Es dräuen die Bässe

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Staatskapelle Dresden in Frankfurts Alter Oper

Für Kontrabassisten ist es stets ein Festtag: Wenn Franz Schuberts "Unvollendete" auf dem Programm steht wie jetzt beim Pro-Arte-Konzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der Alten Oper Frankfurt, werden diese Musiker des Randes mit ihrem tiefen Solo zu Beginn zu den aufmerksam fixierten Hauptdarstellern. Steht aber nun auch noch der Sächsische Staatskapellmeister Fabio Luisi am Pult, dann mutieren die Bassisten gar zu Charakterdarstellern: So theatral-dunkel, so leise-dräuend, so abgründig-tief hat man die Einleitung zur siebten Schubert-Sinfonie selten gehört.

Wie einzigartig überirdisch dieser Beginn wirklich war, wurde erst in Takt 13 deutlich, als Klarinette und Oboe einsetzten: Gewiss sitzen auch an diesen Pulten in der Staatskapelle sensibel agierende Instrumentalisten, doch waren die beiden Holzbläser hier nur schwer in der Lage, den Zauber fortzuspinnen.

Die leichte Ernüchterung allerdings währte nur kurz, die von einem überaus aktiven Fabio Luisi geformte "unvollendete" Sinfonie konnte ihre morbide Magie bewahren. Wirklich eine Sinfonie? Das Dresdener Spitzenorchester und ihr erst in zweiter Saison amtierender Stabchef machten an diesem Abend daraus eine reine Bekenntnismusik, ein Seelengemälde mit Erschütterungspotenzial.

Auf Schubert folgte Mahler, seine fünfte Sinfonie, in der die Meisterleistung der Staatskapelle Dresden nicht mehr so überraschend war. Denn für Groß- und Größtsinfonisches ist dieses Traditionsorchester prädestiniert, Musik von Strauss, Mahler und Bruckner gehört zu seinen Kernkompetenzen. So lieferten die Dresdner, die von Frankfurt aus zu ihrer ersten USA-Tournee unter Luisis Leitung aufbrechen, eine entsprechend blitzsaubere Fünfte ab, bei der sich der viel beschäftigte Solo-Hornist nicht den geringsten Makel leistete. Anders als vor einem Jahr, als Chefdirigent Luisi und seine Staatskapell-Musiker zuletzt in der Alten Oper zu Gast waren und dort eine exzellent klingende Richard Strauss'sche "Alpensinfonie" zelebrierten, hatte jetzt die Mahler-Sinfonie deutlich mehr individuelles Eigenleben.

Fabio Luisi, furios aus sich herausgehend am Dirigentenpult, präsentierte sie extrem detailreich und in jedem Detail extrem - ein Mahler, der auch den routiniertesten Hörer den Atem stocken lassen konnte, so als hörte er diese Sinfonie zum ersten Mal.

Luisis hyperaktiver, stets beweglicher Zugang vermochte alleine im Adagietto-Satz, dem berühmten nur für Streicher und Harfe gesetzten, nicht ganz zum Ziel zu führen. Es schien, der Italiener, der in wenigen Monaten 50 wird, wollte hier die Musik schlicht zu viel erzählen lassen, anstatt einmal beredt zu schweigen. Ein wenig mehr Kontemplation nach dem berauschend komplexen, wild-perfekten Scherzo, hätte womöglich eine noch deutlichere Sprache gesprochen. Denn was Streicher so alles raunen können, in Schuberts "Unvollendeter" hatte man es ja bereits als Referenz gezeigt bekommen.

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