+
Doris Day circa 1956.

Hollywood-Schauspielerin

Doris Day ist tot

  • schließen

Die US-amerikanische Hollywood-Schauspielerin Sängerin ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Ein Nachruf auf Doris Day.

Mit dem Schrei „Que será, será“ brachte Doris Day den Attentäter und sein Opfer aus dem Konzept. Der Schuss verfehlte sein Ziel. Alfred Hitchcocks „Der Mann, der zuviel wusste“ ist nur einer von 39 Filmen, in denen Doris Day zwischen 1948 und 1968 spielte. Sie sah aus wie die Hausfrauen in den Anzeigen für Kühlschränke und Mixer damals aussahen.

Ich liebte „Der Mann, der zuviel wusste“, weil Hitchcock sich das Vergnügen gemacht hatte, die wohl bis dahin längste Musiksequenz in einem Spielfilm unterzubringen. Ein endloses Orchestergewoge, das mit einem Paukenschlag endete, in den hinein der Scharfschütze feuern und sein Opfer töten sollte. Ich liebte den Film auch, weil die herausragende Leistung der überaus beliebten Sängerin und Schauspielerin der alles übertönende Schrei war, eine gelungene Verhohnepiepelung der Sangeskunst.

Doris Day stahl Alfred Hitchcock die Show

In Wahrheit aber stahl nicht Hitchcock Doris Day, sondern sie ihm die Show. Im Gedächtnis der Zuschauer blieb nicht sein niederträchtiger Plot, seine Verachtung sopranistischer Höhen, sondern das „Que será, será“, das Doris Day im Film ihrem Sohn vorsang. Der deutsche Text geht so: „Was wird sein? Was auch immer sein wird, wird sein. In die Zukunft zu schauen, ist nicht unsere Sache. Was wird sein? Was sein wird, wird sein.“ Kein schlechter Text für den Tag, an dem bekannt wurde, dass Doris Day 97-jährig gestorben ist. Er ist sentimental und ehrlich zugleich. Wie gerne würde ich sagen, genau das sei Doris Day gewesen. Ich weiß es nicht. Ich habe vielleicht zwei Dutzend ihrer Filme gesehen, aber ich weiß nichts über die private Doris Day.

Nach 1968 hat sie keinen Film mehr gedreht. Es gab nur noch Fernsehauftritte. Sie war einer der größten Stars, die Hollywood hatte, ein Kassenmagnet. Ihr letzter Film „Der Mann in Mammis Bett“ war wohl noch erfolgreich, aber 1968 war auch in den USA ein Wendejahr, und es erscheint heute symptomatisch, dass sie damals aufhörte. Sie war, so hätte man das in Deutschland gesagt, „Papas Kino“. Ihre Filme sorgten dafür, dass die hübschen Siedlungen weltweit zu einem Ideal wurden, mit den kleinen Vorgärten und den Männern, die zur Arbeit fuhren, während die Frauen dafür sorgten, dass das Heim schöner wurde. Der American Way of Life war geradezu inkarniert in Doris Day. Nichts konnte 1968 unerotischer sein.

Bis zuletzt blieb Doris Day eine sichere Größe in US-Klatschzeitschriften

Es war verlogen. Es hatte nichts mit der Realität in den USA zu tun. Es waren Produkte der Traumfabrik, die in der Realität – Betty Friedans „Der Weiblichkeitswahn“ war bereits 1963 erschienen – zum Albtraum wurden und aus der Psychotherapie einen blühenden Erwerbszweig machten. Natürlich kursierten schon damals die wildesten Gerüchte darüber, dass Doris Day privat ganz anders sei. In den amerikanischen Klatschzeitschriften war sie bis zuletzt eine sichere Größe. Doris Day sei pleite, hieß es, oder ein Mann schrieb „Meine wilde, verbotene Affäre mit Doris Day“. Das war 2017!

Das Publikum war ihr treu. Man wird das Gefühl nicht los, dass Donald Trumps Großes Amerika das der Abziehbildchenwelt ist, für die Doris Day stand. Sie kann es unmöglich gelebt haben. Einer ihrer großen Filmpartner war Rock Hudson. Unvorstellbar, dass in wochenlangen Dreharbeiten niemals der Gedanke aufkam, dass er schwul war. Man produzierte Traumwelten, in denen ein schwuler Hauptdarsteller mit einer von jeder Art von Körperflüssigkeit unbefleckten Hauptdarstellerin dem Otto Normalverbraucher das ideale Liebes- und Ehepaar vorspielten.

Viele fanden das verlogen. Sie spürten, dass nichts davon stimmte, dass die Heilsbotschaft krank machte. Ohne die Hintergründe zu kennen, ohne das zu wissen, was man heute weiß.

Sie wurde übrigens am 3. April 1922 in Cincinnati im Bundesstaat Ohio geboren als Doris Mary Ann Kappelhoff. Doris-Day-Fans werden das nicht wissen, aber für jüngere Cineasten ist Hermann Kappelhoff ein Begriff. Er unterrichtet Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seine Website heißt Cinepoetics. Seine Film-Bücher tragen Titel wie „Matrix der Gefühle“ oder „Kognition und Reflexion“.

Ich wünsche mir einen so bewaffneten Blick auf eine der wichtigsten Darstellerinnen der Filmgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wäre gerechter als dieser Nachruf.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion