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Anne Jung beim „Carnegie Solo“.

Tanz

Sich trennen, sich finden

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Ambitionierte, kluge und auch coole Choreografien von Mitgliedern der Dresden Frankfurt Dance Company im Frankfurt LAB.

Des Gendersternchens im Titel hätte es fast nicht bedurft. Nur eine Frau, Anne Jung, war bei den „Jungen Choreograf*innen“ vertreten, einem Abend, bei dem Mitglieder aus Jacopo Godanis Dresden Frankfurt Dance Company wieder einmal selbst choreografieren durften. Als ehemalige Sportgymnastin von olympischen Ehren, die zur tollen Tänzerin wurde, kennt sie sich mit Wandlungen aus, was ihrer Arbeit „#threewithfour“, dem Schlussstein der einstündigen Aufführung, zugutekam. Jung tanzte selbst darin. Den ersten Auftritt im Frankfurt LAB hatte sie indes im sechsminütigen Solo-Auftakt „Carnegie Solo“ des Australiers Sam Young-Wright, der wiederum in Jungs „#threewithfour“ mittanzte: ein weiblich-männliches A und O als Klammer um den anspruchsvollen Abend.

„Carnegie Solo“ spielte ein Keith Jarretts Carnegie-Hall-Konzert von 2005 in New York ein. In ihrer blut- und kardinalsroten Hose zum Netzhemd und Blondschopf übersetzte Jung die elegische Tasten-Impro Jarretts aus dem Off in sichtbare Bilder und Bewegung: vom Lichtblitz zum Tanz in melancholisch-violettem Licht und Nebelschwaden. All das in physisch-psychisch flirrender Bewegungssprache, die keineswegs pathosfrei zu sein begehrte.

An der Lichtkante

Jungs „#threewithfour“ hingegen basierte auf angejazzten Tango-Nuevo-Rhythmen, was auf Pina Bauschs Tanztheater-Liebe zum Gesellschaftstanz als Gefühlsdynamo zwischen den Menschen verwies. Ein wenig wie in Goethes „Wahlverwandtschaften“ mit ihrem Hin und Her der Anhänglichkeiten schwangen zwei Paare über die Pfade des Findens und Trennens: standen an Lichtkanten wie am Abgrund, wurden zu Schattenrissen, trugen nach einer Lichtzäsur per Kostüm etwas Verruchtes, Raues in den Bardunst.

Die bemalten Münder des Tänzerquintetts in Michael Ostenraths „Haus“ und das Paar ungleicher Tänzersocken blieben zwar rätselhaft. Umso klarer passten die kurzen Turnhosen mit Tops für seine drei Tänzerinnen zur Mixtur aus „cool“ und Bombast, die die Musik und den verfremdeten Tanzstil durchdrang.

Ganz anders der Hang zur Wissenschaft, der Vincenzo De Rosas Duo „Ectomorphs“ und David Leonidas Thiels Quintett „Orbit“ beseelte, wobei für „Ectomorphs“ eher von Erfahrungswissenschaft zu sprechen wäre. Typenlehren à la pyknisch, athletisch, leptosom oder ekto-, meso-, endomorph sind ja recht halbgar und fast so veraltet wie thierischer Magnetismus. Aber, nun ja: Tänzer sind langbeinig-schmal-sensible „Ektomorphe“. Wer wollte es ihnen verwehren, das zum Thema machen? Schön, wie sich De Rosa zur geräuschhaften Regen-, Marsch-, Vogel-, Glöckchen- und Trommel-Klangkulisse Dinge erdachte: Kriechtouren in der Diagonale, Kreiseleien, transparente Plastikkostüme über Textilien von ektomorpher El-Greco-Schlankheit. Und endlose Nuancen von Grau.

Leichter hatte es Thiel mit „Orbit“, seiner Meditation über den Kreis, die in den Gradzahlen 360, 180, 90, 45 wiederkehrende Ziffernsumme 9 und generell die Zahl, die in der physischen Welt allüberall auf uns wartet. Die Übersetzung etwa auch in Licht gelang mühelos. Selbst Thiels Kostüme, Strohhüte zu überlangen Ärmeln und Schulterleibchen, erzählten eine Geschichte irgendwo zwischen Vogelscheuche und Kuli-im-Reisfeld. Da staunte man fast philosophisch, wie doch Zahl und Vernunft uns voraus sind wie der Igel dem Hasen. Und hielt „Orbit“ gern für die klügste Arbeit vom Tage.

Dresden Frankfurt Dance Companyim Frankfurt LAB: bis 9. Juni. frankfurt-lab-com

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