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Erinnerung an Ossip Mandelstam

Eine Streichholzflamme im Wind

Heute vor 70 Jahren starb Ossip Mandelstam in einem sowjetischen Sträflingslager.

Von OLGA MARTYNOVA

Ossip Mandelstam ist am 27. Dezember 1938 in einem Sträflingslager bei Wladiwostok gestorben. Ein hoher sowjetischer Literaturfunktionär in Moskau weinte auf, als er davon hörte, und sagte Mandelstams Frau Nadeshda: "Ein großer Dichter ist tot." Als sie das ihren Freunden erzählte, fügte sie bitter hinzu: "Die haben ihm nicht geholfen und nun übertreiben sie. Ossip ist kein großer Dichter." An diese Episode erinnert sich die Literaturwissenschaftlerin Emma Gerstein, eine jüngere Freundin Achmatowas und Mandelstams (Gersteins wichtige Erinnerungen werden oft ausgegrenzt, weil sie dem kanonisierten Bild widersprechen).

Damals war Nadeshda Mandelstams Leid größer als ihr Ehrgeiz. Sie liebte ihren Mann. Sie bewahrte seine Gedichte auf. Sie waren alles, was ihr von ihm blieb - einem bettelarmen Poeten. Viel später (1970 und 1972) schrieb sie zwei Bücher, die viel zu Mandelstams Weltruhm beitrugen. Ossip Mandelstam ist ein großer Dichter. Von nur einem einzigen seiner Verse schon kann man für Tage und Wochen gebannt sein, von seiner besonderen, zugleich weinenden und lachenden Melodie, seiner zugleich staunenden und zeigenden Gestik - als habe er die Dichtung zurück in Zeiten gebracht, als die Dichter noch Zauberer, Schamanen und Seher waren.

Im goldenen Nichts

Er wird weltweit als "Märtyrer der Poesie" geehrt. Sein wirkliches Leben, sein komplexes Werk kaschiert ein goldener Schein, ähnlich wie die Heiligen des frühen Mittelalters auf ihren Bildern im goldenen Nichts stehen. Aber selbst sie bekommen im Laufe der Zeit doch individuelle Züge, eine Haarsträhne stiehlt sich unterm Tuch hervor, ein blauer Schimmer zeigt sich auf der Wange. Auch die Mandelstamforschung brachte uns in den letzten drei Jahrzehnten näher an seine sinnlich-sinnkräftige, immer überraschende und paradoxe Dichtung, die bis heute die Entwicklung der russischen Poesie stimuliert.

Der 1891 in Warschau geborene Mandelstam hatte einen anderen biografischen Hintergrund als seine Freunde und Weggefährten Anna Achmatowa und Nikolaj Gumiljow, die zur russischen privilegierten Klasse gehörten. Mit ihren polnisch-jüdischen Wurzeln war seine Familie in der russischen Kultur noch nicht vollkommen zuhause. Petersburg in all seiner Pracht war für ihn ein Märchenreich, das er zu erobern hatte. Seine so oft bemühte Formel, der Akmeismus sei eine Sehnsucht nach der Weltkultur, trifft zu auf ihn selbst, es ist seine eigene Sehnsucht. Seine frühen Gedichte sind ein striktes Greifen nach dieser Weltkultur. Die Basilika Notre Dame in Paris wird zu einem Kraftmesser für den Dichter: "Je aufmerksamer ich, du Festung Notre Dame, / Auf deine Ungeheuer-Rippen sah / Um so öfter dachte ich, auch ich / Erschaffe einst aus böser Last das Schöne."Es war eine Prophezeiung: "Das Schöne erschaffen" - unbedingt; aber auch "aus böser Last". Nicht nur auf Mandelstams Schultern kam diese Last. Der Gründer des Akmeismus, Nikolaj Gumiljow, wurde 1921 einer monarchistischen Verschwörung beschuldigt und standrechtlich hingerichtet. Das war der Anfang der zuerst langsamen, später immer intensiveren und extensiveren Ausrodung der Kultur, die den neuen Herren nicht ins Konzept passte.

Anna Achmatowa erinnert sich in den 50ern an den jungen Mandelstam als an einen reizvollen und zugleich komischen Bohémien: "Ich habe Mandelstam 1911 kennen gelernt ... Er war damals ein schlanker Junge, ein Maiglöckchen im Knopfloch, den Kopf in den Nacken geworfen, mit Wimpern bis zur Mitte der Wange ... Beim Rauchen klopfte Ossip die Asche hinter die Schulter ab, auf der Schulter jedoch wuchs in der Regel ein kleiner Aschenberg."

Die Weltkultur blieb nicht lange fern und abstrakt. Sie wurde in seinen Gedichten so selbstverständlich wie die Luft, das Licht, heimisch, natürlich. Und da kamen der Erste Weltkrieg und mit ihm die Revolution - eine gewaltige Zäsur zwischen Epochen. Mandelstam war, wie große Künstler oft, proteisch-wechselhaft. Er versuchte, die Welt der neuen Barbaren hinzunehmen, zu verstehen, sprachlich zu domestizieren. Mit der unverwechselbaren Sprache seiner "persönlichen Weltkultur" wurde er zu einer der widersprüchlichsten Figuren der russischen Literatur. Mal preist er die Freiheitsdämmerung, also das neue bolschewistische Experiment, mal schaut er mit Entsetzen darauf.

"Ich bin zum Sterben bereit"

So oder so musste man das neue sowjetische Leben leben, sich an die neuen Alltagsformen gewöhnen. Mandelstam verlässt seine Stadt Richtung Süden, wird zum Nomaden, trifft in Kiew seine künftige Frau, kommt mit ihr nach Moskau, der neuen Hauptstadt. Zwischen den Welten, mal um das Alte trauernd, mal das Neue begrüßend, war er der ewige Gefangene der Gegensätze, zwischen Christentum und Judentum; zwischen der Liebe zu seiner Frau und der stetigen Verliebtheit in eine der "Europafrauen", wie er sie nannte in einem Gedicht (es waren keine "Europafrauen", sondern Russinnen aus den kultivierten und reichen vorrevolutionären Schichten, begehrenswert und unerreichbar dem armen und nicht berühmten jüdischen Dandy, der Mandelstam in seiner Jugend war); zwischen kindlicher Liebe zu Schokolade und Opferbereitschaft. Er war der Dichter, der 1933 ein Epigramm gegen Stalin geschrieben hatte, das ihm letztendlich das Leben kostete. Er hat das Epigramm vielen gezeigt, auch die "Mitwisser" der Gefahr aussetzend. "Ich bin zum Sterben bereit", sagte er zu Anna Achmatowa.

Doch seine Stunde hatte noch nicht geschlagen. Er wurde "nur" verbannt, eigentlich begnadigt. Jahre der Agonie begannen. Seine späten Gedichte, dunkel und schön, sind Versuche der Macht zu zeigen, dass er die Gnade zu schätzen weiß. Versuche, die Anerkennung der Macht zu erlangen. 1937 kehrten Mandelstams nach Moskau zurück - ein tragischer Fehler, denn in der Provinz hätte man ihn "vergessen" können. 1938 wurde Ossip Mandelstam erneut verhaftet und ins Lager geschickt, wo er bald darauf zerrüttet starb.

Nabokov sagte: "Wenn ich Gedichte Mandelstams lese, die unter der Macht dieser Tiere verfasst worden sind, empfinde ich ein ratloses beschämendes Gefühl." Und Joseph Brodsky verglich seine Stimme mit einer Streichholzflamme im Wind, die nie erlischt.

Olga Martynova, geboren 1962 im

sibirischen Dudinka, lebt als Lyrikerin und Publizistin in Frankfurt am Main.

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