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„Ich betrachtete weiter im Netz Berichte über Rassismus, mordende Polizisten, brennende Gebäude und schlechte Strategien im Umgang mit dem Coronavirus.“

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Doomscrolling

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Nachrichten über den Weltuntergang hören nie auf. Soll man die tägliche Dosis daher besser auf die „Tagesschau“ begrenzen?

Am 1. Juni 2020 kam ich zufällig zu meiner Mutter ins Zimmer, als sie die „Tagesschau“ guckte, und dachte: „Schöne Idee eigentlich: einmal am Tag 15 Minuten die Nachrichten sehen und dann nicht mehr.“ Es war das erste Mal, dass dieser Gedanke in meinem Kopf auftauchte. Normalerweise habe ich ein dickes Fell, aber im Moment finde sogar ich die Nachrichten schwer auszuhalten. 15 Minuten erschienen mir wie eine erholsame, erträgliche Nachrichtendosis.

Der Gedanke war nicht von Dauer, ich ging und betrachtete weiter im Netz Berichte über Rassismus, mordende Polizisten, brennende Gebäude und schlechte Strategien im Umgang mit dem Coronavirus. Vor allem nachts, wenn ich nicht schlafen kann, verbringe ich damit viel Zeit. Für diese Beschäftigung gibt es seit 2018 den Begriff „Doomscrolling“, von „doom“ wie Weltuntergang und „scrolling“ wie „egal, wie weit man in der Facebook- oder Twitter-Timeline weiterliest, es hört nie auf“.

Die Berichterstattung über das Doomscrolling beschränkt sich bisher meistens auf Reflexe wie „soziale Netzwerke sind schuld, früher gab’s so was nicht“ und Mahnungen, man solle sich einfach zusammenreißen und den Blödsinn sein lassen. Michael Moorstedt verwies diese Woche in der Netzkolumne der „Süddeutschen Zeitung“ auf den Anti-Doomscrolling-Tipp der Zeitschrift „Popular Science“, die Menschen sollten „einfach mal ihre Smartphones ausschalten und ‚eine gottverdammte Zeitung lesen‘“. Das erinnert an den 1695 veröffentlichten Ratschlag des Barockschriftstellers Caspar Stieler über den Umgang mit einem damals noch ziemlich neuen Nachrichtenmedium, „anstatt solcher Zeitungslesung … lieber ein Kapitel aus der Bibel zu lesen“. Es kommt unerwartet, weil sozialen Netzwerken bisher oft vorgeworfen wurde, man bekomme darin ein geschöntes Bild der Welt vorgeführt. Und es ist lustig, weil Zeitungen keineswegs beschauliche Zufluchtsorte voller Berichte über gerettete Eichhörnchen und die erfolgreiche Abwendung des Klimawandels sind.

Marcel Proust beschrieb 1907 in „Le Figaro“, was man beim Lesen einer gottverdammten Zeitung zu sehen bekommt, nämlich „alles Unglück und alle Kataklysmen dieser Welt im Verlauf der letzten 24 Stunden, die Schlachten, die 50 000 Männer das Leben kosteten, die Verbrechen, Arbeitsniederlegungen, Bankrotte, Feuersbrünste, Vergiftungen, Selbstmorde, Ehescheidungen …“ Im Unterschied zur aktuellen Auseinandersetzung mit dem Doomscrolling beschreibt Proust das Zeitunglesen jedoch als „wolllüstigen Akt“, in dem sich diese Vorgänge „uns, die wir nicht darin involviert sind, zur morgendlichen Speise verwandeln, sich auf höchst erregende und stärkende Weise mit dem anempfohlenen Einnehmen einiger Schlucke Milchkaffees verbinden“. Das wirft die Frage auf, was sich seitdem geändert hat. Warum ist der Konsum schlechter Nachrichten kein Frühstücksvergnügen mehr?

Die naheliegendste Antwort lautet, dass die 24-Stunden-Versorgung mit immer neuen Nachrichten schuld ist. Das kommt mir aber unwahrscheinlich vor, denn schon vor 100 Jahren hätte man rund um die Uhr verschiedene Zeitungen lesen können. 24-Stunden-Nachrichtensendungen im Fernsehen gibt es auch schon seit 40 Jahren.

Eine zweite Möglichkeit: Es hat sich gar nichts geändert. Auch die unablässigen schlechten Nachrichten von früher waren nur ein Vergnügen für die, die nicht von ihnen betroffen waren. Irgendwer hat immer darunter gelitten, nur waren das nicht Marcel Proust und ich. In sozialen Netzwerken erfahre ich von Missständen, über die andere Medien bisher selten berichtet haben. Mangels Gewöhnung wirken die neuen Missstände schlimmer und aufwühlender als die alten. Das heißt nicht, dass die neuen Missstände in Wirklichkeit so egal wie die alten sind und die abgestumpfte Reaktion die richtige ist, die es nur einzuüben gilt. Eigentlich ist es umgekehrt. Die dritte Möglichkeit scheint mir am plausibelsten: Der Kummer über schlechte Nachrichten ist in dieser Form tatsächlich neu, aber schuld ist nicht die Möglichkeit des endlosen Scrollens, die Allgegenwart des Smartphones oder mangelnde Selbstkontrolle. Das Hauptproblem entsteht dadurch, dass ich jetzt nicht mehr von Fremden umgeben bin, die sich für oder gegen etwas engagieren. Es sind meine eigenen Freunde, die aus erster Hand von Missständen berichten. Die geschilderten Probleme zu ignorieren hieße also auch, die Freunde persönlich zu enttäuschen, und ist damit eine wesentlich unattraktivere Option als früher.

Eigentlich sollten an dieser Stelle konkrete Vorschläge zum Umgang mit Nachrichtenunglück folgen. Aus Kolumnenplatzmangel komme ich dazu erst in der nächsten Woche. Wer es nicht anders aushält, guckt bis dahin eben nur die „Tagesschau“. Aber nur provisorisch, denn eine Lösung ist das nicht.

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