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Uatuna.

Museum

Eine Ermächtigung

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23 Objekte aus der Sammlung des Berliner Ethnologischen Museums gehen nach Namibia zurück – als Leihgaben.

Die Puppe haben sie Uatuna genannt. Sie ist aus Stoffresten genäht, es sind europäische Stoffe. Der Rock reicht bis zum Boden, die karierte Bluse hat lange Ärmel. Ziemlich sicher hat sie ein Mädchen vom Volk der Herero in den 1870er Jahren in einer Missionsstation angefertigt. Denn, so erklärt Hertha Bukassa im Ethnologischen Museum in Berlin, die deutschen Kolonisatoren hätten ihre Herrschaft auch mit Hilfe von Nähkursen etabliert. Hier lernten Frauen Kleidung nach europäischer Art zu nähen, die ihre eigene Kleidung ersetzen sollte. „Ich schaue Uatuna an, und ich sehe ein junges Herero-Mädchen, das mit dieser Art von Kleidung vertraut gemacht wird, die ihre Zukunft sein sollte.“ 

Hertha Bukassa ist Referentin im Kulturministerium von Namibia und hat die vergangenen Monate in Berlin an einem Kooperationsprojekt zwischen dem Ethnologischen Museum und der Museums Association of Namibia mitgearbeitet. Sie haben die 1400 Objekte der Namibia-Sammlung des Ethnologischen Museums untersucht, die zum größten Teil während der gewaltvollen Kolonialzeit erworben und vor allem geraubt wurden, aus dem Land gebracht von Missionaren, Soldaten, Siedlern und Händlern. 

Nun werden dank einer Förderung der Gerda-Henkel-Stiftung in Höhe von rund 400 000 Euro 23 Objekte nach Namibia reisen, darunter auch die Puppe Uatuna, die Carl Gothilf Büttner, von 1871 bis 1879 Missionar der Rheinischen Mission in Otjimbingwe, 1888 dem Königlichen Museum für Völkerkunde in Berlin schenkte. Vielleicht hat er die Puppe gegen Vieh getauscht, genau weiß man es nicht. „Ein Kind schenkt seine Puppe nicht einfach her“, sagte Bukassa. Die Puppe ist jedenfalls ein Symbol für die gemeinsame Geschichte, genau wie die Puppe aus dunklem Holz, Leder und Perlen, die Königin Olugondo der Tochter eines finnischen Missionars geschenkt hat, deren deutscher Ehemann sie später nach Berlin brachte.

Die Objekte, darunter ein Schildkrötenpanzer, in dem Parfümpulver aufbewahrt wurde, ein Dolch und ein Kopfschmuck, gehen als Leihgaben nach Namibia, zunächst für drei Jahre. Er erwarte nicht unbedingt, dass alle nach Berlin zurückkehren würden, sagte der Präsident der Stiftung Deutscher Kulturbesitz Hermann Parzinger. Es sei ein modellhafter Prozess, der hier in Gang gesetzt werde. Das Ende sei offen. 

Dass sich Vertreter von Berlin Postkolonial und dem Bündnis Völkermord verjährt nicht daran stören, dass es sich um Leihgaben handelt, kann man verstehen. Wie kann man etwas verleihen, das man jemandem mit Gewalt entrissen hat, fragen sie. Bei den Objekten weiß man nicht so genau, wie sie nach Berlin gekommen sind, aber dass sie seltener gegen Vieh getauscht wurden als dass Gewalt im Spiel war, gilt als sicher. Und es ist noch komplizierter: „Sind die betroffenen Völker in dieses Projekt involviert?“, fragte der in Berlin lebende Herero Israel Kaunatjike, „also Vertreter der Herero und Nama?“ Die Regierung, so Kaunatijke, bestünde nämlich aus Vertretern des Volks der Ovambo, die vom Völkermord nicht betroffen waren. 

Uatuna, der Kopfschmuck, der Schildkrötenpanzer – sie könnten trotzdem Wegbereiter sein im Rahmen der noch immer nicht wirklich beantworteten Frage, wie die deutschen Museen mit ihren kolonialen Objekten umgehen wollen, von denen wohl die meisten Raubobjekte sind. Die Idee, sie nach Namibia reisen zu lassen und abzuwarten, welche Diskussionen sich dort an ihnen entzünden, welche Wünsche entstehen, ob etwa die namibische Regierung ein Rückgabe-Ersuchen stellen wird, erkennt zum einen an, dass es in Afrika einen Anspruch auf diese Objekte gibt. Aber vor allem beinhaltet dieser Prozess eine Ermächtigung: Die Antworten auf die Frage, die man sich in Berlin, in Deutschland, in Europa stellt, könnten in Afrika gegeben werden. 

Ausgewählt wurden die Objekte von den Namibiern. „Und natürlich wollen wir die Sachen zurückhaben“, sagte Goulda Ha Eiros, die Vorstandsvorsitzende der namibischen Museumsassoziation. „Aber wir brauchen einen Plan.“ Und sie bräuchten die Workshops zum Kapazitätsaufbau, die nun in Namibia stattfinden werden, genau wie die Stelle eines Konservators am Nationalmuseum, die die Gerda-Henkel-Stiftung finanziert. 

Und auch die beiden Feldforscher, die mit den Objekten im Land herumreisen werden auf der Suche nach denen, die sich noch an ihre ethnischen Namen erinnern können, an ihre Bedeutung. „Ihr sagt, dass das Kunstwerke sind, aber für uns haben sie einen immateriellen Wert. Sie definieren uns“, sagte Hertha Bukassa. Goulda Ha Eiros sprach von dem Stolz, mit dem sie der Anblick erfülle.

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