Literaturhaus Frankfurt

Aus dem Dunkel

Natascha Wodin liest aus dem Buch über ihren Vater und erzählt von einer höllischen Kindheit.

Hauke Hückstädt, der Leiter des Frankfurter Literaturhauses, kennt Natascha Wodin schon aus einem anderen Zusammenhang. Als er am Abiturnachholen war, gab der Deutschlehrer der Klasse Gelegenheit, sich eine Lektüre auszusuchen. Hückstädt warb für Wodins Debüt „Die gläserne Stadt“ (1983), das sich am Ende nur Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ geschlagen geben musste.

Die Anekdote erinnert an den immensen Schwung, mit dem Natascha Wodins Karriere begann, ein Schwung, der vor zwei Jahren wieder Fahrt aufnahm mit „Sie kam aus Mariupol“ (ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2017). Dem Buch über ihre Mutter folgte 2018 das Buch über ihren Vater, „Irgendwo in diesem Dunkel“, über das Wodin jetzt im Literaturhaus sprach. Ihr Schicksal, wiederum durch das Zwangsarbeiter-Schicksal der aus der Ukraine stammenden Eltern geprägt, sei nicht schlimmer als das anderer Zwangsarbeiterkinder, betonte sie. Dass sie überlebte, verdankt sie aller Wahrscheinlichkeit nach ihrem Geburtsdatum nach Kriegsende, im Dezember 1945. Lesend und erzählend gab sie Einblicke in ein Grauen, das zum frühen Suizid der Mutter und zur Gewalttätigkeit des Vaters führte, die dem Kind das Leben zu einer noch größeren Hölle machte. Denn in Nachkriegs-Forchheim waren sie und die anderen „Displaced Persons“ unerwünscht. Nein, verhasst. Fast täglich sei sie als „Russenkind“ „gejagt“ worden, „sie warfen Steine nach mir“.

Dass daraus ein vernünftiger Mensch werden konnte, dass sie schreibend das vielfache Schweigen beendete und in Frankfurt erzählte, wie „ich manchmal einen Tag lang an einem Satz herumknubbele“: eindrucksvoll. Ob sie gläubig sei, fragte Moderatorin Rose-Maria Gropp. „Heute ja, morgen nein“, sagte Wodin. Sie wäre es gerne, sagte sie, Glaube sei ein Wert an sich und hänge mit der Fähigkeit zusammen zu vertrauen.

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