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Carlo Chatrian

Eine gelungene Kür

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Die filmpolitische Wahl überzeugt in der Hauptstadt, in der Kulturkämpfe zuletzt erbittert ausgefochten wurden.

Die Suche nach einer neuen Leitung der Berlinale erinnert nicht allein deshalb an eine spektakuläre Berufung eines neuen Fußball-Trainers, weil derzeit gerade in Russland um Sieg und Niederlage gespielt wird. Die Debatte um die Nachfolge des langjährigen Berlinale-Chefs Dieter Kosslick wurde über Monate derart leidenschaftlich geführt, dass dem aus Altersgründen fälligen Personalwechsel schließlich die Bedeutung eines symbolisch aufgeladenen Paradigmenwechsels zukam. 

Da passt es ins Bild, dass die Nachricht über die neue Führung am Potsdamer Platz bereits Tage vor der geplanten Bekanntgabe am Freitag, wie es im Journalistenjargon heißt, durchgestochen wurde. Die Zeiten, in denen kulturpolitische Entscheidungen allenfalls Eingeweihten interessant erscheinen, sind vorbei. 

Beim Film geht es auch um Glanz und Glamour, und das Votum für den Filmpublizisten und Festivalleiter von Locarno, Carlo Chatrian, kann als äußerst glamourös bezeichnet werden. Der Mann sieht gut aus, spricht Englisch mit einem sympathischen italienischen Akzent, ist, wie man so sagt, international gut vernetzt und wird in Cineastenkreisen als Kenner geschätzt. 

Die von Kulturstaatsministerin Monika Grütters angeleitete Findungskommission hat aus der scheinbar schwer zu lösenden Pflicht eine gelungene Kür gemacht. Ein kulturpolitischer Befreiungsschlag – auch wenn dieser alte Fußballbegriff nicht unbedingt der modernen Spielweise entsprechen mag.

Monika Grütters hat im Vorfeld wiederholt durchblicken lassen, wie wichtig ihr diese Personalentscheidung ist. Sie habe sich intensiv beraten und Dutzende Gespräche geführt. Eine internationale Besetzung war bevorzugt, eine mögliche Aufgabenteilung, wie sie bei vergleichbaren Festivals an der Führungsspitze längst üblich ist, wurde ins Auge gefasst. Und obwohl Grütters an ihrem Plan festhält, die offizielle Entscheidung über die neue und vollständige Berlinale-Leitung erst nach der Aufsichtsratssitzung der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH am Freitag bekanntzugeben, darf man vermuten, dass die geplante Doppelspitze nun, da man Carlo Chatrian verpflichten konnte, nur noch in abgeschwächter Form zur Geltung kommen wird. 

Das muss für das Festival und für Berlin kein Nachteil sein. Der nach der Berlinale 2019 aus dem Amt scheidende Dieter Kosslick hat über viele Jahre vorgemacht, dass zur Ausübung der administrativen Aufgaben, die die Chefrolle eben auch ausmachen, ein performativer Part gehört, der ihn als Mister Berlinale stets gut gelaunt auf dem roten Teppich erscheinen ließ. Der kulturpolitische Pragmatiker als Clown in eigener Sache.

Die Entscheidung für Chatrian reicht weit über die Welt des Kinos hinaus. In Berlin hat man zuletzt die bittere Erfahrung machen müssen, wie ein nicht hinreichend vorbereiteter und durchgeführter Führungswechsel in einer wichtigen kulturellen Institution zum Gegenstand eines erbitterten Kulturkampfes wurde. Der Streit um die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist mit der Demission des Intendanten Chris Dercon zwar beruhigt, aber noch keineswegs beendet. Das Volksbühnen-Desaster dürfte als warnendes Beispiel auch die Entscheidungsfindung von Monika Grütters beeinflusst haben, wenngleich sie dabei nur kulturpolitische Beobachterin war. 

Die Wahl Chatrians sendet denn auch ein wichtiges gesellschaftspolitisches Signal in einer Zeit, in der viele nationale Verengungen wieder opportun erscheinen. Mit der Berufung des Italieners Chatrian an die Spitze einer deutschen Kulturinstitution wird zugleich auch ein Anspruch auf internationale Geltung bekräftigt, in deren Namen kein Rückzug auf nationale Homogenität propagiert werden kann. 

Das ist für die Filmbranche eine Selbstverständlichkeit, die mit Blick auf andere Personalentscheidungen im kulturpolitischen Raum zuletzt eher vernachlässigt wurden. Die Berlinale ist wie ihr Pendant in Locarno ein Publikumsfestival, für das die Neuen die luftigen Atmosphäre vom Lago Maggiore gewiss mit der winterlichen Gier auf Kino am Potsdamer Platz zu verknüpfen wissen.

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