Literatur

Die Droge heißt Albertine

Rick Moody, Meister der untertourigen Farce, legt drei vorzügliche Novellen über das absolute Vergessen vor. Von Ulrich Sonnenschein

Von ULRICH SONNENSCHEIN

Sein zweiter Roman "Der Eissturm" machte ihn berühmt. Vor allem deshalb, weil Ang Lee das 70er-Jahre-Endzeitdrama der Vorstadt mit magischen Bildern auflud und zu einem atemberaubenden Film machte. Seitdem gilt Rick Moody als Meister der untertourigen Farce, die langsam, aber beständig ihren tragischen Kern offenbart. Die fortschreitende urbane Einsamkeit wird beim New Yorker Rick Moody ihrer bunten Ummantelung beraubt und in kleinen unscheinbaren Momenten offengelegt. Dabei ist sein Ton bei aller intendierten Nüchternheit immer wieder humorvoll und nie trist oder larmoyant. Vor allem aber ist Rick Moodys Sinn für Realität stets literarisch unterfüttert.

Sein neues Buch "Paranoia" wirkt auf den ersten Blick wie ein Brückenwerk zwischen zwei Romanen. Rasch vom Verlag zusammengestellt, unter einen immer passenden Titel gepresst, gut für ein paar Dollar zwischendurch, damit der Autor präsent bleibt. Nach der Lektüre jedoch sieht man das ganz anders. Die drei Novellen, "Omega Force", "K & K" und "Die Albertine-Notizen" sind profunde literarisch-philosophische Studien über das, was wir so leichtfertig Verfolgungswahn nennen.

Auf einer kleinen Insel vor der amerikanischen Ostküste lebt ein Dr. van Deusen permanent in seinem Ferienhaus. Vermutlich hat seine Frau ihn dorthin geschafft, damit er bei zunehmendem Alkoholgenuss weniger anstellen kann. Zwischen fremden Veranden, auf denen er sich nicht nur schlaftrunken wiederfindet, und dem Club auf der von Touristen verlassenen Insel, mischt er sich aus rätselhaften Halbsätzen, unverständlichen Informationen und kleinen Geschichten eine Verschwörungstheorie zusammen, die in ihrer Wirkung absurd, in ihren Teilen aber höchst plausibel klingt. Und wenn dieser wachträumende Dr. dann plötzlich einen Stocktanz aufführt, bricht aus dem ganzen Gedanken-Gespinst für einen kurzen Moment die Satire hervor, mehr als Déjà-vu und nur, um sofort wieder zu verschwinden, in Sätzen wie "kein Mensch sollte einen Panzer haben, nicht mal zum Scherz".

Unliebsame Nebenwirkung

Gibt es nun eine Invasion oder nicht? Diese Frage bleibt ebenso offen wie die, wer die unverschämten Papiere in die Beschwerdebox des mittleren Versicherungsunternehmens K & K gelegt hat. Denn während die Büroleiterin Elli noch nach dem Urheber sucht, verändert sich die Struktur des ganzen Konzerns, ohne dass sie daran wirklich Anteil nimmt. Dass es eine Art Verschwörung gibt, liegt auf der Hand. Nur Opfer und Täter wandeln sich im Laufe der Novelle ebenso wie in der dritten und letzten, "Albertine-Notizen" genannt.

Albertine ist eine Droge, die Momente der Vergangenheit zurückholt und Erinnerungen so plastisch erscheinen lässt, dass man sie quasi noch einmal erlebt. Das Problem aber ist - jede Droge bringt unliebsame Nebenwirkungen mit sich: Bei starkem Gebrauch lässt das Gedächtnis nach. Zum anderen entwickelt sich die Gemeinde der Süchtigen dahingehend, dass keine Dinge mehr produziert werden, die sich zu erinnern lohnen und so die Droge die spiralförmige Auslöschung des Gedächtnisraumes an sich betreibt.

Sozusagen "das Ende des kollektiven Unbewussten nach C.G. Jung" schreibt Moody: "Einige der wichtigsten Akademiker meiner Zeit lagen auf Feldbetten, sabberten und kämpften sich durch fünfzig Jahre kulturelles Rauschen, um zur Entstehung von Albertine vorzudringen und das Knäuel zu entwirren, in das sie die Welt gewickelt hatte." Eine Droge, die Erinnerungen produziert und Vergessen hinterlässt - das ist das Material seiner Zivilisationskritik.

Rick Moody ist kein Science-Fiction-Autor, und das ist ein Grund dafür, dass er die Zukunft so leichthändig behandeln kann. Die metaphysischen Zweifel, die er in eine Zeit nach dem großen Anschlag verlegt, der große Teile von Manhattan vernichtet hat, stecken in dem immergleichen Netz aus Angst, Sicherheitsbedürfnis, Paranoia, Selbsttäuschung und apokalyptischem Wahn.

Drei Novellen als Studien zum Thema Verfolgungswahn, Geschichten aus dem unentdeckten Amerika des 21. Jahrhunderts. In einer Welt, die mehr Simulation denn Erfahrung ist, in der eine mediale Vernetzung das Picknick auf der Wiese abgelöst hat und die Reproduktion von Vorstellungen die Wirklichkeit überlagert, endet Rick Moodys Suche nach der verlorenen Zeit folgerichtig im ultimativen Vergessen.

Rick Moody:

Paranoia. Novellas. Aus dem Amerikanischen von Ingo

Herzke. Piper Verlag,

München 2008,

245 S., 18 Euro.

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