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NDR wirft Heinze raus

Drehbuch ohne Happy End

  • Daland Segler
    VonDaland Segler
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Es gibt im deutschen Fernsehen vier Frauen, die für Qualität, Innovation und Mut stehen: Bettina Reitz, Heike Hempel, Liane Jessen und Doris Heinze. Der Letzten war das wohl nicht genug. Von Daland Segler

Es gibt im deutschen Fernsehen vier Frauen, die für Qualität, Innovation und Mut stehen, was TV-Filme betrifft: Bettina Reitz, Heike Hempel, Liane Jessen und Doris Heinze. Sie sind verantwortlich für die Abteilung Fernsehspiel in ihren Sendern, und sie ernten regelmäßig Auszeichnungen. Einer war das wohl nicht genug: Doris Heinze (60) hat allem Anschein nach ihren Ehemann als Drehbuchautor beschäftigt - illegal. Jetzt wurde die renommierte Managerin vom NDR suspendiert (wir berichteten).

Die gelernte Dramaturgin soll Drehbücher ihres Gatten gekauft (und die Honorarbelege selbst abgezeichnet) haben. Der wurde in den Presseheften zu den von ihm verfassten Filmen als "Niklas Becker" geführt und offenbar mit einer fiktiven Biografie versehen, derzufolge er in Kanada lebte.

So gibt es zum Film "Der zweite Blick" (2005) ein Statement Beckers, in dem er schreibt, er frage sich jedesmal, "ob es den Personen der Handlung wohl gelingt, ein für mich überraschendes und nie langweiliges Leben zu leben".

"Niklas Becker" selbst gelang das unter diesen Bedingungen wohl nie ganz langweilige Leben fast zehn Jahre lang, bevor Recherchen der Süddeutschen Zeitung jetzt den NDR auf die Spur der Täuschung führte. Doris Heinze hat selbst Drehbücher verfasst und in einem von Harald Keller für die Zeit geschriebenen Porträt ("Der Heinze Touch") verraten, dass sie gerne Drehbücher schreibt, weil sie mit den von ihr erfundenen Figuren "anstellen kann, was ich will".

In der Realität hat ihr Drehbuch einer Täuschung ihres Arbeitgebers nun offensichtlich ein anderes Ende gefunden, als sie es wollte. Dabei soll es in der Branche schon bekannt gewesen sein, dass Doris Heinze ihren Gatten auf diese Weise alimentierte. Und es ist auch kaum vorstellbar, dass man bei den beteiligten Produktionsfirmen keine Ahnung von der Identität Beckers hatte. Heinzes Anwalt sagte inzwischen, dass ihr Mann lediglich Mit-Autor gewesen sei und sprach von einer bewusst lancierten Geschichte, um sie um ihren Posten zu bringen.

Vier der fünf zur Debatte stehenden Drehbücher wurden laut NDR "von der Münchner Produktionsfirma AllMedia Pictures GmbH verfilmt und mit dem NDR abgerechnet". Ein Auftrag zu einem weiteren Buch sei dem Sender "von der Firma Oberon Media Service Film GmbH aus Grünwald in Rechnung gestellt" worden.

Warum die Rechnungen nicht eingehender geprüft wurden, muss sich der NDR fragen lassen, aber Intendant Lutz Marmor ließ schon mal verlautbaren, gegen "unlauteres Verhalten" gebe es "keinen absoluten Schutz". Er habe die Revision des Senders mit der Aufklärung beauftragt. Die bislang vorliegenden Erkenntnisse hätten dem Haus "keine andere Wahl gelassen, als uns von Frau Heinze zu trennen". Der Suspendierung soll die fristlose Entlassung folgen.

Die Tragweite dieser Affäre wird erkennbar, wenn man weiß, welche Produktionen in der ARD über Heinzes Schreibtisch gingen. Sie war für allein drei ARD-"Tatorte" zuständig; sie hat zusammen mit ihrem Team die Figuren der Kommissare entwickelt, die dann Manfred Krug und Charles Brauer, Robert Atzorn, Mehmet Kurtulus (für Hamburg), Maria Furtwängler (für Hannover) und Axel Milberg (für Kiel) verkörpert haben. Zwar hat Robert Atzorn sein Ausscheiden aus dem "Tatort" mit schlechten Drehbüchern begründet, aber eines von "Niklas Becker" war offenbar nicht dabei.

Doris Heinze hat außerdem den "Polizeiruf 110", die vom DDR-Fernsehen übernommene Reihe, auf ein anderes Niveau gehoben, mit Regisseuren wie Manfred Stelzer und einer Drehbuchautorin wie Beate Langmaack. Und die Fernsehspielabteilung des NDR war zudem pro Jahr für ein gutes Dutzend von ARD-Produktionen verantwortlich. Man muss Doris Heinze sicher nicht zur "Ikone" verklären, wie das jetzt geschah, aber es gibt nicht viele, die das Programm der ARD so nachhaltig geprägt haben.

Was die gut verdienende Fernsehspielchefin bewogen hat, ihre erfolgreiche Karriere aufs Spiel zu setzen, bleibt ein Rätsel, so lange sie sich nicht äußert. Auf jeden Fall hat sie der von Skandalen in den vergangenen Jahren nicht eben verschonten ARD eine neue Affäre beschert.

Nach dem Desaster mit der Schleichwerbung, den Verfahren gegen Hagen Boßdorf, erst der Stasi-Mitarbeit verdächtigt und dann wegen unerlaubter Werbung von seinem Posten als Sportkoordinator entfernt, den Betrugsprozessen gegen Jürgen Emig und Wilfried Mohren, den Fragen nach den Nebenverdiensten von Moderatoren hat der Senderverbund nun den Casus Heinze durchzustehen - alles Einzelfälle, gewiss. Und doch ist ihnen gemeinsam, dass da welche nicht genug bekommen konnten bei ihrer im Fernsehgeschäft doch ohnehin üppig entlohnten Arbeit.

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