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„Don Giovanni“ in Darmstadt: Augenblicke des Glücks

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Von: Judith von Sternburg

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Donna Elvira und Don Giovanni, Julian Orlishausen und Solgerd Isalv.
Donna Elvira und Don Giovanni, Julian Orlishausen und Solgerd Isalv. Foto: Nils Heck © Nils Heck

Am Staatstheater Darmstadt gelingt Mozarts „Don Giovanni“.

Mit leichten Händen setzt das Staatstheater Darmstadt Mozarts „Don Giovanni“ in Szene. Und bewegt sich dabei, tänzelt dabei auf einen wahren Kern zu, der beim Nachdenken über diesen aus obskuren Gründen berühmten Opernhelden leicht verschütt gehen kann. Obskuren Gründen, nicht nur, weil Don Giovanni als übergriffiger Verführer und je nach Inszenierung als Vergewaltiger auftritt. Aber selbst wer das nicht so sieht und keine Lust hat, maßlose Promiskuität moralisch zu verurteilen – Mozart und sein Librettist Lorenzo Da Ponte haben dazu zweifellos keine Lust –, wird sich fragen, ob es vernünftig ist, sein Leben mit dokumentierten Quickis zu verplempern. Das sind aber Fragen, die Don Giovanni selbst sich niemals stellen würde. Denn während alle Welt über Don Giovanni nachdenkt, ist er ganz im Augenblick verhaftet. In Darmstadt ist das in einer der schönsten Szenen wunderbar zu sehen: Sein Ständchen für Donna Elviras Kammerzofe – Gegenstand vieler Reflexionen: Ist da überhaupt jemand, ist er noch motiviert genug, hat er eine Chance? – zeigt ihn als Genießer dieses schlichten Liedchens. Er flirtet mit der Mandolinenspielerin, mit der er beinebaumelnd am Rand zum Graben sitzt. Mehr ist da nicht.

Das aber macht diesen Abend zu seinem Abend. Die besten Nummern werden à la Giovanni aus dem Moment geboren, wie aus einer Improvisation heraus. Augenblick schlägt Konzept, und da jenseits des Frauen-Listen-Leporellos von Leporello auch Giovanni kein Konzept hat, ist das perfekt.

Regie führt Intendant Karsten Wiegand, der auch die Bühne eingerichtet hat: ein einsamer Stuhl, Wandelemente, eine Phalanx Kronleuchter, einige farbige Neonleuchten. Nachher ein langer Tisch. Vortritt bekommen die Kostüme von Judith Adam, auffällig kleidsam, neckisch historisierend, die Damen ziehen sich öfter mal um. Sich wohl in Haut und Hülle zu fühlen, steht dem jungen, fitten und attraktiven Ensemble gut zu Gesicht und befördert das lebhafte, entspannte Spiel unter Menschen.

Julian Orlishausen mit behendem Bariton ist ein hübscher Giovanni, der sich kein Bein ausreißt und seinem Leporello, dem stimmlich schön fundierten, ebenfalls leichtfüßigen Bassbariton Georg Festl, eher Kumpel als Herr ist. Die Damen sind trotz ihrer extravaganten Garderoben keine Paradiesvögel, sondern stehen auf dem Boden der Tatsachen, haben Humor, sind gewiss nicht die Spießerinnen, die unsere Großeltern gerne in ihnen sehen wollten und machen jedenfalls in Darmstadt glänzende Figur: Solgerd Isalv ist eine im Dramatischen leichtgängige Donna Elvira – charakteristisch für den Feinsinn der Inszenierung, wie sie sich im Toben drosseln muss, weil gerade der Sarg des Komturs vorübergetragen wird. Megan Marie Hart lässt eine sanft großstimmige Donna Anna hören, Zerlina singt bei Juliana Zara silbrig fein, kann aber große Traurigkeit aufbieten. Wiegand formt unaufdringlich einen wunden Punkt dieser Geschichte heraus: An Zerlina und ihrem vielleicht im Kopf nicht hellsten, aber frisch aufsingenden Bräutigam Masetto, Eric Ander, wird das alles Spuren hinterlassen. Die „verstärkenden“ Großaufnahmen via Video bräuchte es dafür übrigens nicht.

Zugunsten dieses nicht weltbewegenden, aber herzzerreißenden Unheils bleibt Don Ottavio als Unglücksrabe etwas beiseite. David Lee singt ihn als kernigen Tenor. Der Komtur ist der sonore Zelotes Edmund Toliver, durchweg ein Mann aus Fleisch und Blut.

Die vierte Wand wird beiläufig durchbrochen, Giovanni und Leporello schauen zuweilen in der ersten Reihe zu, Elvira leidet vom Rang herunter, auch der Saum um den Orchestergraben wird bespielt. Nicht ideal für die Koordination von Gesang und Orchester, aber lebendig. Daniel Cohen und das Orchester sorgen für durchgefeilte, aber immer auch rücksichtsvolle Musik.

Interessant: Je mehr Konzept, desto konventioneller wird es. Eingeblendete Tanzszenen vermitteln am Anfang Erotik und am Ende Höllenpein. Am etwas umständlichen Ende: Statisten stellen Leonardo da Vincis letztes Abendmahl nach, das hier also einen Doppelsinn bekommt, auch flämmelt es und Don Giovanni stirbt einen astreinen Sündertod.

Die ironische Schlusssequenz wegzulassen, ist zwar eine Option, aber hier besonders schade. Noch in den Beifall hinein erwartet man sie, zumal nur die möglichen Beteiligten auf dem Grabenrand stehen, während die Toten sich unten verbeugen. Nach der bescheidenen Frankfurter „Zauberflöte“ und der grellen Mainzer „Così fan tutte“ trotzdem nun ein Edelsteinchen.

Staatstheater Darmstadt: 20. Oktober, 6. November, 2., 17. Dezember. www.staatstheater-darmstadt.de

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