibt Höller – um einzuschränken, dass die „Münchner Neuesten Nachrichten“ doch noch erscheinen, allerdings nicht mit Informationen dienen, sondern mit Verlautbarungen. Weiterhin fährt keine Tram, aus Flugzeugen werden Flugblätter über der Stadt abgeworfen.

Der Historiker Hans Mommsen nannte die vierzehntägige Räteherrschaft trotz ihrer sozialen Energie und humanen Euphorie eine „Kette von Debakeln“. Sie war es vor allem wegen der Scharlatanerie auf wirtschaftlichem und finanzpolitischem Gebiet. Verantwortlich für die neuen Verhältnisse werden vor allem „die Juden“ gemacht. Der Judenhass artikuliert sich ungehemmt, lautstark, auf der Straße, gemein und gewaltbereit. Schon der erste Ministerpräsident der Republik, Kurt Eisner, war am 21. Februar 1919 dem Attentat eines Antisemiten zum Opfer gefallen. Daraufhin etwa auf Schulhöfen, so notierte Thomas Mann höhnischer Applaus wie auf den Straßen hämische Genugtuung. Dennoch bringt das Staatsbegräbnis hunderttausende auf die Straßen.

„Eine knappe Phase geschichtsloser Offenheit“ hat (198) Hans Mommsen die nicht einmal 200 Tage dieser Periode genannt. Ohnmächtig mussten sie zusehen, wie die Freikorps in der Stadt einrückten und, aufgeputscht durch einen Geiselmord am Vortag, ein entsetzliches Schreckensregiment in der Stadt errichteten. Die vorgebliche Befreiung und Befriedung ist ein brutaler Gewaltakt, dem Blutbad fallen an der Räterepublik völlig Unbeteiligte zum Opfer, insgesamt 600 Menschen werden massakriert, die Soldateska tobt sich sexuell aus.

Der Krieg gegen die Republik verselbstständigt sich

In dem Krieg gegen die Räterepublik verselbständigte sich, ausgerechnet unter der Führung der SPD, der Krieg gegen die Republik. Menschenschlächter machen Menschenrechtler nieder. Sebastian Haffners Wort, wonach die „Revolution 1918 gutmütig gewesen“ war, die Gegenrevolution dagegen „grausam“ (194) wird durch die sadistische Rache auch an dem sanften Revolutionär Gustav Landauer belegt, dessen Traum eine geistige Mobilisierung war, eine Bildungsoffensive. Während die weißen Freiwilligentrupps in die Hände fällt, die ihn mit Freuden und auf schreckliche Weise umbringen, tobt sich überall in der Stadt ein gezielt martialisches Morden aus.

Am 4. Mai wird in Teilen Münchens immer noch geschossen. Gleichzeitig erscheinen jedoch wieder die Zeitungen. Am 9. Mai veröffentlichen die „Münchner Neusten Nachrichten“ einen Appell, der „das Ende der Verleumdungen und Gewalt“ (Höller) fordert. Eine Stimme der Vernunft. Unterzeichnet haben das Dokument, dass ein Ende des Klassenkampfs und - so könnte man es nennen - historischen Kompromiss zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft fordert die (unversöhnlichen) Brüder Thomas und Heinrich Mann, auch Ricarda Huch. Rainer Maria Rilke, dem die „Ordnungsmacherei“ der letzte Tage zuwider ist, hat an dem Aufruf mitgearbeitet, in der Hoffnung auf eine neue Gesellschaftsordnung, auf einen Gesellschaftsvertrag zwischen Bürgern und Arbeitern. Auch das bleibt eine Utopie, zumal in Bayern, wo die Realpolitik daran geht, das Land fortan als „Ordnungszelle“ des Reichs zu begreifen und auszubauen. In ihr verschaffen autoritäre Rechtsregierungen und eine reaktionäre Justiz dem Nationalsozialismus ein schamloses Betätigungsfeld, München entwickelt sich zur „Hauptstadt der Bewegung“.

Was da auf ihn zukommen wird, ahnt Rainer Maria Rilke, am 11. Juni verlässt er die Stadt. Rückblickend auf seine Hoffnung auf eine geistige Revolution schreibt der so empfindsame wie gewiss wählerische Autor aus dem Schweizer Exil: „Einen Augenblick hoffte man.“

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