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Ihm war noch vollkommen klar, wo es für die CDU entlanggeht. Konrad Adenauer, Bundeskanzler von 1949 bis 1963.

Union

Die drei Falten im Körper der CDU

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Jahrzehntelang war die Union in der Lage, unterschiedliche Lager in ihre Partei zu integrieren. Und nun?

Dreifaltigkeit spielt auch in der Politik eine Rolle. Gegen Alternativlosigkeit, diesem Gegenteil des Politischen, ist es immer gut, nicht nur zwei, sondern auch dritte Wege gehen zu können, zwischen Sozialismus und Kapitalismus zum Beispiel, wo vor sechzig Jahren noch Dritte Welten auftauchten.

Das Spiel mit ihren drei Komponenten beherrscht auch die CDU: Die Union, heißt es jetzt gebetsmühlenartig, sei gut beraten und geradezu unschlagbar, wenn sie das Christlich-Soziale, das National-Konservative und das Wirtschafts-Liberale vereine. Und irgendwie sollen Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn und Friedrich Merz das idealtypisch verkörpern, und auch wieder nicht, weil Parteivorsitzende die Trinität in einer Person vereinen müssen.

Die CDU, die erfolgreichste Parteierfindung nach 1945, verdankte das der Person ihres Gründers und Kanzlers Konrad Adenauer. Unter seiner Ägide, die Anfang der 1960er Jahre so kläglich zu Ende ging wie später die von Helmut Kohl und Angela Merkel, erledigte die Union drei schwierige Aufgaben: die politische Kommunion von Katholiken und Protestanten, die Konvergenz des bürgerlichen Lagers und die Entschärfung der radikalen Rechten. „Bildlich gesprochen“, schrieb der Zeithistoriker Frank Bösch, „wurde die CDU so gleichzeitig zur Partei der protestantisch-konservativen Schleswig-Holsteiner, der katholischen Rheinländer und der liberal geprägten Württemberger. Sie vertrat wesentlich heterogenere politische und soziale Gruppen als die Sozialdemokraten, konnte aber dennoch den Spagat besser meistern.“

Überfigur Konrad Adenauer

Die Überfigur Adenauer ersetzte dann der Parteiapparat, der die historischen Kompromisse in Untergliederungen, Allianzen, Patronage-Systemen und Finanzzuweisungen institutionalisierte. Neben der CDU hielt sich keine bürgerliche oder neonationalistische Konkurrenz, gegen sie hatte es auch die Volkspartei der linken Mitte schwer, zu der sich die SPD entwickelte.

Die Sozialdemokraten zerfiel schneller als die Union, die sich mit der CSU einen bajuwarischen Außenposten leistete. Doch jetzt scheint die Merkel-Union dasselbe Schicksal zu ereilen, da ihre Wähler im Hinterland nach rechts und die städtischen Wählerinnen zu den Grünen desertieren. Ob die Beschwörung der Dreifaltigkeit die Abwanderung bremsen kann, ist die Frage. Die Delegierten auf dem Hamburger Parteitag werden weniger Flügel austarieren wollen als nach einer Figur Ausschau halten, die ihnen am ehesten den Machterhalt garantiert und kommende Wahlen überstehen lässt. In Europa ist mit Macron ein Rivale in der Mitte aufgetaucht, mehr noch droht eine rechtsradikale Blockbildung. Ein Erfolg bei der Europawahl 2019 könnte der AfD aus ihrem Zwischentief helfen, in das sie mit Merkeldämmerung, Spendenskandal und Beobachtung durch den Verfassungsschutz hineingeraten ist, um bei den ostdeutschen Landtagswahlen wieder da zu sein.

Die Union agierte vor allem als Kanzlerwahlverein, Weltanschauliches war eher nachrangig. Und sie organisierte einen Regionalproporz, in dem man erst einmal Schleswig-Holsteiner, Rheinländer und Schwabe war, bevor man ordoliberaler Unternehmer, nationaler Ordnungshüter oder „Herz-Jesu-Sozialist“ (Norbert Blüm und Heiner Geißler) wurde. Dennoch wirkten diese Etikettierungen wie selbsterfüllende Konstrukte und schufen eine „complexio oppositorum“ nach Art der katholischen Kirche, aus deren Milieu die Adenauer-CDU (und jetzt wieder alle drei Bewerber um die Nachfolge der ostdeutschen Protestantin) stammen.

„Es scheint keinen Gegensatz zu geben, den sie nicht umfasst“, hatte Carl Schmitt zur Kirche geschrieben, was im Sinne der Säkularisierung theologischer Begriffe für den Konservatismus gilt, der sich nach 1945 von seinen christlichen Fundamenten, nationalistischen Übertreibungen und faschistischen Versuchungen löste, aber außer letzterem alles auf kleiner Flamme mit Abendland, Heimat und Konsumkapitalismus weiterkochte. Der haltbarste Kitt im Kalten Krieg war ohnehin der Antikommunismus, die Furcht vor Moskau und die Ablehnung der „Sozen“ von der SPD.

Helmut Kohl verdrängt die CDU aus dem Kanzleramt

Die konnte Helmut Kohl aus dem Kanzleramt verdrängen und sie anderthalb Jahrzehnte davon fernhalten, mit einem Kurs, der zutreffend als Modernisierung der Union beschrieben worden ist, aber mit der „geistig-moralischen Wende“, dem erwähnten „Herz-Jesu-Sozialismus“ der Sozialausschüsse und den Wirtschaftsliberalen allen Flügeln Placebos zusteckte. Als sich die CDU 1987 schon fast verabschiedet hatte, rettete sie der „Mantel der Geschichte“ (Kohl) und die Ausdehnung in die neuen Bundesländer, die der ehemaligen Blockpartei besser gelang als den oppositionellen Bürgerrechtlern und Sozialdemokraten – bis dann 16 Jahre genug waren und die CDU die Orientierung verlor.

Angela Merkel, die sich von der Notvorsitzenden zur Erfolgskanzlerin mauserte, war an philosophischen Debatten wenig interessiert und beschwor die „große Volkspartei der Mitte“. Aus der neoliberalen Chefin einer schwarz-gelben Koalition wurde problemlos die Frontfrau der GroKo, die aber auch Schwarz-Grün gekonnt hätte. Und die erst scheiterte, als eine wütende Rechtsopposition aus der AfD und der Schwesterpartei CSU sie als vaterlandslose Kosmopolitin attackierte und der von Pegida übernommene alleinige Programmpunkt „Merkel muss weg!“ abgearbeitet war. Ganz abgesehen von dem, was Merkel sonst verfehlt hat, nämlich Klima- und Europa-Kanzlerin zu werden.

Da sie nun fast „weg“ ist, ermessen die Nachfolgekandidaten die Größe der Schuhe, in die sie schlüpfen sollen. Kramp-Karrenbauer profiliert sich als katholische Lebensschützerin, der Hedgefonds-Lobbyist Merz als Marktradikaler, Spahn als Nationalkonservativer, aber alle nur ein wenig. Die Abtreibungsregelung soll dann doch nicht verschärft werden, die Sozialstaatsreste dürfen bleiben, der Migrationspakt wird am Ende unterschrieben. Dass das Trio überhaupt eine Überzeugung hat, die es in schwierigen Zeiten auch im Kanzleramt durchhalten und umsetzen könnte, mag man ihm kaum abnehmen. Viel eher markiert es die Sollbruchstellen, an denen auch die Union in drei Teile auseinanderbrechen kann.

Der Autor, Jg. 1950, ist Politologe. Seit 2015 ist er Ludwig-Börne-Professor an der Gießener Justus-Liebig-Universität.

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