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"Erwachsen auf Probe" läuft seit Anfang Juni bei RTL.

"Erwachsen auf Probe"

Eine Zumutung von RTL

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Vier Paare im Alter zwischen 16 und 19 hat sich RTL für seine Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" gecastet. Und wohl nur im Prekariat geeignete Kandidaten gefunden. Von Daland Segler

Lila würde "einen großen Bogen machen", wenn sie so einen wie ihren Freund Sebastian noch einmal träfe. Anji begegnete Mario "auf der Straße", der hat "ungefähr 15 Anzeigen" wegen Körperverletzung und geht mit Papa in ein Sportstudio zum "Aggressionsabbau". Elvir ist zu faul zum Arbeiten in einer Waschstraße: "Lieber würde ich zuhause sein und kochen und putzen". Das ließe ja beinahe hoffen für die Emanzipation - wenn nicht das übrige Gebaren des jungen Mann anderes vermuten ließe.

Vier Paare im Alter zwischen 16 und 19 hat sich RTL für seine Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" gecastet, und wohl nur im Prekariat geeignetes Material gefunden. Zerrüttete Familienverhältnisse, beschränkte Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks und der Wahrnehmung: Die männlichen Vertreter zumal wirken erstmal wenig sympathisch, von irgendeinem Stadium der Reife himmelweit entfernt.

Der Verdacht, hier solle zuvörderst Voyeurismus bedient werden, bestätigt sich nach der ersten Folge: Der Privatsender spekuliert darauf, dass die Zuschauer auf die jungen Darsteller herabsehen: Täppische Teenager, die noch nicht mal einen Stuhl zusammen bauen können - geschweige denn Babys großziehen. Dabei sollen sie doch für das Fernsehen "den härtesten Job der Welt" proben. Schöner Schwachsinn. Aber die für eine Seifenoper unabdingbare Dramatik lässt sich wohl nur so inszenieren: Erziehung als Ehehölle. Von Liebe, Freude, Glück keine Spur.

Das Wort "anstrengend" fällt denn auch dauernd in dieser Groteske, die als Spießeridylle (jedes Paar hat hier ein eigenes Häuschen in einer "ruhigen Vorstadtgegend) eine Zweisamkeits-Version von Big Brother darstellt.

Schon die erste Folge deutet an, was Zweck der Übung ist: Zu zeigen, dass Kinder keine Kinder kriegen sollten. Die ganze Aufregung zuvor erweist sich als umsonst - aber wer hätte das nicht gewusst (außer denen, die unbedingt mal wieder in die Presse wollten, wie etwa die ehemalige Vorzeige-Katholikin Rita Waschbüsch).

Kritik wäre eher am Konzept der Reihe anzumelden: Denn im Laufe der nächsten Folgen wollen die Halbwüchsigen immer ältere Kinder betreuen; das ist genauso unsinnig wie das Umlegen eines Schwangerschaftsbauches, der plötzlich den Zustand im neunten Monat simulieren soll. Von der Voraussetzung für das Kinderkriegen ist übrigens keine Rede: Sex ist hier bloß eine Randnotiz, von Liebe ganz zu schweigen. Und dass RTL im Trailer zu Beginn doch tatsächlich die Scham der Kleinkinder abdeckt, ist so verklemmt, dass es schon wieder komisch ist.

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