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"Nicht umsonst", sagt Volker Reinhardt, "wurde Gregor VII. bereits zu Lebzeiten als ,heiliger Satan? bezeichnet."

Päpste

"Eine echte Demokratisierung wäre ein zu radikaler Bruch"

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Papst-Forscher Volker Reinhardt über Veränderungen und Kontinuitäten an der Spitze der katholischen Kirche, über noble Vorgänger im Sinne von Franziskus und über die größten Horrorgestalten

Herr Professor Reinhardt, Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. wird am 16. April 90 Jahre alt. Wird er als „Emeritus“, als Papst des Rücktritts in die Geschichte eingehen?
Das Faszinierende an den acht Jahren Benedikt XVI. (2005– 2013) ist zunächst sein Rückgriff auf ein Verständnis des Papstamts, das von jeher in die Breite des Rollenspektrums von „menschlich, natürlich“ bis „spirituell abgehoben, übernatürlich“ gehört hat. Als Kenner der Kirchengeschichte hat Ratzinger für sich das Modell der Ewigkeitsmission eines der Jenseitsvorsorge verpflichteten Papstes gewählt. Diese Wahl kam aber schlecht an, weil sie in schroffem Widerspruch stand zu einer Gesellschaft, die selbst das Jenseits demokratisiert hat.

Was ist damit gemeint?
Die Vorstellung, dass alle Menschen ins Paradies kommen. Früher war der Genuss der ewigen Seligkeit nur einer Minderheit, einer kleinen Elite vorbehalten. Religiöse Vorstellungen sind Abbilder sozialer und politischer Ordnungen. Der Heilspessimismus von einst ist heute nicht mehr vermittelbar.

Was ist dann das – wie Sie sagen – Faszinierende am Pontifikat Benedikts XVI.?
Dass der Papst sich den – in seinen Augen – Auflösungserscheinungen und zersetzenden Entwicklungen unserer Zeit entgegenstemmen wollte. Die Gefahr für die Kirche sah er in einer Patchwork- oder Supermarkt-Religiösität, die nur das Bequeme offeriert und alles weglässt, was der Zeitgeist als störend empfindet. Benedikt repräsentierte demgegenüber eine stärker mahnende, disziplinierende, auch strafende Kirche. Er war nicht umsonst jahrzehntelang der katholische Chefinquisitor gewesen. Mag die Behörde heute auch verharmlosend „Glaubenskongregation“ heißen, geht es doch wie früher darum, Abweichler zur Räson zu bringen. Das übrigens braucht jede Religion. Jede hat deshalb auch ihre Inquisition.

War der Rücktritt 2013 aber nicht doch eine historische Zäsur?
Es kommt darauf an, was Benedikt damit im Sinn hatte. Wenn es nur ein Akt der Resignation angesichts von Altersschwäche und Ohnmacht im Amt war, dann wäre dies ein in der Tradition vorgeprägter Weg, den schon Papst Coelestin V. 1294 beschritten hatte. Benedikt XVI. hat sich auffallend auf ihn bezogen. Coelestin begründete seinen Rücktritt, dass ihm seine persönliche, moralische Integrität wichtiger sei als die geistliche Macht im Spannungsfeld von dynastischen, politischen, wirtschaftlichen Interessen und Intrigen. Wenn Benedikt das auch so aufgefasst hat, ist es eine bemerkenswerte Absage an die Gegenwart. Sollte er überdies die Absicht gehabt haben, dem Papstamt eine neue Deutung als „Mandat auf Zeit“ zu geben, wäre das eine Revolution von oben – ein Schlag gegen die Institution des Papsttums.

Warum gehen Sie so weit?
Sich über die Menschheit zu erheben, war schon seit einem ersten Kulminationspunkt im 5. Jahrhundert das Selbstverständnis der Päpste – als Weltsachwalter, als moralische Korrekturinstanz aller weltlichen Gewalten, als uneingeschränkte Herrscher der Kirche und eben als „Stellvertreter Christi auf Erden“. Das ist ja ein atemberaubend abgehobener Titel, dessen Ansprüche – abgesehen vielleicht vom schwindelerregenden Machthöhepunkt des Papsttums unter Innozenz III. um 1200 – allerdings nie vollständig eingelöst wurden. Eine befristete Ausübung des Amtes wäre nun ein Zugeständnis an die Biologie, ein Stück Humanisierung, die das Papstamt aus der Mittlerstellung zwischen Gott und den Menschen herunterholen würde in die natürliche Sphäre.

Aber ist das gewollt?
Ich glaube nicht. Gerade an Benedikt XVI. zeigt sich, dass das Papsttum in den vergangenen 1500 Jahren keinen einzigen seiner Machtansprüche aufgegeben hat. Zwar hat er die Tiara, die dreifache Papstkrone, nicht wieder herausgeholt und sie sogar aus seinem Wappen entfernen lassen. Aber die durch sie repräsentierten Titel bestehen fort: „Vater der Fürsten und Könige bist du, der Lenker der Welt und der Statthalter Jesu Christi auf Erden“, hieß die traditionelle Krönungsformel seit dem späten 16. Jahrhundert. Inzwischen hat das Papsttum dieses Amtsverständnis, den Zeitverhältnissen gemäß, vielleicht etwas entschärft, in seiner Schroffheit zurückgenommen und geschmeidiger formuliert. Aber die alte Wucht ist geblieben: Der Papst ist derjenige, der die Christenheit treuhänderisch bis ans Ende der Zeiten führt und zugleich als oberste Deutungs-, Mahn- und Lenkungsinstanz auftritt. Wenn der Papst den weltlichen Herrschern ins Gewissen redet, ist das keine bloße Moralpredigt, sondern er nimmt mit seiner Deutungshoheit über die Geschichte ein von Christus verliehenes, Zeit und Raum überdauerndes Mandat wahr.

Und damit wäre es spätestens vorbei, wenn nun auch noch Papst Franziskus zurückträte?
Zunächst einmal würden die beiden Altpäpste ja eine Art Ältestenrat katholischer „Überpäpste“ für den amtierenden Papst bilden, einen Aufsichtsrat zu zweit sozusagen. Das wäre eine bizarre Situation. Langfristig wären zwei Rücktritte hintereinander tatsächlich gleichbedeutend mit der Umdeutung des Papsttums zu einem geerdeteren, „demokratischeren“ Amt. Die Kirche insgesamt wäre auf dem Weg zu einer konstitutionell verfassten Institution. Aber so weit wird es nicht kommen.

Warum nicht?
Weil das die Existenzform der Kirche in ihrer Wurzel träfe. Eine echte Demokratisierung wäre ein zu radikaler Bruch, mit dem auch das Papsttum seine über Jahrhunderte gewachsene Identität verlieren würde und sich nach etwas gänzlich Neuem umsehen müsste, was mit den traditionellen Herleitungen geistlicher Herrschaft unvereinbar wäre.

Welche Rolle spielte eigentlich die deutsche Herkunft des Papstes? „Wir sind Papst“, schrieb die Boulevardzeitung „Bild“ am Tag nach seiner Wahl.
Er selbst hat bewusst nicht auf die Nationalität abgehoben. Er hat zum Beispiel darauf verzichtet, die Traditionslinie zu den „deutschen“ Päpsten des Mittelalters zu ziehen. Seine Herkunft war weltweit auch eher negativ konnotiert. In Italien etwa nannte man ihn mit einem grimmigen Wortspiel den „Pastore tedesco“, was einerseits „deutscher Hirte“, aber andererseits auch „Deutscher Schäferhund“ bedeuten kann. Sicher kein freundlicher Akt.

Benedikts Umgebung forciert in der Rückschau die Deutung des Papstes als einer aufrechten, menschlich und intellektuell integren Gestalt, die den weltlichen Umtrieben in der Kirchenzentrale nicht gewachsen war und am Apparat gescheitert ist.

Auch das ist als Rollenmodell vorgezeichnet und dutzendfach vorexerziert. Es gibt dafür regelrechte Drehbücher. Papst Benedikt XIII. (1724–1730) etwa überließ die Regierungsgeschäfte bewusst einem Günstling, weil er sich so von den korrupten Machenschaften der Kurie umso strahlender als spirituelle Lichtgestalt abheben konnte. Vergessen wir nicht: Jahrhundertelang war es die Hauptaufgabe eines Papstes, Reichtum und Macht der eigenen Familie zu mehren. Weil das aber insbesondere außerhalb Italiens nicht sonderlich gut ankam, taten die Päpste gut daran, äußerlich immer ein Stück weit auf Distanz zu den unschönen Seiten des Geld- und Machtsammelns zu gehen. Ein Papst hat viele Seelen in seiner Brust: Er ist Teil einer komplexen Inszenierung und muss deshalb ein gutes Gespür für das Bild haben, das er von sich und seinem Amt vermittelt – vom gütigen Vater oder Großvater über den strengen Wächter über Lehre und Moral bis hin zum vergeistigten Kultdiener.

Dass Benedikts Nachfolger Franziskus sich für die erste Variante entschieden hat, ist klar. Aber dekonstruiert er mit seiner Art nicht die Institution des Papsttums?
Das Rollenrepertoire aus 2000 Jahren ist so breit, dass ein Papst schwerlich komplett aus dem Rahmen fallen kann. Anders gesagt: Auch der Habitus eines „Papstes zum Anfassen“ ist vorgeprägt. Franziskus erinnert zum Beispiel sehr stark an Papst Benedikt XIV. aus dem 18. Jahrhundert. Der war im Auftreten ähnlich leutselig, ein Papst, der über sich lachen konnte und sich kritischen Fragen stellte, nicht diese Art Weltorakel in Sachen Werte und Kultur, als das sich im 20. Jahrhundert zuletzt Papst Pius XII. (1939–1958) inszeniert hat. Auch Benedikt XIV. (1740–1758) nahm das steife Papstzeremoniell zurück, er ging zu Fuß, war für die Leute ansprechbar und ein Fürsorger der Armen. Seine Amtsführung war durchaus kompatibel mit heutigen Vorstellungen von „Good Governance“ – ohne Korruption und Vetternwirtschaft. In seiner Zeit suchte Benedikt XIV. nach einem Modus Vivendi zwischen katholischer Kirche und Aufklärung. Er opferte die schroffe Absage an Fortschrittsoptimismus und positives Menschenbild der Aufklärung dem vorsichtigen Brückenschlag zu einem Zeitgeist, der die unentrinnbare Verstrickung des Menschen in seine Sündhaftigkeit bestritt und den Menschen stattdessen für fähig hielt, aus eigener Kraft, auf der Grundlage von Erfahrung und Vernunft humanere Verhältnisse zu schaffen und sich selbst zu vervollkommnen. Schon dieses sehr partielle Entgegenkommen aber widersprach in den Augen kurialer Hardliner dem Deutungs- und Korrekturanspruch der Kirche, ähnlich wie das heute bei Franziskus mit seiner auf das Individuum zielenden Barmherzigkeitspredigt der Fall ist.

Sie klingen ja richtig begeistert von diesem früheren Benedikt…
Wenn der Historiker sich solche emotionalen Anwandlungen überhaupt zugestehen will, würde ich tatsächlich von einer sympathischen Interpretation des Papstamtes sprechen.

Wer ist denn umgekehrt Ihre persönliche Horrorgestalt in der Liste der Päpste?
Ich würde zwei nennen. Da ist zum ersten Alexander VI. (1492–1503), der verbrecherischste aller Päpste, der den Terror zum Markenzeichen seiner Herrschaft erhob und damit auch massiv gegen die geltenden Normen seiner Zeit verstieß. Schlimmer war aus meiner Sicht nur noch Gregor VII. (1073–1085), der auf eine unheimliche und – ich möchte sagen – fast pathologische Weise seinen persönlichen Machtanspruch steigerte und Rechtgläubigkeit, Kirchenzugehörigkeit und Seelenheil mit dem uneingeschränkten, bedingungslosen Glauben an die persönliche Mission und Machtvollkommenheit des Papstes gleichsetzte. Auch das war schon für seine Zeitgenossen erschreckend und nicht mehr nachvollziehbar. Nicht umsonst wurde Gregor VII. bereits zu Lebzeiten als „heiliger Satan“ bezeichnet.

Wie halten Sie nach 40 Jahren Studium des Papsttums den Gegensatz zwischen frommer Rhetorik und weltlichem Gebaren aus?
Des Gegensatzes zwischen Anspruch und Wirklichkeit war man sich schon im 13./14. Jahrhundert bewusst. Es gibt eine Novelle von Boccaccio (1313–1375) über den Versuch eines Christen, seinen jüdischen Freund zu bekehren. Dieser sagt: „In Ordnung, ich gehe nach Rom, ins Zentrum der Christenheit und schaue mir die Sache dort einmal an.“ – „Um Gottes willen, nein!“, entfährt es dem Christen, „dann ist alles verloren“ – offenbar eingedenk der ungeistlichen Entfaltung weltlicher Macht am päpstlichen Hof. Der moralisch vorbildliche Jude reist trotzdem hin, und es geschieht das Gegenteil von dem, was sein christlicher Freund befürchtet hat: Er bekehrt sich tatsächlich zum Christentum – mit dem Argument, es müsse doch etwas dran sein an diesem Glauben, wenn er sich trotz aller Missstände und unchristlichen Machenschaften durchsetze. Dieses Paradox ging fortan als Wandergeschichte durch die europäische Tradition.

Was heißt das nun für Ihre Arbeit als Papsthistoriker?
Als Historiker betrachte ich das Papsttum als eine Institution, die auf Machtgewinn ausgerichtet ist – auf der Grundlage eines Glaubens, den ich keinem der Amtsinhaber absprechen möchte. Selbst ein Mörder-Papst wie Alexander VI. war bestimmt kein glaubensloser Zyniker, kein bloßer Religionsschauspieler. Wohl aber hat er den Glauben konsequent für seine Zwecke instrumentalisiert. Auf ihre Weise haben das alle Päpste getan. Deshalb ist persönliche Spiritualität auch keine Kategorie für den Historiker. Er sieht, wie Menschen gehandelt haben, was sie gesagt und geschrieben haben. Aber was in ihrem Inneren vorging, ist und bleibt uns unzugänglich.

Der Papsthistoriker muss also nicht notwendig zum Zyniker werden?
Die Gefahr besteht eher darin, dass die eigene Weltanschauung oder Glaubensüberzeugung den unvoreingenommenen Blick auf die Geschichte beeinflusst oder trübt. Die entgegengesetzte Gefahr sehe ich darin, den Glauben als geschichtsbildenden Faktor auszuschließen. Entweder wir klopfen der Geschichte auf die Schulter, oder wir verpassen ihr Fußtritte. Beides hat die Geschichte des Papsttums nicht verdient, und beides bekommt ihr nicht. Wir können die Vergangenheit der Kirche nicht pauschal anklagen. Sonst begeben wir uns auf Stammtischniveau. Ob man an die Gültigkeit der kirchlichen Doktrin und der Theologie des Papsttums glaubt oder nicht, ist dann noch mal eine ganz andere Frage. Mit dem Wissen um die Papstgeschichte kann man zum Glauben „Nein, weil …“ oder „Ja, trotzdem …“ sagen. Beides ist möglich.

Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. hat im Jahr 2000 – gegen den Widerstand seines theologischen Chefberaters Ratzinger – ein Schuldbekenntnis für die Sünden der Kirche in ihrer Geschichte abgelegt, eine Art Selbstanklage mithin. War das ein Fehler?
Dieses Schuldbekenntnis zeugt von einer lobenswerten Gesinnung, es läuft aber historisch ins Leere und ist in der Sache eigentlich irrelevant. Die Verurteilung Galileo Galileis (1564–1642) etwa muss vor dem Hintergrund eines Weltbildes verstanden werden, das längst nicht mehr existiert. Zur Zeit Galileis glaubten 99,9 Prozent der Menschen, dass die Sonne sich um die Erde dreht; dass es vielleicht sieben Himmelssphären gibt, der Kosmos damit aber abgeschlossen ist; und dass die Naturwissenschaft die Welt nicht erklären kann, sondern dass immer dahinter ein schöpferisches Geheimnis Gottes steht. Salopp gesagt, die Menschen damals tickten einfach anders. Deshalb hatte die Verurteilung Galileis für die meisten Menschen in seiner Zeit Sinn. Die Rücknahme Jahrhunderte später nimmt der Historiker zur Kenntnis – als eine sympathische Seltsamkeit.

Interview: Joachim Frank

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