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Die Adorno-Preisträgerin Judith Butler.
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Die Adorno-Preisträgerin Judith Butler.

Adorno-Preis an Judith Butler

Eine nationale Angelegenheit

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Die Paulskirche hat schon eine Reihe von Kontroversen über das Judentum und Israel gesehen. Ist der Streit um die Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler nur eine weitere davon?

Dieser öffentliche Ort sollte unter keinen Umständen kampflos überlassen werden. Stephan J. Kramer hat als Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland gestern erneut vehement gegen die Ehrung Judith Butlers protestiert. In seiner Antwort auf Butlers Text in der FR (1.9. ) hat Kramer den Boykott der Adorno-Preis-Verleihung angekündigt, am kommenden Dienstag – man darf hinzufügen: an keinem geringeren Ort als der Frankfurter Paulskirche. Diese Bühne sollte nicht einfach preisgegeben werden.

Gedächtnisort Paulskirche: Hier, wo 1848 ein erstmals demokratisch gewähltes deutsches Parlament zusammenkam, ist zuletzt regelmäßig Raum zum Nachdenken über das Judentum und die Gegenwart Israels gewesen. Nein, das gilt nicht etwa exklusiv für Martin Walser, 1998, als er mit seiner Friedenspreisrede anmahnte, das Gedenken an Auschwitz dürfe nicht als „Moralkeule“ verkommen. Seitdem sind Friedenspreisverleihungen Gelegenheiten der Vergegenwärtigung geblieben. Erinnert sei an Saul Friedländer, den israelischen Historiker der Vernichtung der europäischen Juden. Erinnert sei an David Grossman; dessen Rede, 2010, war die Trauerarbeit eines Schriftstellers, Israel betreffend.

Als Alfred Grosser in der Paulskirche, sie liegt ja kaum 500 Schritte entfernt vom ehemaligen jüdischen Ghetto, dessen Synagoge 1938 in Flammen aufging, über diese Pogromnacht sprechen sollte, als Frankfurter Sohn jüdischer Eltern, als Opfer des Naziregimes, wurde er vom Zentralrat der Juden als „nützlicher Idiot“ des Antisemitismus stigmatisiert. Auch diese Kontroverse stand im Zeichen des Spannungsverhältnisses von Israelloyalität und Israelkritik. Denn nur das eine wie das andere, so wiederum war Grossman vor zwei Jahren zu verstehen, werden Israel ein „Zuhause und eine Zukunft geben“ – und das heißt ja: „Das Gefühl einer stabilen Existenz.“

Interesse an friedlicher Koexistenz in Palästina

Jetzt also Judith Butler und ihre Ehrung auch durch die Paulskirche. Zum Gedächtnisort kommt der Gedächtniskomplex Adorno hinzu. „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll“, lautet ein brachiales Urteil Adornos. Sollte Adorno, der angesichts des Zivilisationsbruchs Auschwitz alle Loyalität aufgekündigt sah, geeignet sein für den Adorno-Preis?

„Keinen Adorno-Preis für die Antisemitin Judith Butler!“ lautet der Aufruf der Deutsch-Israelischen Gesellschaft am Mittwoch dieser Woche. Der Zentralrat der Juden hat in seinem FR-Beitrag gestern noch einmal kategorisch beschieden, dass Butler den Adorno-Preis nicht verdiene, weil sie Israels Todfeinde legitimiere – eine Unterstellung, die Butler als „Denunziation“ begreift.

Butler hat in ihrem FR-Textgefordert, „endlich miteinander zu sprechen“. Zu diesem Gespräch gehört, dass ihre Äußerungen, die die antisemitische und Hamas und Hiosbollah als „progressive“ Organisationen bezeichnen, kritikwürdig sind; befürwortet hat sie deren Politik jedoch nicht. Butler hat den FR-Lesern auseinandergesetzt, dass ihre Unterstützung der Kampagne „Boycott, Devistment and Sanctions“ (BDS) nicht von antiisraelischen Ressentiments geprägt ist, sondern von dem Interesse an einer friedlichen Koexistenz in Palästina. Butler hat betont, dass sie vom Tag ihrer „Einweisung ins Judentum auf Schritt und Tritt gelernt habe, dass es nicht hinnehmbar ist, im Angesicht von Ungerechtigkeiten zu schweigen“. Sich ausdrücklich auf jüdische Traditionen berufend, die sich „staatlicher Gewalt widersetzten“, fühlt sie sich als Jüdin beleidigt.

Butlers Kritische Theorie

Butlers Kritik als Philosophin ist nur als „linke Politik“ zu begreifen – wie wiederum Butlers Philosophie nur als „Neuausrichtung und Erweiterung der politischen Kritik der Staatsgewalt“. Das erklärt Butlers Kritik auch am Staat Israel, zumal es keine Kultur gibt ohne, das macht Butler zu einer Adorno-Preisträgerin par excellence, Dialektik. Keine stabile Existenz, nirgends. Butlers Haltung verweigert den Kompromiss und den Konsens – in der Tradition der Kritischen Theorie. Hat doch gerade Butlers Kritik an jeder Form der „legalisierten Gewalt“ sehr viel mit Adornos kompromissloser Festigkeit zu tun, seiner Sprecherposition nach 45.

Diese war die Außenseiterposition. Eingedenk allein dieser Tatsache ist Kramers Vorwurf des „systemischen Versagens des Preiskuratoriums“ eine krasse Fehleinschätzung der Philosophie Adornos und der Philosophin Butler. Dass er der Jury gar die „moralische Festigkeit“ absprach, ist ein Skandal.

Doch womöglich stellt sich der Kampf um den Adorno-Preis für den Zentralrat als genereller Kampf um Deutungshoheiten dar, als nationale Angelegenheit, wenn Kramer schreibt: „Kuratorien in Deutschland müssen die Frage aushalten, was denn hinter dieser deutschen Vorliebe steckt, Jüdinnen und Juden auszuzeichnen und zu ehren, die für eine Form der Israelkritik stehen, die vor Einseitigkeit und politischer Blindheit nur so strotzt.“

Was nun „diese deutsche Vorliebe“ betrifft, ist das eine gewiss eigenwillige Formulierung, die der Hingabe ans Stereotyp vollauf genügt. Aber unabhängig davon: Sollten der Adorno-Preis und mit ihm Butler womöglich instrumentalisiert worden sein?

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