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„Drei Schwestern“ in Wiesbaden: Die erschöpfende Version

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Von: Judith von Sternburg

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Lena Hilsdorf, Lina Habicht, Mira Benser in „Drei Schwestern“.
Lena Hilsdorf, Lina Habicht, Mira Benser in „Drei Schwestern“. © Karl und Monika Forster

Da kommen sie nicht mehr raus, wir aber schon nach einem langen Abend: Uwe Eric Laufenberg zeigt Tschechows „Drei Schwestern“ in Wiesbaden.

Das Staatstheater Wiesbaden zeigt Anton Tschechows „Drei Schwestern“ in der langen Version, gut drei Stunden Spieldauer, dazu die Pause. Und was könnte den Unterschied zwischen dort drinnen im Stück und hier draußen im Leben deutlicher machen, als nach 23 Uhr zum Italiener zu rasen und zu hoffen, dass es noch etwas zu essen gibt? Und wie sinnfällig, dass auch das Publikum zusammen mit dem Personal des Dramas eine Weile festsitzt. Und sehr wohl ahnt, dass es nicht klüger oder fitter ist als die sehr menschlichen Menschen im Stück, sondern, was das betrifft, Glück gehabt hat. Was ist ein Theaterabend gegen das Leben?

Auch in „Drei Schwestern“ kommt Hektik auf, als im Städtchen ein Feuer ausgebrochen ist und den Obdachlosen geholfen werden muss. Aber zu sehen ist eine um sich kreiselnde Hektik ohne Vorwärtsbewegung. Außerdem das Echo der Hektik: die mörderische Erschöpfung, die die meisten Figuren allenthalben überkommt. Auch auf der Bühne des Kleinen Hauses eilen sie hin und her und beklagen ihren Erschöpfungszustand, und wie immer wirkt das wenig effizient – und woher genau kommt eigentlich diese Müdigkeit, die die einen erfasst, weil sie arbeiten, die anderen, weil sie nicht arbeiten?

Um es noch deutlicher zu machen, legt sich immer wieder einer der Frauen auf eine Matratze nieder und sinkt in einen abgrundtiefen Sekundenschlaf. Noch eine Überdeutlichkeit in dieser Szene: Auf dem Matratzenlager eher die Verlorenen dieser Welt als Kleinstadtfamilien, im Hintergrund eher Gewehrsalven als das Lodern von Flammen. Das Elend der weiten Welt bricht kurz ein, folgenlos.

Der Gewinn der Inszenierung des gegenwärtig als Regisseur am Ort omnipräsenten (unermüdlichen, um im Bild zu bleiben) Intendanten Uwe Eric Laufenberg liegt auch nicht in einer spannenden Deutung. Vielmehr gibt sie sich, weitgehend entspannt, gelegentlich überspannt, dem merkwürdigen und bei aller Enge der Situation offenen Mäandern des Stückes hin: den Stimmungswechseln und dem Unrunden, dem Umstand, dass die Figuren uneindeutig sind – nicht eindeutig melancholisch, nicht eindeutig klug, vielleicht sogar ein bisschen: beschränkt? Man sieht die traurige Langeweile, die Unzufriedenheit, die Anfälle von Glücklichsein und Verzweiflung. Wie die Figuren selbst es tun, kann man sowohl mit ihnen als auch über sie lachen. Mit finsterer Grundierung. Im 1901 uraufgeführten Stück wissen sie nicht, dass gesellschaftlich etwas gewaltig aus dem Lot geraten wird. Aber die Unruhe ist schon da. Ihre Gedanken schweifen ab, und wo sonst oft schon das Hackebeilchen der Dramaturgie ansetzt, bekommt man in Wiesbaden zum Beispiel die philosophierenden Soldaten in Ausführlichkeit geboten. Es mag mit ihrem Beruf wie mit der Provinz zu tun haben, dass ihnen das Input fehlt.

Im Stück sehnen sich die einen nach einem anderen Ort (nach Moskau, nach Moskau), die anderen nach einer anderen Zeit, für die sich all das Öde und Fade hier irgendwie gelohnt haben wird. Da sie aus dieser Zeit und von diesem Ort nicht wegkommen, herrscht derweil Stillstand. Robert Glittenberg zeigt vorne einen Saal mit Tapete im Birkenrinden-Design: Die Natur ist bereits dekorativ weiterverarbeitet. Hinten der Durchblick zu einem zweiten Raum mit Kronleuchter und Tafel. Marianne Glittenbergs Kostüme historisieren elegant.

Das große, hingebungsvolle Ensemble hangelt sich menschlich und realistisch von Situation zu Situation. Nicht alle Schreianfälle leuchten ein. Lena Hilsdorf als Lehrerin Olga hält sich seelisch kompakt, Mira Benser als unfroh verheiratete Mascha tastet sich ins Elegische vor und Lina Habicht ist eine Irina ohne Arg. Weder Heldinnen noch auch Helden, gewiss nicht Paul Simon als tumber Bruder Andrej (seine höllische Frau: Christina Tzatzaraki), wohl kaum Uwe Kraus, dessen Militärarzt Tschebutykin glaubhaft alles egal ist. Ein Sympathieträger am ehesten noch Christoph Kohlbacher als Tusenbach, als anständiger Mensch apostrophiert (er überlebt den Abend nicht).

Es gibt schöne Momente, wunderbar die ekstatische Tanzszene oder Monika Kroll, wenn sie als Anfissa das Glück eines Zimmers für sich allein preist. Als am Ende wirklich etwas passiert – keiner im Stück erwartet es, jeder außerhalb des Stücks weiß es eh –, ist längst nicht mehr nur das Personal erschöpft, sondern auch das Publikum. So sitzt man einmal gemeinsam im Boot.

Staatstheater Wiesbaden: 4., 5., 6., 13., 15., 20. Mai, 3., 4., 26. Juni. www.staatstheater-wiesbaden.de

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