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Eine U-Bahnstation in Washington DC.

US-Geschichte

„Der Vergleich mit Trump ist idiotisch. Nixon hatte ein Rechtsbewusstsein“

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Die Historikerin Jill Lepore über ihre große Geschichte der USA sowie den Umschlag eines linken in den rechten Populismus.

Jill Lepore, Jg. 1966, ist Professorin für amerikanische Geschichte an der Harvard Universität. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher, für die sie mehr als ein halbes Dutzend Preise erhalten hat. Ihr Opus magnum über die Geschichte der USA, „These Truths“ („Diese Wahrheiten“), stand wochenlang auf amerikanischen Bestsellerlisten. „Diese Wahrheiten. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika“ ist soeben im Verlag C.H. Beck erschienen. Deutsch von Werner Roller. 1120 S., 39,95 Euro . 

Frau Professor Lepore, Sie haben ein gefeiertes Buch geschrieben, mehr als 1000 Seiten amerikanische Geschichte. Wie lange haben Sie daran gearbeitet?
Ich habe rund drei Jahre für das Schreiben gebraucht, das Material hierfür nutzte ich zum Teil seit Jahrzehnten für meinen Unterricht an der Universität. Ich habe streng chronologisch geschrieben, und für jedes Kapitel habe ich mir unzählige Bücher angesehen. Der Wachmann in der Bibliothek fragte mich immer: In welchem Jahr sind Sie gerade? Zudem habe ich großzügig auf meine früheren Schriften zurückgegriffen. Ich wollte einen richtigen Zugang zu jeder Ära haben und anhand der neuesten Forschungsdebatten dem Leser genauestens darlegen, was damals passiert ist.

Viel Arbeit also.
Schreiben ist für mich wie eine Erlösung, ein Bedürfnis.

„Hätte ich das Buch mit Obama enden lassen, hätten mir die Leute vorgeworfen, die mit Trump verbundene Revolution zu ignorieren, das wäre auch eine faire Kritik gewesen.“

Hatten Sie von Anfang an die Idee, die Geschichte der USA mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus beginnen zu lassen?
Es machte Sinn mit Kolumbus anzufangen bzw. mit dem Problem eines Anfangs. Diese Frage stellt sich einem bereits, wenn man in den USA eine Schulklasse in amerikanischer Geschichte unterrichtet: Wo soll man anfangen? Man kann mit 1776 anfangen, mit der Unabhängigkeitserklärung, in der die Nation entsteht. Aber dann lässt man einen großen Teil der Geschichte außer Acht. Es ist eine viel diskutierte Frage in den USA. Ich habe mich dazu entschlossen, das Buch mit einer Kontroverse zu beginnen: Welchen Sinn es macht, mit Kolumbus zu beginnen und was dafür und dagegen spricht.

Wahl von Barack Obama war ein Meilenstein in der Geschichte der USA

Der Anfang war spannend, das Ende auch. Denn da hatten Sie geplant, mit der Amtseinführung Barack Obamas als US-Präsident zu enden. Doch alles kam anders.
In der Tat. Ich wollte es so schön mit dem Tag der Amtseinführung von Obama 2009 enden lassen, was ein sehr dramatischer Moment in der US-Geschichte gewesen ist. Ob man jetzt Obama gewählt hatte oder nicht, war es doch ein Meilenstein in der US-Geschichte und eine sehr dramatische Inaugurationsfeier. Es wäre ein großartiges Ende für ein Buch gewesen und schien eine gute Landung zu sein – nicht auf parteipolitische Weise, sondern als ein Aspekt der amerikanischen Geschichte. Doch auch wenn Historiker nicht allzu gerne über die Gegenwart oder die nahe Vergangenheit schreiben, hätte dieses Ereignis beim Erscheinen des Buches bereits zehn Jahre zurückgelegen.

Und dann?
Als ich über den Bürgerkrieg schrieb, wurde Trump zum Präsidenten gewählt. Diese Wahl war so eine Überraschung und sie markierte eine weitere äußerst bedeutende Wende in der amerikanischen Geschichte. Mir wurde klar, dass das Buch an einem anderen Ort enden musste. Hätte ich das Buch mit Obama enden lassen, hätten mir die Leute vorgeworfen, die mit Trump verbundene Revolution zu ignorieren, das wäre auch eine faire Kritik gewesen. Deshalb hatte ich die Pflicht, es zu ändern. Was man oft übersieht, ist, dass es lange Zeit braucht, um die Bedeutung einer Wahl zu verstehen. Das gilt ja auch für den Brexit, viele verstehen auch drei Jahre später nicht, was da vorgegangen ist. Es ist für Historiker schwer, über etwas so Neues und noch Unabgeschlossenes zu schreiben.

Jill Lepore.


Was waren die Gründe für Trumps Erfolg? Lag es am Riss in der US-Gesellschaft?
Es ist schwierig, nur amerikanische Gründe für die Wahl von Trump anzuführen, wenn es Trump-ähnliche Figuren in ganz Europa gibt. Es sind eindeutig Kräfte am Werk, die größer sind als die einer Nation, um rechte, populistische und nationalistische Politiker in verschiedenen Teilen der Welt an die Macht zu bringen. Diese Kräfte erwuchsen aus der sozialen Ungleichheit, den Fehlern der ökonomischen Globalisierung, um das Leiden der Menschen anzugehen, die durch den technologischen Wandel zurückgelassen wurden. Und sie beinhalten ein Versagen der Ideen. Es war ein Fehler in den 1980er und 1990er Jahren, eine Globalisierung loszutreten, ohne die Notwendigkeit zu sehen, den Nationalstaat als liberale Körperschaft zureichend zu stützen. Es hatte zur Folge, dass die einzigen, die über einen Nationalstaat redeten, Nationalisten waren. Ich denke, dass dies den Weg für Politiker wie Trump bereitet hat.

Den Populismus gab es bereits am Ende des 19. Jahrhunderts in den USA. Wie stark hat er Amerika verändert?
Der Populismus trat am Ende des 19. Jahrhunderts in den USA auf und ist seitdem nicht mehr verschwunden. Zunächst war es ein Populismus der Linken – kein Sozialismus, er hatte aber große Verwandtschaft zu ihm. Als der Sozialismus in Europa auftrat, trat zur selben Zeit ein linker Populismus in den USA auf. Er vereinte Lohnarbeiter und Farmer und schloss eine Kritik an Konzernen und Finanzoligarchien ein und an der wachsenden Monopolisierung der Wirtschaft. Der Weg, der zum Verschwinden des Populismus führte, war der, dass fortschrittliche Reformer im frühen 20. Jahrhundert, von den 1890ern bis zu den 1930er Jahren, mit dem New Deal von Franklin D. Roosevelt, die Klagen und Beschwerden der Arbeiter und Farmer ernst nahmen. Diese Fortschrittlichen starteten eine Reihe von Reformen. Nun wurden Konzerne stärker reguliert, so dass die starke Ungleichheit beim Einkommen abnahm. Das war in dieser Ära wirklich erfolgreich.

Kaum Ähnlichkeiten zwischen Donald Trump und Richard Nixon

Und heute?
Der Populismus der Linken hat sich in einen Populismus der Rechten verwandelt. Die Kritik konzentriert sich nun nicht mehr auf die Konzerne, sondern die Regierung selbst steht im Fokus. Es scheint dieselbe Art von Leuten zu sein, die den Populismus unterstützen und unter ähnlichen Dingen leiden wie geringes Einkommen und Arbeitslosigkeit, aber sie geben der Regierung die Schuld dafür. Auch Progressive haben es versäumt, Maßnahmen zu ergreifen, die gegenüber den negativen Entwicklungen Abhilfe hätten schaffen können.

Auch Richard Nixon sah sich, wie vermutlich jetzt Trump, einem Amtsenthebungsverfahren gegenüber. Gibt es zwischen beiden Ähnlichkeiten?
Nicht wirklich. Nixon war extrem clever. Und er kannte sich in der Außenpolitik bestens aus. Als die Watergate-Untersuchungen 1974 begannen, behaupteten die Republikaner, dass viele US-Präsidenten schlimme Dinge getan hätten, bei Nixon seien sie durch die Tonbandaufnahmen eben nur rausgekommen. Die Demokraten erwiderten: Das können wir rausfinden. Daraufhin setzten sich im Sommer 1974 viele Historiker zusammen und erstellten eine Liste der US-Präsidenten, die sich eines vorsätzlichen Fehlverhaltens schuldig gemacht hatten. Heraus kam eine faszinierende Untersuchung. Ich habe für mein Buch alle beteiligten noch lebenden Historiker angerufen und sie gefragt, wie sie das sehen, weswegen Trump angeklagt wird und wofür Nixon angeklagt wurde. Das war noch vor den Enthüllungen in der Ukraine-Affäre. Alle haben gelacht, als ich sie das fragte. Der Vergleich mit Nixon sei idiotisch. Nixon hatte ein Rechtsbewusstsein, auch in dem Moment, als er das Recht gebrochen hatte. Sein Rücktritt war eine Folge seines Bewusstseins, dass die Demokratie durch Gesetze funktioniert und die Amerikaner ihre Gesetze akzeptierten.

Ihr Buch trägt den Titel „Diese Wahrheiten“ und darunter sind politische Gleichheit, naturgegebene Rechte und Volkssouveränität zu verstehen. Gelten die Rechte auch heute noch universell oder nur relativ für uns?
Diese Rechte beruhen auf Ansprüchen, die eine Universalität beanspruchen. Ich habe das als Titel des Buches gewählt, um an die Ambition des Gedankens zu erinnern. Wir sehen, welche Rolle sie in der Geschichte der Welt gespielt haben, etwa bei der Verkündung der Menschenrechte 1948 durch die Vereinten Nationen. Nun sind wir in eine Phase eingetreten, in der einige sagen, dass es eine Art des Imperialismus sei, diese Universalität der Rechte einzufordern. Doch diese Debatte ist nichts weiter als eine ziemlich verlogene Diskussion.

Interview: Michael Hesse

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