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Am Anfang war noch alles gut: Eva, Gott und Adam - eine heilige Familie.
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Am Anfang war noch alles gut: Eva, Gott und Adam - eine heilige Familie.

Neuer Robert-Crumb-Comic

Eigentlich lächerlich

  • VonChristian Schlüter
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Zeichner Robert Crumb stellt in Paris seinen neuen Bibel-Comic "Genesis" vor. Ende der 60er Jahren begründete er den Underground-Comic. So erfand Crumb die Charaktere Fritz the Cat und Mr. Natural.

Robert Crumb ist eine scheuer Mensch. Er gibt nur ungern Pressekonferenzen. Interviews so gut wie nie. Dass er sich nun im Centre Pompidou einer - immerhin - kleineren Öffentlichkeit vorstellte, lässt ein dringliches Anliegen vermuten: Crumb hatte einige europäische Journalisten nach Paris geladen, um seinen neuen Comic "Genesis" vorzustellen Da saß er nun auf der schmalen Bühne, zusammengekauert auf einem Stuhl, eine hagere Figur mit großer Brille, braune Sandalen, dunkler, etwas abgetragener Anzug, weißes Hemd, knallbunte Krawatte.

Der Amerikaner ist eine Legende. Ende der 60er Jahren begründeter er, der als Zeichner von Glückwunschkarten begann, den Underground-Comic. So erfand Crumb die Charaktere Fritz the Cat und Mr. Natural, mit ihnen hielten endlich die Themen Gewalt, Sex und Drogen Einzug in die graphische Literatur. Der Underground verstand sich als Gegenbewegung zum Mainstream der längst in braver Langeweile erstarrten Bildergeschichten à la Walt Disney oder Marvel.

Crumb war zwar stets ein Hang zur Drastik eigen, aber staatstragende und stubenreine Superhelden interessierten ihn nie. Seine Helden sind immer schmutzig. Und so machte er mit nicht nur gewaltverherrlichenden, sondern frauenverachtenden oder gotteslästerlichen Zeichnungen von sich reden. Der menschenscheue, heute in Südfrankreich abgeschieden lebende Crumb war und ist als Zeichner ein Wüterich.

Warum beschäftige er sich nun ausgerechnet mit der Bibel, dem 1. Buch Mose, habe er eine Kehrtwende vollzogen, wollte man in Paris von ihm wissen. Keineswegs, so Crumb: "Die Arbeit am ,Genesis-Projekt hat mich weder intellektuell noch spirituell verändert. Für mich ist die Bibel nicht das Wort Gottes oder ein heiliger, sondern eher ein mythischer Text, allerdings einer, der sehr bildmächtig ist. Mich haben vor allem diese Bilder interessiert."

Dabei hält sich Crumb mit eigenmächtigen Bildschöpfungen zurück. Seine "Genesis" wirkt geradezu bieder, sie will auch gar nichts dazu erfinden: "Ich liefere keine LSD-Version der Bibel. Ich wundere mich allerdings, warum so viele Menschen daran glauben, warum der Glaube an Gott immer noch so tief in unserer Kultur verwurzelt ist, obwohl die Bibel eigentlich lächerlich ist, ein bloßer Mythos."

Dass Crumb sich in seinen Zeichnungen nicht karikierend oder ironisch von diesem Mythos distanziert, erklärt er einerseits mit der Wertschätzung biblischer Metaphern. Andererseits möchte er die Bibel auch für sich sprechen lassen, indem er sie nicht nur buchstäblich, sondern mit seinen Mitteln als Comic-Zeichner bildlich nimmt. "Die Bibel exorzieren", nennt Crumb das.

Ob die subversive Strategie aufgeht, weiß der 66-Jährige nicht. Er habe vier Jahre an dem Projekt gearbeitet, nach 30 Seiten sei ihm klar geworden, was er sich zugemutet habe; früher habe er die Geduld nicht gehabt, heute fehle eigentlich die Kraft. Unzählige Bibelübersetzungen, auch feministische, seien in die Arbeit eingeflossen - "irgendwann kam es mir vor, als müsste ich für meine Sünden büßen".

Allerdings liefert das 1. Buch Mose auch gute Unterhaltung, von Romanze (Adam und Eva) bis Splatter (Kain und Abel) ist alles da. Crumb will nicht ausschließen, dass Menschen erst über seinen Comic einen Zugang zur Bibel finden. In der Tat bedient er sich einer Ikonographie, wie wir sie aus den Heften der Zeugen Jehovas kennen. Diese Bildlichkeit mag man lächerlich oder erstaunlich finden, notwendigerweise subversiv ist sie nicht.

Da sehen wir etwa die Schlange, bevor sie von Gott in den Staub verbannt wird, als lüsternes, Eva an den Busen grabschendes Reptil; so kann man sich die Verführung zu Wissen und Macht wohl vorstellen. Aber versteht den Unsinn einer solchen Szene, wer von Aufklärung und Wissenschaft ohnehin nichts wissen will? Und ist uns geholfen, wenn Crumb in bester Tradition von Fritz the Cat sein Sodom und Gomorrha als Ort von "Sex & Crime" vorführt?

Crumbs Projekt einer an den Bildgehalten des Bibeltexts orientierten und dabei kritischen Exegese vermag nicht ganz zu überzeugen. Dabei wäre es allemal lohnend gewesen, den Comic, der sowohl Bild- als auch Schriftmedium ist, als ein Instrument zu verstehen, das aufgrund seiner hybriden Beschaffenheit geradezu prädestiniert ist, den ästhetischen und politischen Ideologien unserer Zeit auf die Schliche zu kommen. Einem anderen Undergroundzeichner, Art Spiegelman, ist das mit der Holocaust-Geschichte "Maus" gelungen.

Doch Crumb geht es vielleicht um etwas anderes. Auffällig an seiner "Genesis" ist, dass ihr das Verstörende fehlt. Vielmehr begegnet uns das Bibelpersonal in Crumb-typischer und also vertrauter Manier. Die Erinnerungen an den frühen Crumb, den unheiligen, ungestümen, schaffen ein subversives Assoziationsfeld ganz eigener, womöglich unfreiwilliger Art: Hey, der hooliganeske Fritz the Cat und seine Kumpel rocken und schocken Bibelland.

Obwohl, Gottvater sieht schon etwas anders aus. Und tatsächlich, gesteht Crumb, sei der ihm vor Jahren im Traum erschienen. Eine Begegnung mit Gott, eine Irritation, die Crumb offenbar im Rückgriff auf sein bewährtes Zeichenrepertoire zu beruhigen sucht. Sein Stil erweist sich als universale Form, die sich alles einverleibt. Gott zeichnen heißt: Seinen Schrecken bannen. Wir dürfen gespannt sein, wenn Crumbs heiliges Opus demnächst beim Hamburger Carlsen Verlag erscheint - als Graphic Novel.

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