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Die Schlechtesten irren sich eher nach oben.
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Die Schlechtesten irren sich eher nach oben.

Debatten im Netz

Der Dunning-Kruger-Effekt - Einfach zu dumm

  • Kathrin Passig
    VonKathrin Passig
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Nur wenige kennen den Dunning-Kruger-Effekt. Warum wird in Debatten im Netz trotzdem so gern auf ihn verwiesen? Die Kolumne „Update“.

Im „Journal of Personality and Social Psychology“ erschien im Jahr 1999 ein Paper der beiden Sozialpsychologen David Dunning und Justin Kruger. Es beschreibt, wie Versuchspersonen, die sich Tests in den Bereichen Humorverständnis, Grammatik und Logik unterzogen, ihre Kompetenzen häufig falsch einschätzten. Die Schlechtesten irrten sich dabei eher nach oben und hielten sich für etwas besser, als sie in Wirklichkeit waren. Die Besten neigten dazu, sich zu unterschätzen. Das ist der Dunning-Kruger-Effekt, er wird täglich in Diskussionen im Netz erwähnt.

Allerdings nicht mit dem eigentlichen Inhalt des Papers, sondern mit einem ganz anderen: Die weniger kompetenten Versuchspersonen, so lautet die populäre Version, seien außerstande gewesen, ihre Inkompetenz überhaupt zu erkennen. Sie hätten sich nicht nur für erfolgreicher gehalten, als sie wirklich waren, sondern auch für erfolgreicher als die besser Abschneidenden. Dabei erkennen sie in der Originalveröffentlichung durchaus, dass sie weniger kompetent sind als der Durchschnitt. Sie schätzen ihre geringere Kompetenz nur nicht präzise ein.

Teil des Dunning-Kruger-Problems ist eine Fehldeutung

Diese häufige Fehldeutung ist ein Teil des Dunning-Kruger-Problems. Der andere besteht darin, dass selbst das zurückhaltende Ergebnis aus der Originalveröffentlichung mittlerweile widerlegt wurde. Das Experiment ist zwar reproduzierbar und der Effekt tritt tatsächlich auf. Er lässt sich allerdings auch hervorrufen, indem man das Experiment weglässt und die Ergebnisgrafik aus Zufallszahlen erzeugt. In Wirklichkeit kann niemand die eigene Kompetenz korrekt einschätzen. Wenn man sich am unteren Ende der Skala befindet, hat man nur mehr Gelegenheit, sich nach oben zu irren, und umgekehrt.

Trotzdem vergeht kaum eine Diskussion, ohne dass irgendjemand der gegnerischen Seite vorwirft, sie sei nicht nur inkompetent, sondern auch aus Dunning-Kruger-Gründen außerstande, das einzusehen. Ich würde gern behaupten, der Vorwurf sei wegen der Diskussionen rund um Corona in jüngster Zeit besonders beliebt.

Dunning-Kruger-Effekt dank Donald Trump in aller Munde

Allerdings machte er schon vor fünf Jahren im Zusammenhang mit Donald Trump die Runde, und vor Trump sah es nicht anders aus: Tal Yarkoni, der heute als Data Scientist für „Twitter“ arbeitet, schrieb 2010 in seinem Blog: „Aus Gründen, die mir nicht ganz klar sind, macht der Dunning-Kruger-Effekt in den letzten Monaten so was wie eine Renaissance durch; er ist überall in der Blogosphäre und in den Medien.“ („Die Blogosphäre“ sagte man damals, um zu vermitteln, dass irgendwas im Internet, dort aber nicht an einem spezifischen Ort passiert. Später nannte man das „in den sozialen Netzwerken“, was demnächst genauso seltsam klingen wird wie „in der Blogosphäre“.)

Der Wirtschaftswissenschaftler Robin Hanson berichtete 2008: „Die Blogosphäre liebt das 99 erschienene Paper ‚Unskilled and Unaware of It‘ von Kruger und Dunning. In der Google-Blogsuche finden sich zehn Erwähnungen in Blogs allein aus dem letzten Monat.“ Die Liebe zum Dunning-Kruger-Vorwurf ist also kein neues Phänomen. Hanson lieferte eine mögliche Erklärung für diese Beliebtheit mit: Es ist bequem, anzunehmen, dass die gegnerische Seite in einer Diskussion nicht nur dumm ist, sondern außerdem auch noch zu dumm, um die eigene Dummheit zu erkennen. Wenn das so ist, hat es gar keinen Sinn, solchen Leuten zuzuhören oder mit ihnen zu diskutieren, man kann sie einfach abschreiben und spart sich so das gesamte Gegenargument.

Dunning-Kruger-Effekt: „Einfach zu dumm“ ist keine Diskussionsgrundlage

Ich habe überhaupt nichts gegen das Einsparen von Gegenargumenten. Die Menge der Meinungen, mit denen ich nicht einverstanden bin (darunter einige von Robin Hanson selbst), ist so groß, dass ich dreihundert Jahre alt werden müsste, um sie zu diskutieren, und in der Zeit wachsen womöglich neue nach.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Aber wenn man eine Debatte weiträumig umfährt, sollte die Begründung lauten:„Ich kann gerade nicht“ oder „Ich will gerade nicht“, vielleicht sogar „Darüber diskutiere ich grundsätzlich nicht“. Nicht aber „Es hat keinen Sinn, ihr seid einfach zu dumm“. Ein zweiter Vorteil neben der Bequemlichkeit ist das unauffällige Prahlen mit der eigenen Klugheit. Wenn man sich nicht selbst auf der kompetenteren, einsichtigeren Seite glaubte, würde man den Effekt ja nicht erwähnen. Außerdem ist der Dunning-Kruger-Effekt noch nicht allen ein Begriff. Das heißt, dass man über zwanzig Jahre nach der Originalveröffentlichung immer noch mit einem Konzept punkten kann, das manchen Mitlesenden neu ist.

Letzteres erklärt auch, warum das Hantieren mit dem Dunning-Kruger-Effekt im Netz besonders beliebt war und ist: Dort braucht man den Begriff nur unkommentiert einzustreuen, sollen die Leute doch selber nachsehen. Auf Papier muss man den Sachverhalt erst mal umständlich erklären. Bei der dafür nötigen Recherche bemerkt man dann vielleicht sogar, dass man gar nicht wusste, wie viel man über den Dunning-Kruger-Effekt nicht wusste. (Katrin Passig)

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