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Modulbauweise wie schon vor 50 Jahren.

Architektur

Ein Hoch auf ein ruppiges Retro

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Der Wohnturm „Norra Tornen“ in Stockholm ist zum Sieger des Internationales Hochhauspreises 2020 gekürt worden.

Fertiggestellte Bauwerke „Projekte“ zu nennen, ist sicherlich eigenwillig. Projektentwicklersprache? Jedenfalls blieb es nicht bei dem Vorhaben oder dem Plan, wenn zuletzt, wie es hieß, „fünf Projekte aus Europa und Asien im Rennen um das weltbeste Hochhaus“ waren, um als Finalisten um den Internationalen Hochhaus Preis zu konkurrieren. Fünf prägnante Turmbauten, ein jeder mindestens 100 Meter hoch, in den vergangenen zwei Jahren vollendet, so die Kriterien, jetzt noch einmal betont, bevor aus einem goldenen Umschlag die Karte mit dem Namen des Siegers hervorgezogen wurde, der „Norra Tornen“ also, zwei sich in Stockholm gegenüberstehende Wohntürme. Doppeltürme als Ausdruck einer so zeitgemäßen wie zukunftsfähigen Gesellschaft, wie es hieß.

Zum digitalen Festakt im bis auf vier Sessel leeren Rund der Frankfurter Paulskirche wurde das Streaming-Publikum von der Moderatorin Carolin Matzko eingestimmt, die Sicherheitsgurte festzurren. Versunken in tiefen Sesseln saßen Ina Hartwig als Kulturdezernentin der Stadt, Matthias Danne für den Vorstand der Deka Bank und der Direktor des Deutschen Architekturmuseums, Peter Cachola Schmal, um sich als Auslobende einig zu sein, dass das Hochhaus die Sprache der urbanen Zukunft spreche. In Frankfurt, so Hartwig, komme hinzu, dass die Nähe von alt und modern wie in keiner anderen europäischen Stadt zur „Selbstreflexion“ und „Identität“ beitrage.

Identität repräsentiere auch der „Omniturm“, einer der fünf Finalisten, offenbar Hartwigs Favorit, entwickelt von dem Kopenhagener Büro BIG, der Bjarke Ingels Group, die vor einem Jahr in Frankfurts Bankenviertel das erste „Hybridhochhaus in einem deutschen Stadtzentrum“ fertigstellte, einen Turm mit Gastronomie, Büros, Wohnungen und Geschäften unter einem Dach. Was allerdings noch einmal daran erinnert, wie sehr Hartwig während der letzten Preisverleihung, 2018, beim Paulskirchenpublikum auf verbissenes Schweigen stieß, als sie von Investoren und Investorinnen, von Baudamen und Bauherren sozialpolitisches Engagement und wohnungspolitische Weitsicht forderte.

Ein Triumph des „Omniturms“ mit seinem „Hüftschwung“, herbeigeführt durch versetzte Geschosse, dürfte aussichtslos gewesen sein, war es doch das Büro, dessen „Via 57 West“ in New York erst 2016 zum „weltbesten Hochhaus“ erklärt wurde, was ein unbedingt stolzer Titel ist, aber auch ein heikler. Unter den Finalisten ebenfalls Skidmore, Owings & Merrill – soll man sagen: Altmeister? In London entstand ein 143 Meter hohes Bauwerk für eine „vertical community“, wie es im Einspieler hieß. Im Stadtkörper von Stratford, Greater London, ein echter Kawenzmann, darin eine Mischnutzung aus Wohnen, Gastronomie und Hotel. Mit dem „Eden“ in Singapur wurde ein reiner Wohnturm für das Finale nominiert, ein Wolkenkratzer aus dem Londoner Heatherwick Studio, 105 Meter hoch, „Paradies“ für insgesamt 20 Wohnungen, denn die Raumhöhe beträgt drei Meter, die jeweils 282 Quadratmeter Wohnraum nehmen jeweils eine Etage ein. Es ließe sich angesichts der Balkone und der muschelförmigen Pflanzkübel auch über das Thema organische Architektur grübeln.

Zwei Türme, ein neues Stadttor in Stockholm.

Wie seit mittlerweile 2004, als der Preis erstmals vergeben wurde, erwartet das siegreiche Büro eine kleine Statuette Thomas Demands sowie ein Preisgeld von 50 000 Euro. Die auf dem Papier und im Einspieler wohl eindrucksvollste Hochhausskulptur stammt aus dem Büro der 2016 verstorbenen Zaha Hadid. Eine gläserne und gekurvte Fassade gibt den Blick frei auf eine gewaltige Stahl- und Betonstruktur. Das Tragwerk machte ein 194 Meter hohes Atrium möglich, das höchste der Welt, das um 45 Grad verdreht wurde, Glas, Stahl und Beton wie verwirbelt. Das Leeza SOHO in Peking ist Skulptur und parametrischer Coup (undenkbar ohne das Knowhow des Frankfurter Ingenieursbüros Bollinger und Grohmann).

Gemessen an diesem Kunstgriff erscheint der gekürte Sieger aus dem hochdekorierten Rotterdamer Büro OMA spröde. Als wollte er einen Witz machen, sprach der federführende Architekt, Reinier de Graaf, von einem „Plattenbau“, woran tatsächlich die geriffelten Betonfertigteile für ein Bauwerk erinnern, dessen zwei Türme eine städtebauliche Torsituation bilden, offenbar nach Stockholmer Vorbild. Was während der Feierstunde als eminent zukunftsweisend bezeichnet wurde, zeigt sich im ruppigen Retro.

Mag sein, dass die verschachtelten Kuben an die Containerarchitekturen im Japan der 1960er Jahre erinnern. Mag sein, dass der modulare, kastenartige Betonbrutalismus an Moshe Safdies „Habitat 67“ in Montreal denken lässt. Mag auch sein, dass die getreppten Türme an lustige Legotürme erinnern und die sich gegenüberstehenden Hochhäuser ein urbanes Erscheinungsbild abgeben, das soziale Gleichberechtigung versinnbildlichen soll. Allerdings nicht nur die exorbitanten Quadratmeterpreise für die Appartements mit den großzügigen Fensterfronten belegen, dass man sich in einem Hochhaus nicht auf Augenhöhe mit der sozialen Realität sonst so bewegt, und dass der Titel „weltbestes Hochhaus“ ein Etikett auf wackeligem Fundament ist.

Atemberaubend war das Wort, das nicht nur einmal fiel, im Zusammenhang mit den Ausblicken aus einem Hochhaus gleich mehrfach – was so ganz ungewöhnlich vielleicht nicht ist. Davon darf man ausgehen, das ist bei Wolkenkratzern wahrscheinlich so selbstverständlich wie noch längst nicht deren Nachhaltigkeit. Umso energischer hat die Jury bei ihrer Kür auf dieses Kriterium Wert gelegt. Überhaupt darf man im Wolkenkratzer das unvollendete Projekt der Nachhaltigkeit sehen.

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