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Eine Babyflasche mit Ohren

  • vonHilal Sezgin
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Über Haustierhaltung bei den alten Ägyptern und tierische Grabbeigaben schreibt Hilal Sezgin in ihrer monatlichen Kolumne „Unter Tieren“.

Ob mir das nicht allmählich langweilig würde, fragte eine Freundin in guter, geradezu mitleidiger Absicht: immer wieder über Tiere und den menschlichen Umgang mit ihnen zu schreiben? Sie dachte dabei an Kastenstand, Kükenschreddern und politische Possen, die sich ein ums andere Mal wiederholen.

Stimmt schon, vieles aus dem Bereich der Mensch-Tier-Beziehungen ist unerfreulich, eben weil es keine friedlichen Beziehungen sind. Aber langweilig? Niemals! Gerade wenn man die historische Perspektive miteinbezieht, will die Verblüffung gar nicht mehr enden.

Die alten Ägypter zum Beispiel haben bekanntermaßen nicht nur Menschen, sondern auch Tiere zur Mumifiziering präpariert, darunter Katzen, Affen, Schakale, Schlangen und sogar Fische. Es gibt Millionen solcher Funde. Allerdings hatten solche Grabbeigaben unterschiedliche Hintergründe, denn die Achsen der Mensch-Tier-Beziehungen waren damals so vielfältig wie heute. Man hielt Katzen und Hunde als Haustiere, aber auch Affen, Gazellen und Mangusten, und legte sie in mumifizierter Form den Verstorbenen als Gefährten bei; andere Tiere sollten im Jenseits als Nahrung dienen und wieder andere kultischen Zwecken.

Nicht immer wird in archäologischen Berichten erwähnt, ob die Tiere friedlich gestorben waren; die als Opfertier gezüchteten Affen jedenfalls wurden an Pilger verkauft, und man brach ihnen den Nacken. Die Affen wiederum, deren Gräber man in einer antiken ägyptischen Hafenstadt am Roten Meer fand, starben eines ganz anderen Todes. Sie waren auch nicht mumifiziert, sondern sorgsam wie Babys drapiert und stammen aus der Zeit der römischen Besetzung Ägyptens. Es handelt sich, wie eine polnische Forschergruppe herausgefunden hat, um aus Indien stammende Makaken und Hutaffen, die wie Gewürze und Stoffe viele Wochen übers Meer transportiert worden waren, um als Haustiere zu fungieren. Jedoch wusste man sie nicht richtig zu ernähren, und sie starben jung und wurden entsprechend beerdigt.

Solcher Haustierhaltung im Sinne eines zwar irgendwie familiären, aber doch stark asymmetrischen, unfreiwilligen Zusammenlebens ist in der Archäologie nicht immer so viel Beachtung geschenkt worden, vielleicht auch weil die Interpretation der Funde aus schriftlosen Zeiten natürlich schwer ist. Im Zweifelsfalle wurden viele Tierfiguren und -abbildungen vage einer „rituellen“ Verwendung zugeordnet, und so steht es auch heute noch auf vielen Museumsschildern.

Welcher Ritus das genau gewesen sein mochte, wusste man freilich nicht, aber das war sozusagen die Schublade für alles Ungeklärte. Heute nimmt man immer öfter auch den alltäglichen Bezug in den Blick, zum Beispiel, wenn Tierfiguren aus Lehm gefunden werden: Die müssen keinem Ritus gedient haben, sondern vielleicht wollten die Kinder (oder die Erwachsenen?) einfach mit ihnen spielen. Auch etliche Baby- „Flaschen“ aus prähistorischer Zeit, die unter anderem in Bayern gefunden wurden, tragen auf ihren kugelförmigen Bäuchen Hörner und lange Ohren. Man fand die Reste von der Milch anderer Säugetiere in ihnen, und sie sind ein wichtiges Zeugnis sich verändernder Praktiken der Ernährung der Babys und ihrer Entwöhnung. Aber man wird den Kindern kaum aus „rituellen“ Gründen einen kleinen Tonkrug mit Kuhanmutung in die Händchen gedrückt haben, sondern wohl eher wegen der Assoziation von Nahrhaftigkeit – oder ganz einfach, weil den Menschenkindern Kühe gefielen.

So vieles jedenfalls, das Menschen im Laufe ihrer langen Geschichte mit anderen Tieren angestellt haben, wirkt auf uns Heutige verschroben, war für die Damaligen aber anscheinend normal. Und das wiederum sagt viel darüber aus, was uns „normal“ vorkommen mag, obwohl es widersprüchlich oder gar furchtbar ist. In einer Facebook-Gruppe zur Archäologie hat kürzlich jemand eine kalifornische Patentanmeldung aus dem Jahr 1907 gepostet zu einem Metallkorb, den man Pferden um den Penis schnallen konnte, um die „animalische Onanie“ zu unterbinden, die „extrem schädlich“ für das Wohlergehen der Tiere sei.

Wenn solche Zufallsfunde in kulturhistorischen Darstellungen zur (menschlichen) Sexualität auftauchen, fungieren Tiere dabei als Beispiele, als Metaphern, als Leinwand für menschliche Projektionen. Doch eine umfassende Globalgeschichte der Tiere, aus ihrer „Sicht“ sozusagen, wie sie mit den Menschen lebten (und unter ihnen litten), ist leider noch nicht geschrieben.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

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