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Souverän bis in den Tod: Jean Améry (1912 bis 1978).

Literatur

Dunkel strahlender Ruhm

Werkausgabe abgeschlossen: Jean Améry war dem Stoff gewachsen.

Von MICHAEL RUTSCHKY

Es leuchtet ein, dass ein dicker Band mit Materialien die Ausgabe von Jean Amérys Werken abschließt. Der dunkel strahlende Ruhm, der den Autor seit den sechziger Jahren, seit den kanonischen Essays über den Intellektuellen in und nach Auschwitz begleitete, dieser Ruhm gehört zum Werk dazu, und die Materialien erzählen ausgiebig davon. Orgeln und Dröhnen erfüllt oft das Feuilleton, und deshalb muss man vorsichtig sein, trotzdem riskiere ich's mal: Die Zukunft wird Jean Améry zu den Gründungsvätern der Bundesrepublik zählen.

Jener Bundesrepublik, die in den sechziger Jahren zu entstehen begann und von der todtraurigen, manisch fleißigen, hitzig um Vergessen und Normalisierung bemühten der Restaurationsperiode sich abhob. Dass Deutschland bald in den Grenzen von 1937 wiedervereinigt werde, war 1966 gut erkennbar als Lebenslüge dieser Restaurationsperiode; dass eine die DDR enthaltende Bundesrepublik in ihrer Hauptstadt ein monumentales Denkmal zur Erinnerung an die ermordeten Juden errichten würde - die konservative Fraktion hätte eine solche Idee für Vaterlandsverrat gehalten, wenigstens für Nestbeschmutzung.

Wozu Jean Améry mit jenen berühmten Essays - die ein solcher Erfolg wurden - unübersehbar beitrug, das war die bis dahin undenkbare Kanonisierung von Auschwitz. Bis dahin hatte man gedacht, eine solche Schandtat rede man am besten kleiner, wenn sie vor dem Nationalgefühl schon nicht zu verbergen ist. Während die kritischen Fraktionen eine Art schwarzen Nationalismus praktizierten, Fundamentalopposition, nie wieder Deutschland - und sich mit Jean Améry solidarisch fühlen konnten, nach den Gedanken und Empfindungen, die er in seinem grandiosen Essay über Ressentiments darlegte. Jeder anständige Deutsche, dachten wir, müsse solche Ressentiments gegen die Deutschen hegen, ein Paradox, das gerade Jean Améry fruchtbar zu machen begann. Man liest es gern, dass er dann von Bundespräsident Heinemann das Bundesverdienstkreuz dankbar entgegennahm.

Was seinen Essays die Überzeugungskraft verlieh, das war die philosophische Anstrengung, der er das autobiographische Material unterwarf. Die neorealistische Erzählprosa von Koeppen oder Böll oder Frisch mied zu Recht diese Stoffe, weil sie ihnen nicht gewachsen war. Die Reflexionen der Frankfurter Schule wiederum, in deren Mittelpunkt programmatisch Auschwitz stand, lähmte die Geschichtsphilosophie, die immer wieder nur ohnmächtig auf den Schuld- und Verblendungszusammenhang hindeuten konnte.

Jean Améry dagegen erkannte sich, sobald er aus dem KZ befreit war, im Sinne Sartres als das Subjekt, das sich selbst entwirft und erzeugt. Liest man in den Briefen, die der Band 8 der Werkausgabe, versammelt, so berührt tief die Unternehmungslust und die Initiative, mit der er sein frisch eröffnetes Leben angreift; niemals enthalten die Depressionen, die ihn immer wieder quälen, irgendeine geschichtsphilosophische Wahrheit. - Nicht zuletzt erfreuen die zärtlich verschnuddelten Liebesbriefe an Maria Leitner, seine spätere Frau; und der Abschiedsbrief vom 16. Oktober 1978 treibt einem die Tränen in die Augen.

Der Existenzialismus war ein Konstruktivismus. Bis in Details hinein, die auf der Folie dieser Lebensgeschichte eine besondere Leuchtkraft gewinnen. So musste Irene Heidelberger-Leonard ihre Biographie (2005) mit den Unklarheiten beginnen, die über dem Namen herrschen. Hans Maier oder Hanns Mayer? Oder gar Hanns Mayr - womöglich Johann Mayer? Sie entscheidet sich dann für Hans Mayer, bevor er Jean Améry wird, aber dieser selbst entschied sich in den tränentreibenden Briefen vom 16. Oktober 1978 (an die Hoteldirektion, an die Polizeibehörde) für Hans Maier.

Zeitweilig legte er sich am Anfang im Briefkopf einen Doktortitel zu, Dr. Hanns Mayer, und wollte in Wien Professor gewesen sein. Tatsächlich war er, der zum rundum anerkannten Feuilletonisten in philosophischen Angelegenheiten aufstieg, ohne Abitur, Buchhändlerlehrling, ein Zögling des legendären roten Wien und seiner Volksbildungseinrichtungen. Ein Foto von 1939 zeigt ihn in Antwerpen im Exil - elegant wie ein Dandy gekleidet. Tatsächlich träumt sein jüdischer Romanheld Eugen Althager 1934/35 vom Exil als der großen weiten Welt, während er in Wiener Kaffeehäusern und philosophischen Grübeleien und den Armen diverser süßer Mädel versumpft. Es ist so etwas wie Dandytum, Ästhetizismus, der Sinn für Eleganz und Rhetorik, der Jean Amérys Schriften die letzte Schwungkraft verleiht - ich könnte jetzt einen kleinen Exkurs anhängen, der mit Adorno bewiese, wie Eitelkeit mehr zum Überleben eines KZ-Opfers beiträgt als politisch gute Gesinnung. Eitelkeit ja - aber kein Selbstmitleid.

Der Existenzialismus war ein Konstruktivismus. Nachdem er als Essayist so großartig reüssiert hatte mit Büchern, im Radio, in Zeitungen und Zeitschriften, bei Vorträgen und Podiumsdiskussionen, riskierte Jean Améry noch einmal eine Neukonstruktion seiner selbst. Er wollte doch als der Romancier herauskommen, den Hans Maier oder Hanns Mayer entworfen hatte, als er 1934/35 "Die Schiffbrüchigen" schrieb.

"Lefeu oder Der Abbruch" habe ich erst jetzt zum ersten Mal gelesen. Ein Künstlerroman, der das Scheitern und den Verfall rühmt angesichts des Oberflächenkults, dem sich der Spätspätkapitalismus allüberall mit solchem Libidoaufwand widmet, dem "Glanz-Verfall", wie Amérys Formel lautet. Diese ideologiekritische Fabula lebt fort, Stichwort Konsumismus, aber was wirklich imponiert, das sind die Risiken, die Jean Améry in puncto Schreibweise einging.

"Lefeu" - ausgewiesen als "Roman-Essay" - kommt daher als ein wüster Redeschwall, in dem sich verschiedene Stimmen mischen. Den Maler Lefeu, der seinen Welthass als negative Ästhetik extemporiert, unterbrechen immer wieder ganz andere rhetorische Register, widersprechen und kühlen ab, höhnen und übertrumpfen - oder war das wiederum der Maler selber?

Zwar zählt Marcel Reich-Ranicki inzwischen selber zu den Gründungsvätern der Bundesrepublik, fasst man ihre Intelligentsia ins Auge, doch wollen wir ihm darüber nicht alle literarkritischen Missetaten vergessen. Er machte nun mal mit Schmackes die Tür an der Literaturdisko und ließ natürlich Jean Améry nicht rein. Denn der Essayist ist nun mal kein Erzähler und wird nie einer werden, höhöhö. Jeder ungeschriebene Satz von Wolfgang Koeppen hingegen…

Der Verriss fehlt in Band 9. Liest man die wohlwollenden Rezensionen, die er versammelt, dann missfällt an der ganzen Geschichte, mit welchem Druck hier die "charismatische Ideologie", wie Pierre Bourdieu diese Strategie kultureller Selbstverhimmelung genannt hat, sich durchsetzte. Selbstverständlich musste Jean Améry nicht beweisen, dass er nach langen Leiden und vielen Umwegen letzten Endes doch ein "geborener Erzähler" war. Selbstverständlich ist "Lefeu" Erzählprosa; das Erzählen ist eine Schreibstrategie, keine Emanation jener magischen Kraft aus dem Persönlichkeitsinnern, die uns Wolfgang Koeppen schon so lange vorenthielt, als wollte er uns bestrafen oder wie…

Den Briefen zufolge hat es Jean Améry furchtbar gekränkt, dass "Lefeu" ihm nicht die Anerkennung als Romancier eintrug, als den Hans Maier oder Hanns Mayer sich 1934/35 entwarf. Aber der Existenzialismus als Konstruktivismus ließ ihn noch ein zweites solches Buch schreiben, "Charles Bovary, Landarzt" und sogar ein drittes in dieser Schreibweise war konzipiert (und ans Radio verkauft), als er sich in Salzburg das Leben nahm. Von Anfang an setzte er auf diese sich immer wieder neu riskierende Selbstkonstruktion. Wer sollte ihn da aufhalten?

Herzbeschwerden, die Zerstörung durch das Altern, eine unlösbar komplizierte Liebesgeschichte, die man aus den Briefen errät; Irene Heidelberger-Leonard führt sie nicht aus. Was man keineswegs denken soll: dass es letzten Endes doch Auschwitz, doch Hitler war, was ihn umbrachte. Was er so zwingend und so elegant über den Freitod schrieb - was seinen dunkel strahlenden Ruhm noch einmal steigerte - gilt: Sein Freitod war ein Akt der Souveränität. Wer ihn bloß als eine über 33 Jahre verzögerte Reaktion versteht, beleidigt sein Andenken.

Jean Améry: Werke. Band 9: Materialien. Hrsg. von Irene Heidelberger-Leonard. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, 900 S., 40 Euro.

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