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Eine ganz eigene Liga

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Im Herzen orange: Philip Simon macht Spaß auf ZDFneo.
Im Herzen orange: Philip Simon macht Spaß auf ZDFneo. © ZDF

Der niederländische Bühnenkomiker Philip Simon erhält eine Show im deutschen Fernsehen. Den Zuschauer erwarten Holländerwitze in Endlosschleife.

Von Jan Freitag

Der niederländische Bühnenkomiker Philip Simon erhält eine Show im deutschen Fernsehen. Den Zuschauer erwarten Holländerwitze in Endlosschleife.

Na, das fängt ja toll an: „Nate Light“, die neue Spaßparade auf ZDFneo heißt allen Ernstes „Nate Light“. Das hat ungefähr das Niveau von „Zum Bleistift“ und zählt also eher zur Liga des außergewöhnlich Belämmerten als zu dem, was sprachlich korrekt mit „Late Night Comedy“ untertitelt wird: Ein Nachttalk mit Humor. Doch toller wird’s nicht. Denn „Nate Light“ dreht sich vor allem um Wohnwagenwitze. Und Edamerwitze. Natürlich Windmühlenwitze. Nicht zu vergessen Tandemwitze. Alles gebündelt in Rubriken von „Two and a half Kaaskopp“ über „Oranje Gedankje“ bis „Mein Holland“.

Womit wir bei Ursache, Wirkung und Dilemma dessen wären, der uns da künftig die Spätnacht verulkt: Philip Simon, ein – Überraschung! – Niederländer.Von Donnerstag an (22.15 Uhr) kriegt der versierte Bühnenkomiker von 36 Jahren nach einem ertragreichen Dasein als Gast all der Satiregipfel, Quatschclubs und Anstaltsneuigkeiten des Fernsehhumors seine erste eigene Show. Und allem Anschein nach wird die Ahnenreihe des Deutschholländers den Wesenskern seiner kabarettistischen Gesprächssause bilden. Es geht also um eher plakative Pointen, verpackt in ein Format, das die ausgeweidete Late Night per Buchstabendreher zwar umarmt, zugleich aber wegstößt. Denn möglichst viel und herzlich wenig zugleich soll an Harald Schmidt nebst Epigonen erinnern: Es gibt den unvermeidlichen Stand-up-Start (zum aktuellen Zeitgeschehen), allerlei Sketch-Elemente (wie eine Campingplatz-Sitcom) und den üblichen Sidekick (die Comedynovizin Tahnee Schaffarczyk). Was es nicht gibt: einen Schreibtisch, ein Großstadtpanorama, eine Studioband.

Zum Auftakt zu Gast: Bernhard Hoëcker und Marijke Amado, ein Berufswitzbold und eine Berufslandsfrau. Dramaturgisch dürfte es also kaum innovativ werden, stilistisch dafür knallorange. Holland zieht eben im deutschen Unterhaltungsprogramm. Sogar wenn es jemand verkörpert, der optisch ein bisschen an Oliver Welke mit tätowierten Unterarmen erinnert und auch sonst dessen Masche der unbedarften Gehässigkeit aus dem Gefühl tiefster Normalität heraus teilt.

Was also zieht an Philip Simon, aufgewachsen in Essen und erfolgreich vor allem östlich seiner Geburtsheimat? Und was zieht ihn so sehr auf die andere Seite des Grabens zwischen dem kleinen Nordseestaat und ihrem einst verhassten Besatzer? Ganz einfach, sagt dieser vielfach prämierte Vollblutkomödiant, der noch während seines Germanistikstudiums als Conférencier im Varieté gearbeitet hat und seither schon mal 300 Vorstellungen pro Jahr in den größten Häusern des Kabaretts absolviert: Es ist der Akzent („Oh, guck mal – das Baby kann sprechen“) und purer Pragmatismus („außerdem sind die Arbeitsmöglichkeiten größer“).

Dennoch muss es weitere Gründe geben, warum unsere Nachbarn seit den Tagen von Jopi Heesters und Heintje hierzulande so angesagt sind, warum ihre Popularität vor allem in den 90er Jahren nochmals kräftig angezogen hat. Die Antwort lautet: große Show und kleiner Grenzverkehr. Denn während der Amsterdamer Mediendozent Maartin Reesink deutsche Moderatoren als „eher steif“ empfindet, hält er seine Landsleute für „freimütiger, einfach geradeaus, unverblümt“. Und das wissen öffentlich-rechtliche Sender bereits seit den 60ern zu schätzen, als erst der singende Moderator van Burg zum „Onkel Lou“ der Fernsehnation avancierte und Rudi Carrell den Typus väterlicher Grandseigneure um den Faktor Lockerheit erweiterte.

Barbiepüppchen Sylvie van der Vaart

So richtig zum Durchbruch kamen die fröhlichen Grenzgänger allerdings erst, als sich die Scouts des Neulings RTL praktisch bloß in die Straßenbahn setzten mussten, um das junge Dualsystem mit Holländern auszustatten. Marije Amado, geschult als Assistentin in „Am Laufenden Band“, die kleine Schwester des Großproduzenten John de Mol namens Linda, dazu Harry Wijnvoord – die räumliche Nähe versorgte den Kommerzkanal Anfang der 90er regelmäßig mit frischen Gesichtern, aber auch gebrauchten wie dem Rudi Carrells, der 1993 von der ARD zu RTL wechselte.

Seither zählen Niederländer jeder Art insbesondere bei RTL zum Stammpersonal, derzeit etwa das heitere Barbiepüppchen Sylvie van der Vaart, die in „Let’s Dance“ nicht nur ihr strahlend weißes Zahnarztlachen, sondern sämtliche sekundären Geschlechtsmerkmale zu Markte trägt. Oder Tooske Ragas, bei „Deutschland sucht den Superstar“ vor allem für süße Optik zu sinnlosen Fragen zuständig.

Beide sind indes nur noch austauschbare Folien für das Klischee der naturfröhlichen Holländer mit dem einnehmenden Wesen, deren putzig glattgebügelte Diphthonge unserer Sprache ein wenig ihrer Härte nehmen, aber doch noch irgendwie hiesigen Dialekt sprechen. Friesisch eben. Und genau das wird Philip Simon neben all den Hasch- und Kraushaarscherzen in „Nate Light“ thematisieren. Immer und immer wieder. Holländerwitze in Endlosschleife. Deutsches Publikum kriegt davon nie genug.

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