1. Startseite
  2. Kultur

Der eine Gott macht Schluss mit den vielen Therapeuten

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Arno Widmann

Kommentare

Ein Hindu-Heiligtum am Ganges in der nordindischen Stadt Allahabad.
Ein Hindu-Heiligtum am Ganges in der nordindischen Stadt Allahabad. © REUTERS

Ein Gespräch mit Harald Strohm, der seit Jahren über die indische Götterwelt und die Religionen Altirans forscht.

„Die Geburt des Monotheismus im alten Iran“ heißt Ihr neues Buch. Wieso Iran? Ich dachte, der Monotheismus sei eine jüdische Erfindung mit einem gescheiterten ägyptischen Vorläufer, dem Pharao Echnaton.
Der jüdische Monotheismus reicht nicht weiter zurück als bis ins siebte, achte vorchristliche Jahrhundert. Echnaton ist um 1350 vor Christus zu datieren. Jan Assmann hat den in meinen Augen weitgehend geglückten Versuch unternommen, die 600 Jahre dazwischen zu überbrücken und damit Echnaton als Keim des jüdischen Monotheismus auszuweisen. Allerdings gab es in diesen Jahrhunderten auch in Iran einen Monotheismus. Seine Anfänge zu datieren, fiel lange schwer. Inzwischen herrscht aber weitgehender Konsens, dass sie auf etwa 1000 vor unserer Zeitrechnung anzusetzen sind. Sein Urheber war der Prophet Zarathustra und Ahura Mazda dessen Monotheos. Ich teile aber die Ansicht Helmut Humbachs und anderer, dass Zarathustras Monotheismus in priesterlichen Kreisen bereits eine lange, bis mindestens in die Mitte des zweiten Jahrtausends hochreichende Vorgeschichte gehabt haben muss. Dennoch: Zarathustra war der eigentliche Begründer einer Weltreligion, die dann mehr als 1 500 Jahre von Millionen von Menschen praktiziert wurde.

Den jüdischen Monotheismus und den Echnatons charakterisieren ja die enge Beziehung zwischen dem einen Gott und dem Mann, dem er sich offenbart. Ist das im Iran ähnlich?
Das schmale Öhr ins Jenseits des neuen Monotheos führt auch im Iran über nur eine Person, eben Zarathustra. Er und nach seiner Lehre er allein habe die Stimme Ahura Mazdas vernommen. Nur ihm, und ihm allein, sei ein Blick durch die Zaunlatten des Diesseits hinüber ins Reich Ahura Mazdas vergönnt gewesen. Historisch ist das wahrscheinlich nicht richtig. Denn die Quellen weisen auf Mitwettbewerber mit ähnlichen Ideen.

Im Judentum hat der eine Gott sich nicht nur einen Propheten erwählt, sondern auch ein Volk. Ist das im Zarathustrismus vergleichbar?
Das ist eine Besonderheit des Judentums. Sie rührt aus seiner Diaspora-Geschichte her. Der gemeinsame Glaube half den Menschen, wo immer es sie hin verschlug, sich als eine „nationale“ Gemeinschaft zu erleben. Dennoch war das Judentum nie völlig abgekapselt. Gerade mit Iran fand ein lebhafter Austausch auf allen Ebenen, auch religiös, statt. Einer der Gründe war, dass der iranische Großkönig Kyros 538 die jüdische Elite aus der Babylonischen Gefangenschaft befreit hatte. Ein anderer, dass das Aramäische, die Sprache Jesu, seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert zugleich die Lingua franca Irans war. Zwischen beiden Völkern herrschte durch die Jahrtausende ein überwiegend wohlwollendes Verhältnis. So ist es, Fanatiker ausgenommen, bis heute.

In Ihrem Buch spielt auch Indien eine wichtige Rolle.
Indien und Iran bildeten den östlichen Zweig der indoeuropäischen Sprach- und Kulturfamilie. Beide hatten damals nicht viel mehr als 500 Jahre getrennter Entwicklung hinter sich, und ihre Sprachen verhielten sich daher noch wie Dialekte zueinander. Ähnlich war es auch mit ihren Religionen. Mithra etwa, wörtlich „Gott Vertrag“, war hier wie dort ein prominenter Gott. Und ebenso war es bei Ahura Mazda, dem späteren Monotheos des Zarathustrismus. Auch er hatte sein Spiegelbild in einem altindischen Gott. Er hieß dort Asura Varuna und war gleichermaßen von herausragender Prominenz. In meinem Buch nutzte ich diese Spiegelbildlichkeit, um die eher kargen iranischen Quellen mit den so reich sprudelnden indischen gleichsam aufzustocken. Sie erlauben uns besonders intime, oft entlarvende Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Zarathustrismus.

Ich dachte immer, nichts läge dem Monotheismus ferner als Indien.
Der iranische Ahura Mazda, wörtlich „Herr Weisheit“, und der indische Asura Varuna, wörtlich „Herr Wahre Rede“, war hier wie dort ein Sonderling und Einzelgänger: mürrisch, frauenscheu, weltverloren ... Er hatte in der Tat das Zeug zum Monotheos – und wurde es in Iran. In Indien aber verlief die Entwicklung genau entgegengesetzt. Zwar sehen wir klar genug, dass es in priesterlichen Kreisen auch dort sehr früh, im frühen zweiten Jahrtausend, varunisch-monotheistische Bewegungen gegeben haben muss. Wie in Ägypten nach Echnaton gravierten auch sie Spuren ins kulturelle Gedächtnis. „Die Krankheit des Landes ist gewichen“, heißt es in einer Inschrift nach Echnaton und analog war es auch in Indien. Erhaltene Texte warnten hier noch Jahrhunderte später vor der Gefährlichkeit Varunas und vor seiner Verabsolutierung zum Monotheos. Noch in frühhinduistischer Zeit war die Religion Altindiens in wichtigen Teilen Varuna-Therapie.

Die Inder therapierten den Gott, während man im Iran seinen Wahn, etwas ganz Besonderes zu sein, ernst nahm?
Was zumal die indischen Quellen deutlich machen ist, dass Varuna etwas Verführerisches, ja süchtig Machendes hatte. Insbesondere Priesterschaften zog er in seinen Bann. Denn als „Gott Wahre Rede“ galt er als Weisheitslehrer und Herr verborgenen, „höheren“ und elitären Wissens; eine Verlockung für alle, die auf spirituelle Führerschaft sannen. Entsprechend trat Varuna in altindischen Mythen tagsüber in weißem Gewand auf und verkündete Edelsinn und hehre Moral. Doch sein Licht warf Schatten. Des nachts nämlich verwandelte sich der selbe Varuna zum Gott der Finsternis, stahl sich wie ein Hund um die Häuser und säte allerlei Unheil. Bleich und rotäugig vom Alkohol, in einer schwarze Kutte mit einem Strick als Gürtel verknotet, nannte man ihn jetzt den „Zorn“. Licht und Finsternis, Gut und Böse waren in ihm unentwirrbar vermischt. Eine Art Dr. Jekyll und Mister Hyde. Der Licht-Finsternis-Dualismus Zarathustras hatte in Mythen dieses Typs seine Wurzeln.

Möchten Sie etwas zum Unterschied von Poly- und Monotheismus sagen?
Die alten Religionen Indiens und Irans vor Zarathustra und damit natürlich auch noch mehr als 500 weitere Jahre vor Buddha und Mahavira waren keine Erlösungsreligionen. Sie waren Schöpfungsreligionen. Sie heiligten diese, die irdische Welt, die ihnen als das Werk der Götter galt. So wie in den alten Mythen inszeniert, hatte sich die Eröffnung der menschlichen Welt in gewissem Sinn tatsächlich vollzogen – nämlich in den ersten Jahren der Kindheit. Die Götter dieser Religionen waren Repräsentanten frühkindlicher Seelenschichten. Indra zum Beispiel, der „größte“ der damaligen Götter, stand für ein etwa einjähriges Kind. Entsprechend wurde er für seine dicken Backen und für sein fettes Bäuchlein gepriesen; desgleichen für seine glänzenden Zähne, für seine ersten Schritte und Dreiradfahrten, ja für sein Krabbeln und Aus-Pfützen-Trinken. Vor allem aber für die Eröffnung der optischen Welt, die er recht genau in dem Sinne bewerkstelligte, wie es auch die moderne Säuglingspsychologie rekonstruiert. Von Indras Blusenspielen mit der Göttin Morgenröte, seiner Mutter, einmal ganz zu schweigen ... Die Heilsstrategie dieser Religionen war, diese im Unbewussten versunkene Welt der frühen Kindheit zu würdigen, täglich heiter auf sie anzuspielen und sie damit zu stabilisieren und lebendig zu halten; ganz ähnlich wie es moderne psychotherapeutische Schulen tun. Man spürte: Wenn diese Götter und Seelenschichten guter Dinge waren – war man es selbst auch!

Und Varuna?
Auch Varuna alias Ahura Mazda war ursprünglich einer in der Rasselbande dieser Götter. Er allerdings war deutlich deformiert, seine Kindheit traumatisiert. Deshalb galt er als blass und verletzlich, als ungeschickt und nervös, im Temperament als rechthaberisch und trotzig. Mit harten Strafen drohend verordnete er allen anderen strenge moralische Regeln, hielt sich aber selbst nicht an sie und blieb in seiner Rachsucht stets unberechenbar. Kurz: Während die Welt der anderen Götter als insgesamt gelungen galt, war Varunas Welt grundsätzlich misslungen, ein Sündenpfuhl und Jammertal. Deshalb aber war Varunas grosse Hoffnung, diese irdische Welt als Ganze dereinst zu vernichten, um dann in einem zweiten Versuch eine neue und vor Glück überbordende Welt zu erschaffen.

Der neue Eingott stellt sich gegen sein Werk?
Mythen dieser Art waren der Stoff von Zarathustras Offenbarungen. Der Prophet war selbst varunisch traumatisiert und „sah“ sich und die Welt deshalb mit varunischen Augen, ja hörte regelrecht varunische Stimmen. Diese, die irdische Welt, so offenbarte ihm Ahura Mazda mit diesen Stimmen, sei unrettbar von Finsternis und Bösem durchmischt. Ahura Mazda werde sie deshalb bald schon mit Strömen glühenden Metalls vernichten – und dann mit einem völligen Reset einen Neustart in ein kommendes Reich grenzenlosen Glücks einleiten. Wer Ahura Mazdas harte Gebote hienieden befolge, werde dann reichlich belohnt und auf immer erlöst; alle anderen aber würden auf ewig verdammt.

Wie verbreitet war die Zarathustra-Religion?
Der Zarathustrismus war eine missionierende Religion. Ziel war, die gesamte Menschheit in fromme, keusche und arbeitsfrohe Zarathustrier zu verwandeln, von Priestern geformt und geführt. Krieg und Gewalt galten dabei schon dem Propheten selbst als probate Mittel. In der weiteren Entwicklung nahm der Zarathstrismus dann freilich vielerlei Färbungen an. Es gab „reinere“ Formen, in deren Bannkreis zu leben mit Sicherheit kein Honiglecken war. Es gab aber sehr früh auch schon moderate Formen; insbesondere Legierungen mit alten heidnischen Göttern, etwa mit dem gutmütigen Mithra. Sie ließen Raum für Freiheit und Individualität, für selbstbewusste Frauen und insgesamt für großmütige Menschlichkeit. Die modernen Parsen, kleine zarathustrische Restgemeinden in der iranischen Yazd-Ebene, in Mumbai, in Karatschi, aber auch in London und New York sind lebendige Beispiele dafür. Ich selbst war in Indien einmal zu einer Parsenhochzeit geladen, auf der vom einstigen Zorn ihres Monotheos und der Verbitterung seines Propheten nichts zu spüren war.

Interview: Arno Widmann

Auch interessant

Kommentare