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Eine exzentrische Entscheidung

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Anselm Kiefer vor seinem Werk im Pariser Grand Palais.
Anselm Kiefer vor seinem Werk im Pariser Grand Palais. © afp

Der Künstler Anselm Kiefer bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Von INA HARTWIG

Markanter könnte der Gegensatz kaum sein. Im vergangenen Jahr der jüdische Holocaust-Forscher Saul Friedländer - jetzt der Maler und Bildhauer Anselm Kiefer als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. Jener Anselm Kiefer, der dem kollektiven Kunstgedächtnis als Hitlergruß schwingender junger Provokateur eingeschrieben ist. Jener Kiefer, dessen Kunst ganz bewusst an die hybride Nazi-Monumentalität anknüpft, vielleicht um zu beweisen, dass er vor ihr keine Angst hat; Teufelsaustreibung mit den Mitteln des Teufels. Jener Kiefer, der in den achtziger und neunziger Jahren bei den New Yorker Sammlern als der letzte Schrei galt. So kamen die Namen der Konzentrationslager, die Kiefer damals in Kinderschrift auf seine Riesentableaux aufgetragen hatte, in die edlen Kaminzimmer mit Blick auf den Central Park.

Zum ersten Mal in der fast sechzigjährigen Geschichte des Friedenspreises wird 2008 ein bildender Künstler ausgezeichnet, einer also, der im Unterschied zu den meisten Preisträgern seiner friedliebenden Haltung nicht mit dem Mittel des geschriebenen oder gesprochenen Wortes Ausdruck verleiht - es sei denn als Zitat, und Kiefer liebt Zitate -, sondern mittels Bleiplatten, Farbschichten, märkischem Sand, überdimensionierten Spielzeugen und gefundenen Objekten. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass der Stiftungsrat - dem u.a. der langjährige Direktor des Kunstmuseums im Pariser Centre Pompidou, Werner Spies, angehört - eine exzentrische Entscheidung getroffen hat.

Schrottplatz der Geschichte

Entsprechend sophisticated liest sich die Begründung, die gestern Mittag in Frankfurt am Main verbreitet wurde: Kiefer habe "eine Bildsprache entwickelt, die aus dem Betrachter auch einen Leser" mache. Mit dem 63-Jährigen werde ein weltweit anerkannter Künstler geehrt, "der seine Zeit mit der störenden moralischen Botschaft vom Ruinösen und Vergänglichen konfrontiert". Kiefer sei im richtigen Moment erschienen, "um das Diktat der unverbindlichen Ungegenständlichkeit der Nachkriegszeit zu überwinden". Und natürlich wird darauf hingewiesen, dass Literatur und Poesie in Kiefers mythengesättigtem Werk eine stetige Referenz sind. Er habe "das Buch selbst, die Form des Buches, zu einem entscheidenden Ausdrucksträger gemacht". Und weiter, kulturkritisch gewendet: "Gegen den Defätismus, der Buch und Lesen eine Zukunft abzusprechen wage, erschienen seine monumentalen Folianten aus Blei geradezu als Schutzschilde."

Nun ja. Die clevere Jury-Prosa, die Anselm Kiefer als einen Garanten der Bücher und literarischen Tradition deuten möchte, kann dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier vor allem die Entscheidung für eine visuelle Gedächtniskunst voll schwerer Zeichen getroffen wird.

Die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit ist für den 1945 in Donaueschingen geborenen Kiefer seit seinen ersten Arbeiten Ende der sechziger Jahre ein obsessiver Antrieb. Zwei Jahre lang studierte der Sohn eines Zeichenlehrers bei Joseph Beuys, der Kiefer den Geschmack an Flugzeugen vermittelt haben mag. Der Einfluss von Beuys ist spürbar nicht nur in der Materialkunde und Farbenlehre. Was Kiefer mit seinem Lehrer teilt, ist vor allem die Verschmelzung von Aktion, Kritik und Re-Ästhetisierung. Hier Fett und der Filz - dort Blei und die Namen der deutschen Geschichte, von Majdanek und Auschwitz bis zu Paul Celans "Mohn und Gedächtnis".

Kiefer behandelt den Schrotthaufen der deutschen Geschichte vor allem als künstlerisches Material, und somit als Gegenstand des Schönen und Erhabenen. Das schließt, wunder Punkt, eine mimetische Attraktion ein. Eine Nähe zur Expressivität Baselitz' wird Kiefer ebenfalls nachgesagt - doch wäre ein Vergleich mit dem Regisseur Hans-Jürgen Syberberg womöglich passender: Beide arbeiten sich in den Siebzigern derart am deutschen Mythos ab, dass König Ludwig II. von Bayern, Parsival und Hitler umstandslos aufgereiht werden. Der Strukturvergleich birgt Reiz und Risiko zugleich. Was Syberbergs "Hitler, ein Film aus Deutschland" leistete - den "Führer" als Marionette zu entlarven -, wollte Kiefer wohl mit seiner Hitlergruß-Parodie auch: Geschichte, ein Spiel.

Pathos und Antipathos

Noch etwas anderes gilt es zu bedenken, und dies könnte für die überraschende Wahl Kiefers zum Friedenspreisträger ausschlaggebend gewesen sein: Es sind in der Auseinandersetzung mit "dem Deutschen" immer auch ästhetische und moralische Abwehrmechanismen involviert. In diesem Punkt korrespondiert Kiefers Kunst unterschwellig mit Martin Walsers legendärer Friedenspreis-Rede von 1998, die sich ebenfalls schon gegen bestimmte Vereinnahmungen der Gedenkkultur verwahren wollte, was dann, angesichts des damals noch in Planung begriffenen "fußballfeldgroßen" (Walser) zentralen Holocaust-Mahnmals, entgleiste ist ins antikünstlerische Ressentiment. Anselm Kiefer ist gegen derartige spießbürgerliche Reflexe natürlich gefeit. Eher könnte man von einem Nicht-Erschauern vor dem Schauerlichen sprechen.

Anfang der neunziger Jahre verließ Anselm Kiefer Deutschland, um sich im südfranzösischen Barjac auf dem Gelände einer stillgelegten Seidenfabrik niederzulassen. Inzwischen hat er sich im Pariser Marais-Viertel einen Palast ausbauen lassen. Und in Paris hat er auch Furore gemacht, vor genau einem Jahr, mit seiner Installation "Sternenfall" im Grand Palais. Die jüdische Kabbala ist ihm, im Unterschied zur christlichen "Kampfreligion", ans Herz gewachsen. In einem Interview bekannte Kiefer: "Unser Universum ist etwas völlig Irrationales. Es gab die Bewegung des Christentums und den Marxismus, um der Welt einen Sinn zu geben. Aber es gibt keinen Sinn."

Nicht immer sind Pathos und Antipathos in Kiefers Werk säuberlich voneinander zu trennen. Das macht seine Wahl zum Friedenspreisträger angreifbar. Viel wird deshalb davon abhängen, welche Worte der gelehrte Künstler in der Paulskirche wählen wird.

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