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Rechts vorne ein Knabe im schönsten Kontrapost.

Amerika-Bücher

Eine kannibalische Grillparty

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Beliebte Vorspiegelungen von Tatsachen: Zu den opulenten Amerika-Büchern der in Frankfurt ansässigen Kupferstecher- und Verlegerfamilie de Bry, jetzt in einer prächtigen Auswahl zu haben.

Zwischen 1590 und 1634 erschienen in Frankfurt 25 Folio-Bände mit etwa 50 europäischen Reiseberichten über die neue und die alte Welt. Die waren aus dem Niederländischen, Englischen, Französischen, Spanischen, Italienischen und Portugiesischen ins Deutsche und Lateinische übersetzt worden. Die deutschsprachigen Ausgaben wandten sich an eine protestantische Leserschaft, die durchaus auch kritisch auf die iberischen Kolonialmächte blickte. Die lateinischen Ausgaben waren so geschrieben, dass sie ohne Probleme die Zensurinstanzen der jeweiligen Länder passierten.

Herausgeber dieser einen gesamteuropäischen Buchmarkt anvisierenden Produktion waren Theodor de Bry (1528-1598), seine Söhne Johann Theodor (1561-1623) und Johann Israel, sowie Johann Theodors Schwiegersohn Matthäus Merian (1593-1650). Michiel van Groesen, Professor für maritime Geschichte an der Universität Leiden, hat jetzt aus den 13 Amerika betreffenden Bänden sämtliche Tafeln und eine Auswahl von Texten aus den ersten neun Bänden in einem prächtigen Buch bei Taschen veröffentlicht.

Die Bände der de Brys trugen zusammen, was damals über die beiden Amerikas bekannt war. Sie benutzten Abbildungen aus den von ihnen ausgebeuteten Reiseberichten. Aber mit denen allein hätten sich die Luxus-Ausgaben nicht füllen lassen. Also erfanden sie dazu. Ihre Erfindungen prägten das Amerika-Bild der frühen Neuzeit. Eine Weile befand sich ihre Buchhandlung auf der Frankfurter Zeil. Also dort, wo in den 60er Jahren oft gegen den von der US-amerikanischen Besatzungsmacht geführten Vietnamkrieg demonstriert und damit an einem neuen Amerika-Bild gearbeitet wurde.

Die Familie de Bry stammte aus Lüttich. Vater de Bry war knapp dreißig Jahre alt, als er Lüttich verließ und ins protestantische Straßburg zog. Dort waren Calvinisten zwar willkommen, aber ein öffentliches Gotteshaus durften sie nicht haben. 1588 kamen die de Brys, nachdem sie ein paar Jahre in Antwerpen und London gearbeitet hatten, nach Frankfurt, Heimatstadt der zweiten Gattin Theodor de Brys.

Zunächst erschienen neben den prächtigen Bänden auch solche ohne die Kupferstiche, gewissermaßen „Taschenbücher“ für eine Leserschaft, die sich die Luxusedition nicht leisten konnte. Mit dem Tod Theodor de Brys endete das. Die Söhne setzten ganz auf die Kupferstichausgabe. Als auch der Frankfurter Lutherische Magistrat den Calvinisten öffentliche Gottesdienste verbot, sahen sich die de Brys nach einem neuen Wohnort um. Sie lebten ein paar Jahre in der freien Reichsstadt Oppenheim, das sich, dem Druck der pfälzischen Kurfürsten nachgebend, den Reformierten angeschlossen hatte. Die größte europäische Sammlung von Reiseberichten ist das Werk einer Emigrantenfamilie.

Die Bände bestehen zu einem Gutteil aus Kupferstichen und einem darunter stehenden, erläuternden Text. Schon das war eine Herausforderung. Zwei Druckverfahren pro Seite. Die Kupferstiche waren schwarzweiß. Die prächtigen Farbdrucke, die es jetzt in dem Taschen-Band zu bestaunen gibt, gehen auf für sehr reiche Käufer handkolorierte Exemplare zurück. Die Werkstatt der de Brys hatte damit nichts zu tun. Michiel van Groesen hält es sogar für ausgeschlossen, dass sie auch nur Hinweise für die richtige Kolorierung gegeben haben. Angesichts der ganz unterschiedlichen Farbgebung in den verschiedenen Exemplaren scheint das undenkbar.

Der Historiker Larry E. Tise, bekannt durch seine Bücher über die Verteidigung der Sklaverei in den USA von 1701 bis 1840 und den von ihm herausgegebenen Band „Benjamin Franklin and Women“, beschreibt den Vorgang: Die Koloristen der de-Bry-Bände färbten nicht erst eine Seite vollständig ein und gingen dann zur nächsten über. Vielmehr, so Tise, „scheinen sie je einen Farbton für Himmel, Haut, Baumrinde, Gras, Bäume, Erde, Wasser, Rauch und Ähnliches ausgewählt und dann in einem Arbeitsgang die entsprechenden Bildbestandteile quer durch alle Stiche koloriert zu haben. Genauso wurde mit Haaren, Kleidung, Schmuck, Tätowierungen und sonstigen Verzierungen verfahren. Entschied sich der Kolorist die Haar- und Kleiderfarben verschiedener Männer- und Frauenfiguren zu variieren, so scheinen diese Einfärbungen in den meisten Büchern beinahe willkürlich ausgefallen zu sein. Selbst wenn eine Tafel die Vorder- und Rückenansicht derselben Person zeigte, malte der Kolorist die beiden Ansichten dieser Person ohne Rücksicht auf den Zusammenhang fast immer unterschiedlich aus.“

Der Taschen-Band zeigt das durch die Gegenüberstellung verschiedener Abbildungen. Farbe, die ja eine Abbildung der bunten Welt ähnlicher macht, also alles realistischer erscheinen lässt, ist ein Mittel des Betrugs. Nichts, das wir sehen, ist so, wie es war. Geliefert wird die Illusion der Wahrheit. Auf einer Doppelseite sieht man jeweils dasselbe indianische Paar beim Essen. Zwischen ihnen eine Schale mit ...? Auf einer Abbildung könnten es gelbe Maiskörner, auf einer anderen bunte m&ms sein.

Akribisch zeigt van Groesen, wie die de Brys ihre Vorlagen veränderten, um ihren Bänden den größtmöglichen Erfolg zu verschaffen. Die berühmten Kannibalismus-Darstellungen, die vorgeben, Praktiken brasilianischer Indianer zu zeigen, gehen nicht zurück auf „Aufnahmen“ von vor Ort, sondern entstanden auf der Frankfurter Zeil.

Die sittliche Überlegenheit der Europäer wurde dadurch noch besonders herausgestellt, dass man die Gottheiten der Einheimischen möglichst bizarr und blutrünstig darstellte.

Die Brüder benutzten auch Bücher, die zum Beispiel in Spanien verboten waren. Das entging der Zensur nicht. Aber die de Bryschen Fassung durften in Spanien erscheinen, weil die Frankfurter die inkriminierten Stellen beseitigt hatten.

Geht man jetzt die Kupferstiche und die Bildunterschriften einzeln durch, so ergeben sich Unterschiede zu den Texten, die Gereon Sievernich in seiner 1990 im Casablanca Verlag erschienenen Ausgabe bot. Die Taschen-Ausgabe bringt nicht nur ein modernes, leicht lesbares Deutsch. Sie verkürzt auch manchmal die alten Texte. Ich weiß nicht, ob das auf die Benutzung unterschiedlicher Ausgaben zurückzuführen ist, oder ob man beim lobenswerten Versuch, möglichst verständlich zu sein, nicht doch manchmal zu weit gegangen ist.

Theodor de Bry: America. Hrsg. von Michiel van Groesen. Taschen Verlag, Köln 2019. 376 S., 100 Euro.

In der Sievernich-Ausgabe steht unter einem kolorierten Stich, der einen Rost zeigt, auf dem Menschenbeine und Menschenarme liegen: „Diesen Rost mag man billich für der Wilden Fleisch- oder Speisekammer und Essen betrachten, denn man kommt in keine Hütte oder Dorf, da man derselbige nicht voll von gedörrtem Fisch oder Fleisch fände. Es trägt sich auch wohl zu, wie wir hören werden, dass wenn einer zu den Wilden kommt, er diese Roste voll Menschenfleisch findet, das sie von ihren gefangenen und geschlachteten Feinden, gleich einem Raub gemacht haben.“

Unter demselben, freilich anders kolorierten Kupferstich steht nun in der Taschen-Ausgabe: „Die Wilden stecken vier Pfähle von der Dicke eines menschlichen Armes in die Erde, und zwar an vier Ecken, sodass ein Quadrat entsteht, in dem jeder Pfahl drei Fuß entfernt von dem nächsten steht. Darüber legen sie Stöcke, jeder im Abstand von zwei Fuß zum nächsten. Diese bilden einen Rost, den sie in ihrer Sprache Bucan nennen ... .“ Und so geht es weiter. Kein Wort über die abgebildeten menschlichen Gliedmaßen, geschweige denn über die an dieser Grillparty beteiligten Männer, Frauen und Kinder, die herzhaft in Arme, Beine und menschliche Spareribs beißen. Am rechten Rand saugt ein kleiner Junge, die fetten Putto-Beinchen aufgestellt im schönsten Kontrapost, an den Fingern einer abgeschnittenen Hand.

Es sieht ganz so aus, als differierten nicht nur die lateinischen und deutschen Ausgaben, sondern auch die deutschen untereinander. Diese Tafeln gehören zum dritten Buch der Amerika-Serie. Es bringt Auszüge aus dem Bericht des Söldners Hans Staden (1525-1576) von seiner Brasilienfahrt. Staden, so sein Bericht, wurde von Tupinambá-Indianern, Kannibalen, gefangen genommen. Er überlebte, weil er das Glück hatte, dass der Häuptling, nachdem Staden Gott darum gebeten hatte, von einer Seuche verschont blieb. Er war aber Zeuge, wie die Tupinambá mehrere Portugiesen töteten und verspeisten. 1557 erschien sein Buch „Warhaftige Historia und beschreibung eyner Landtschafft der Wilden Nacketen, Grimmigen Menschfresser-Leuthen in der Newenwelt America gelegen“. Ein Bestseller auf den die Kompilatoren de Bry unmöglich verzichten konnten.

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