Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Noch ist die Armut gegenwärtig im Viertel (Symbolbild).
+
Noch ist die Armut gegenwärtig im Viertel (Symbolbild).

Gentrifizierung in Kopenhagen

Drei Nutten und ein Millionär

  • Hannes Gamillscheg
    VonHannes Gamillscheg
    schließen

Im Herzen von Kopenhagen hat sich in den vergangenen Jahren ein rasanter Wandel vollzogen - ein krasses Beispiel für Gentrifizierung. Im Stadtteil Versterbro sind aus heruntergekommenen Wohnblöcken teure Stadthäuser geworden. Parallelwelten sind geblieben.

Hast’n Kleingeld?“, fragt die Frau mit den langen blonden Haaren und dem verhärmten Gesicht, die schön wäre, wenn die Drogen nicht ihr Leben zerstört hätten. Die paar Münzen, die ich aus der Jackentasche grabe, entlocken ihr nur ein verächtliches Schnauben. „Was stehst’n hier rum und gaffst“, keift sie, „suchst ’ne Tussi?“ „Nein danke,“ erwidere ich würdevoll. „Nein, danke“ äfft sie mich nach und zieht kopfschüttelnd ihr Fahrrad weiter. Die nächste, die mich anspricht, ist jünger, viel jünger, sicher keine 18. Rumänin, schätze ich nach ihrem Aussehen und ihrem Akzent: „Come with me? Have fun?“ Die Kürze ihres Rocks und die Tiefe ihres Ausschnitts hätten auch deutlich gemacht, welche Art „Spaß“ sie meint, wenn sie nicht vor einem Sexshop gestanden hätte.

Ein paar Schritte weiter, vor der Mariakirche, hängen ein paar Typen rum, die wohl die Zuhälter der Frauen sind, die hier auf Kundenfang gehen. Offen wechseln Geldscheine den Besitzer, etwas weniger offen die Drogen, die dieses Viertel prägen, auch gegenüber bei „Mændenes Hus“, dessen Insassen teils lallend, teils rauchend auf den Treppen sitzen. Das Männerhaus ist die einzige Obdachlosenunterkunft in Kopenhagen, die auch Ausländern Unterschlupf bietet. „Men’s home“ und – auf grönländisch – „Angutit Illuat“ steht an der Pforte, auch wenn die Benützer offensichtlich vor allem aus Afrika und Osteuropa kommen.

Elendsviertel in Kopenhagen

Es ist geballtes Elend, das dem Besucher entgegenschlägt, der hinter dem Kopenhagener Hauptbahnhof die Istedgade hochgeht. Doch wer seinen Rundgang am anderen Ende der Straße beginnt, einen Kilometer weiter stadtauswärts am Enghave Plads, befindet sich in einer ganz anderen Welt, mit mondänen Straßencafes, Kleiderboutiquen, Designstudios. Da schieben junge Familien ihre Kinderwägen und verschwinden hinter schweren Eisengittern in den zu Grünflächen umgewidmeten ehemaligen Hinterhöfen. Da kommen unverhofft bekannte Schauspieler, Musiker oder auch Politiker aus ihren sanierten und für das ursprüngliche Istedgade-Publikum unerschwinglich gewordenen Wohnungen. „Zwei Parallelwelten stoßen hier aufeinander“, sagt Jann Sjursen, der Vorsitzende des Rates für sozial Ausgestoßene, und das ist die Folge des größten Stadterneuerungsprogramms der dänischen Geschichte.

Die Istedgade im Stadtteil Vesterbro war mal Kopenhagens „schlimme Straße“. „Drei Nutten und ein Taschendieb“ nennen die Dänen die Klientel verlotterter Viertel, und für die Istedgade passte das genau. Die leichten Mädchen hatten jeweils ihre Fliese und waren mit den Bewohnern auf Vornamen, wer „gerollt“ wurde – sprich: seiner wenigen Habseligkeiten bestohlen - , der nahm das nicht so tragisch: „Dann rolle ich eben den nächsten“, hieß das Überlebensmotto. Der Ton war rau, die Leute hilfsbereit, die Wohnungen als Substandard zu bezeichnen, wäre Schönmalerei gewesen.

Spekulanten bauten Häuser für möglichst viele Mietezahler auf möglichst engem Raum, und Eltern ließen ihre Kinder nicht alleine in den Hof auf die Toilette, weil die Ratten dort so fett waren. Noch 1990 stammten 99 Prozent der Wohnungen im inneren Vesterbro von vor 1919. 70 Prozent hatten kein Bad, 64 Prozent keine Zentralheizung, der Anteil von Arbeitslosen und Sozialklienten unter den Mietern lag weit über dem Kopenhagener Durchschnitt.

Krasses Beispiel für Gentrifizierung

Jetzt ist die Istedgade Kopenhagens krassestes Beispiel für die Gentrifizierung geworden, die sozial bedingte Umschichtung der Bevölkerungsstruktur. Anders Lund Hansen, Geografieprofessor an der Universität Lund, hat das Fremdwort mit „Verherrschaftlichung“ übersetzt: „Kaum bemerkt, aber unverdrossen gewinnt das individuelle Recht der Privilegierten über das Recht des Kollektivs, mit geografischer und sozialer Polarisierung als unausweichlicher Folge.“ Kurz gesagt: die Reichen verdrängen die Armen. Das muss nicht sofort geschehen, und nicht durch brutalen Rausschmiss. Aber die Verhältnisse, die durch die Sanierung geschaffen wurden, machen denen, die früher hier wohnten, den Verbleib unmöglich.

Als 1944 kommunistische Widerstandsgruppen einen „Volksstreik“ gegen das Nazi-Besatzungsregime und die dänischen Zusammenarbeitspolitiker organisierten, verteilten sie Flugblätter mit der Parole: „Paris und Rom mögen fallen. Aber Stalingrad und die Istedgade ergeben sich nie.“ Dass die Istedgade niemals kapituliere, ist seither ein ständiger Slogan im politischen Streit geworden. Doch den Kräften der Marktwirtschaft ergibt sie sich doch. Jetzt wohnen im inneren Vesterbro mehr Akademiker, mehr aus der „kreativen Klasse“, weniger Arbeitslose und weniger Einwanderer als in anderen Teilen Kopenhagens, und der Wohnstandard ist pikobello. Mehr als eine halbe Milliarde Euro ließ man sich den Umbau kosten.

„Es gab keine Alternative zur Stadterneuerung, Vesterbro war eine Ruine, die Spekulanten ließen die Häuser verfallen, die Politiker mussten eingreifen“, sagt der 67-jährige Peder Bundgaard, einer der Istedgade-Veteranen. „Wer die Entwicklung bedauert, muss schon ein Slumromantiker sein.“ Gewitzigt durch schlechte Erfahrungen im Nachbarviertel Nørrebro, das durch „Bulldozersanierung“ entfremdet wurde, setzte die Stadtverwaltung auf Zusammenarbeit mit den Bewohnern. „Familienfreundlicher“ sollte Vesterbro werden, attraktiv für wirtschaftlich starke Gruppen. Kopenhagen war pleite und brauchte dringend gute Steuerzahler. Doch, wie die ehemalige sozialistische Stadträtin Gunna Starck einräumte: „In diskreter Form stand in dem Plan: die Bevölkerung soll ausgewechselt werden.“

Und so geschah es. Die schwachen Gruppen wurden umgesiedelt, in Betonblöcke am Stadtrand. Die starken sicherten sich die attraktivsten der neuen Wohnungen, mitten im Herzen Kopenhagens. „Von Seiten der Stadt her war das ein voller Erfolg, man bekam ein attraktives Viertel mit unproblematischen Bewohnern“, sagt der Sozialgeograf Henrik Gutzon Larsen. Er ist selbst so einer. Seine Genossenschaftswohnung, die er als Student unsaniert für 25.000 Kronen (3350 Euro) kaufte, kostete nach dem Umbau das Zehnfache. Dann liberalisierte die Regierung die Kreditregeln, der Wohnungsmarkt boomte. Jetzt ist Larsens Wohnung 1,5 Millionen Kronen wert, auf dem Papier ist er plötzlich Millionär.

Vesterbro ohne die Vesterbroer

„Man hätte die Wohnformen mischen sollen“, sagt Larsen, „einige der Häuser für sozialen Wohnbau reservieren.“ Statt dessen haben Genossenschaften den Markt erobert, und nun herrscht die „Diktatur der Demokratie“, sagt die Stadtarchäologin Hanne Fabricius und kennt dies aus dem eigenen Wohnblock: „In den Versammlungen wird per Stimmmehrheit entschieden, und wer sich nicht anpasst, der fliegt raus.“ Denn die neuen Bewohner „wollen zwar Vesterbro, aber nicht die Vesterbroer“, sagt Fabricius. Die Eingänge zu den Höfen sind vergittert, sogar die Kellertreppen, wo früher die Junkies spritzten und die Alkoholiker ihren Rausch ausschliefen, sind verschalt. Neben der Mariakirche haben die Anrainer eine Gitterwand errichtet, und sie scheiterten nur knapp mit einem Putschversuch im Gemeinderat: dort wollten sie die Mehrheit erobern, um den Pfarrern zu verbieten, die Suppenküche und Wärmestube für die Obdachlosen weiterzuführen.

Hinter den Gittern ist die „Verherrschaftlichung“ durchgeführt, die Bevölkerungsstruktur verwandelt. Draußen, auf der Straße, herrscht noch ein Rest der Anarchie, je näher dem Bahnhof, desto stärker. „Die smarte Ära begann 1997“ sagt Hanne Fabricius. Damals eröffnete in den lange leergestandenen Räumen einer alten Apotheke das Cafe „Bang & Jensen“. Als Einweihgeschenk bekamen die Besitzer einen Grabstein. „Ihr haltet eine Woche, Jungs“, höhnten die Konkurrenten aus den alten Kneipen. Doch dann gingen die Kneipen kaputt, dem Cafe geht es glänzend, und an den Straßentischchen sitzen die Studentinnen und schlürfen Latte und Hollersaft, ohne von den „Eingeborenen“ belästigt zu werden, wie dies früher gang und gäbe war. „Wenn ich durch die Istedgade ging, um meinem Vater das Mittagsbrot in die Fabrik zu bringen, pfiffen die Mädchen hinter mir her: Die wollten keine Konkurrenz“, erinnert sich die heute 82-jährige Birte Hansen mit schaudernder Wolllust.

Im einstigen Wirtshaus „Eisenstange“ liegt jetzt eine argentinische Cocktailbar. Der „Rote Kai“, dessen „Key Hole Club“ nach Freigabe der Pornografie mit Live-Shows Touristenmassen in die Istedgade lockte, sammelt nun in einem Trödelladen Geld für Obdachlose. Die Sexshops drängen sich im untersten Straßenabschnitt zusammen, und ihr Geschäft mit Magazinen und Filmen ist durch das Internet kaputt gemacht worden. Jetzt verkaufen sie erotische Kunstbücher, Sexspielzeug und Massageöle, in der Topless-Bar servieren müde Frauen schales Bier. Dort, wo früher eine Schwulensauna lag, braten die neuen Eigner „Vesterbros beste Burger“. Das einzig Anrüchige ist der Name des Lokals: „Strafbar“.

Das Ende der Verherrschaftlichung

Doch am Bahnhofsende ist es vorbei mit der Verherrschaftlichung, noch zumindest. Hier ist das Pflaster hart, „viel roher als früher“, sagt Winnie Jørgensen, die hier früher für ihren Heroinmissbrauch anschaffen ging. „Jetzt ist der Strich in den Händen internationaler Banden“, die Frauen, „das sind alles Opfer von Menschenhandel, und die Polizei tut gar nichts“, sagt Hanne Fabricius. Hin und wieder eine Razzia, ein paar Festnahmen, dann ist alles wie gehabt. Auch der Drogenhandel floriert, räumt Bjarne Christensen, der Chef der lokalen Polizeistation, ein. „Die Pusher sind offensiver geworden, die Kunden zahlreicher.“ Früher dominierte Heroin, da wird man träge. Jetzt ist die Hauptdroge Kokain, das aggressiv macht. „Mehr Gewalt, schwerer zu behandeln“, konstatiert Robert Olsen, der Vorsteher vom Männerhaus.

Als ich mich dem Bahnhof nähere, kommt mir wieder die Blonde mit dem Fahrrad entgegen: „Hast’n Kleingeld?“ Sie hat längst vergessen, dass sie mich schon vorhin angequatscht hat. Ich gebe ihr nochmals ein paar Klimpermünzen, sie keift wieder, doch als sie fragt, ob ich ne Tussi suche, bin ich schon weitergegangen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare