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Donald Trump mit seiner Frau Melania auf dem Gelände des Weißen Hauses.

Michael Wolff: "Feuer und Zorn"

Bei Donald Trump Mäuschen gespielt

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Der Journalist Michael Wolff spricht im Interview über seine Eindrücke aus dem Weißen Haus, die er in dem Buch "Fire and Fury: Inside the Trump White House" verarbeitet.

Mr. Wolff, ist das Buch „Feuer und Zorn“ das größte Ding, das Sie je geschrieben haben?
Es ist zweifellos mein größtes Ding. Und man sagt mir, es sei das am schnellsten verkaufte Sachbuch aller Zeiten. Das ist schon ziemlich verrückt.

Haben Sie eigentlich gut geschlafen, nachdem Sie das Buch veröffentlicht hatten?
Ich hatte keine schlaflosen Nächte. Der Präsident drohte in der üblichen Trump-Manier und wollte das Buch verbieten lassen. Die Rechnung ging für ihn natürlich nicht auf. Ein Argument seiner Anwälte war, dass ich in Trumps Privatsphäre eingedrungen sei. Aber wie sollte das gehen? Ein Präsident kann nicht in seiner Privatsphäre verletzt werden. Das alles hat mir keine Angst gemacht. Mir war bewusst, dass er auf diese Weise Millionen von Lesern auf das Buch aufmerksam machen würde. Trump hat sich damit selbst ins Bein geschossen. Mein Verleger hatte im Vorfeld auf einen Tweet von ihm gehofft und nun gab es unzählige davon. Ich kann nur sagen: Danke!

Es ist erstaunlich, dass Sie so einfach ins Weiße Haus reingekommen sind. Wie haben Sie das angestellt?
Ich habe einfach gefragt.

Sie sagten zu Trump: „Hey, ich bin hier, um ein Buch zu schreiben“?
Es stellte sich heraus, dass es zumindest bei dieser Regierung ziemlich einfach war. Neulich hat mich jemand aus der früheren Obama-Regierung darauf angesprochen. Er sagte zu mir: Wärst du mit diesem Anliegen zu uns gekommen, hätten wir dich analysiert, über dich recherchiert, hätten diverse Besprechungen gehabt, und hätten jeden kontaktiert, der dich jemals in deinem Leben gekannt hat. Dann hätten wir eine strategische und gut kalkulierte Entscheidung getroffen und sie dir mitgeteilt. Sie hätte gelautet: Nein! Du kommst hier nicht rein.

Bei Trump hatten Sie Glück.
In Trumps Weißem Haus gab es keine Hürden. Ich traf den Präsidenten Anfang Dezember. Er dachte zuerst, dass ich einen Job haben wollte. Ich sagte, nein, ich schreibe ein Buch. Als er das hörte, war er sofort uninteressiert. Er sagte nur: „O.k., sicher.“

Später verneinte er das.
Er bestritt, mich überhaupt gekannt zu haben.

Aber wie verlief Ihre Arbeit im Weißen Haus, wen trafen Sie, wo hielten Sie sich auf?
In jeder Woche gab es wichtige Termine mit unterschiedlichen Leuten im Weißen Haus. Ich ging in den West Wing, den westlichen Flügel, das ist ein kleiner Bereich, durch den viele Leute reinkommen. Ich wollte sie sehen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Wenn sie mich fragten, was ich hier mache, sagte ich: Ich schreibe ein Buch. O.k., sagten sie, du bist der Typ, der das Buch schreibt. Wenn sie mich fragten, wann es erscheinen würde, sagte ich: Irgendwann im nächsten Jahr. Sie verloren dann sofort das Interesse, das erschien ihnen weit weg. Das Besondere ist, dass niemand über diese Treffen Buch führt. Du sitzt da auf der Couch und siehst die Präsidenten-Familie kommen oder die engsten Mitarbeiter Trumps. Du kannst mit allen reden. Irgendwann kennst du jeden. Alle waren freundlich zu mir und ich zu ihnen.

Was war Ihre Arbeitsmethode?
Ganz einfach: Fragen stellen. Ich habe das geschrieben, was ich sah und hörte. Ich habe niemanden versucht, mit meinen Fragen herauszufordern oder zu „grillen“. Meine am häufigsten gestellte Frage war: Wie läuft es so? Und die Leute fingen an zu reden. Im Weißen Haus gibt es drei Gruppen, die nicht miteinander reden. Wenn ich mit jemandem aus einer Gruppe geredet hatte, kam jemand aus der anderen und fragte: Was hat er über mich gesagt?

Und Ihr Eindruck über Präsident Trump: Ist er verrückt?
Ja. Die Eindrücke von ihm sind alarmierend. Dieser Mann wird niemals etwas darstellen, was in meinen Augen oder denen anderer ein Präsident darstellen sollte. Trotzdem macht er zunächst einen sympathischen Eindruck und wirkt nett. Er ist ein Typ, der gemocht werden will. In einem gewissen Sinne gibt es nichts an ihm, was man nicht mögen müsste. Es gibt diese Sicht auf Trump, dass er total aggressiv ist und ein Mensch voller Hass, aber das fühlst du auf der persönlichen Ebene nicht. Er will, dass du ihn magst. Jeder, der mit ihm gearbeitet hat, kann Geschichten darüber erzählen, wie schrecklich er sein kann, aufbrausend, verärgert. Aber ich war ja ein Außenseiter im Weißen Haus. Und er war total freundlich. Ein Geschäftsmann eben, er ist ein Verkäufer und er redet und redet.

Wie viel?
Unaufhörlich. Das Schlimme ist, es ist völlig inkonsistent. Er springt von einem Gedanken zum nächsten, als würde er durch eine Fantasiewelt reisen. Er sagt, was ihm gerade einfällt. Wenn du das hörst, denkst du dir: Oh mein Gott, das ist jetzt ein bisschen schräg.

So ein Mann regiert die USA.
Das ist die alarmierende Wahrheit. Er drückt alle seine Impulse in einem Moment  aus, er wiederholt sich ständig, kein Satz hängt logisch mit dem vorhergehenden zusammen. Und jeder, der um ihn herum ist, beschreibt ihn mir so, dass er wie ein Kind ist. Das bedeutet, dass er eine unmittelbare Befriedigung seiner Bedürfnisse benötigt. Er ist ein Mann, der über keine Impulskontrolle verfügt. Er will, er will, er will.

Gibt es etwas, das Sie am meisten geschockt hat?
Was mich am meisten schockiert hat, ist die Einsicht seines engsten Mitarbeiterkreises: Alle seine führenden Angestellten haben einen Weg hinter sich, in dem sie Stück für Stück ihr Verständnis von diesem Kerl verändert haben. Jeder Einzelne ist am Ende zu dem Schluss gekommen, dass Trump seinen Aufgaben als Präsident nicht gewachsen ist.

Können Sie ein bisschen konkreter werden?
Im Weißen Haus gibt es die eine große Frage: Wie kann man diesem Mann Informationen zukommen lassen? Das ist ein großes Rätsel. Er liest nichts. Nichts. Die Leute um ihn sagen, das ist sehr schlecht, aber noch schlechter ist es, dass er auch nicht zuhört. Also, wie soll man mit ihm kommunizieren? Der US-Präsident hat den intensivsten Job der Welt, wenn es um Informationen geht. Nun sitzt da jemand, der ohne irgendeine Information seine Entscheidungen trifft.

Er will noch einmal kandidieren.
Ich denke, dass seine Präsidentschaft mit dieser Amtszeit enden wird. Und sie wird in einem Misserfolg enden. Steve Bannon sagte zu mir: zu 33,3 Prozent wird es ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump geben, zu 33,3 Prozent wird er wegen mentaler Unfähigkeit des Amtes enthoben werden, und zu 33,3 Prozent wird er bis ans Ende der Amtszeit kommen. Aber zu null Prozent wird er wieder Präsident werden.

Werden ihn die Russland-Beziehungen zu Fall bringen?
Seine ganze Wahlkampf-Kampagne und seine Familie haben ohne Zweifel einen engen Kontakt zu den Russen gehabt. Die Frage ist, war das nur unbedacht oder waren das Verbindungen, die auf der Ebene einer Verschwörung lagen, oder waren die Jungs der Kampagne einfach nur Idioten? Es ist nicht klar, was dabei rauskommt.

Hatten Sie Kontakt zu Steve Bannon nach der Publikation des Buches? Er war ja Ihre wichtigste Quelle.
Ich wollte es eigentlich. Aber nein, es gibt zurzeit keinen Kontakt.

Was können Sie über ihn sagen, was ist er für ein Typ?
Die Gespräche mit ihm waren lebhaft und angenehm. Er ist jemand, der mehr redet, als gut für ihn ist. Er ist so transparent, dass man sich als Journalist wünscht, es gäbe mehr von diesen Typen.

Aber er ist einer der Verlierer in dem Spiel.
Ja, aber das ist nur eine Momentaufnahme. Das Spiel wird noch eine Weile dauern. Es sind so viele erstaunliche Dinge bei Bannon passiert. Er war nie in das politische Geschäft involviert, er ist kein professioneller Politiker, hat nie in der Öffentlichkeit gearbeitet und auf einmal wurde er der zweitmächtigste Mann im Weißen Haus. Ich bin mir sicher, wir werden von ihm noch jede Menge hören.

Es gibt weltweit die Angst, dass es zu einem großen Krieg kommen könnte.
Man hatte Trump stets geraten, die Nordkorea-Sache herunterzuspielen. Umso entsetzter schauten seine Mitarbeiter, als er auf einer Pressekonferenz zum Schlag gegen Kim Jong Un ausholte und drohte: „Die kriegen Feuer und Zorn zu spüren.“ Aber ehrlich gesagt, Trump hat nicht die Willensstärke, nicht die analytischen Fähigkeiten, einen Krieg zu führen. So etwas setzt eine sehr komplexe Informationsbeschaffung voraus, zum Beispiel eine umfassende Datenanalyse. Genau das ist es aber, was Trump am meisten langweilt. Er verlässt dann immer den Raum. Ich glaube nicht, dass er im Sinn hat, das Land in einem Krieg zu führen. Ehrlich, es würde ihn überfordern.

Interview: Michael Hesse

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