Nachruf

Die Dominanz äußerer Antriebe

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Zum Tod des Soziologen Nathan Glazer, Mitautor des Buches „Die einsame Masse“.

Das Buch mit dem einprägsamen Titel „Die einsame Masse“ („The lonely Crowd“) wurde Anfang der 50er Jahre zum ersten gesellschaftswissenschaftlichen Bestseller mit internationaler Ausstrahlung. Das lag auch daran, dass darin nach dem Zeitalter der Extreme, in dem Kommunismus und Nationalsozialismus verheerende Katastrophen mit mehreren Millionen Toten angerichtet hatten, der einzelne Mensch in der heraufziehenden Wohlstandsgesellschaft in den Blick geriet.

Autor von „Die einsame Masse“ war der Soziologe David Riesman, aber ohne die Zuarbeit und Mitautorschaft seines Kollegen Nathan Glazer wäre das leicht zu lesende Buch wohl nie entstanden. Dabei handelte es sich keineswegs um leicht verdauliche Kost.

Riesman und Glazer entwerfen in „Die einsame Masse“ eine Charakterologie des modernen Menschen, in der sie einen von Traditionen geleiteten Menschen von dem Typus des innen- sowie außengeleiteten Menschen unterschieden. Riesman und Glazer beobachteten dabei mit Sorge eine wachsende Dominanz des von äußeren Antrieben bestimmten Menschen, der sich gern an sich selbst berauscht und leicht zu beeinflussen ist. Was lange als eindimensionale Kritik an der Konsumgesellschaft und deren Strategien gedeutet wurde, hat spätestens seit der Präsidentschaft Donald Trumps eine neue Aktualität erhalten. Bei der US-Wahl 2016 hat die „einsame“ Masse, die der deutsche Soziologe Helmut Schelsky lieber als „ängstliche“ Masse übersetzt gesehen hätte, ihren Kandidaten als narzisstisch-aggressive Erscheinung eines außengeleiteten Charakters in das höchste Amt der USA gebracht.

Nathan Glazer, 1923 geboren, wuchs in einer jüdisch-orthodox und sozialistisch geprägten Umgebung in New York auf. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift „The Public Interest“ und Autor von „The New Republic“. Über die Sozialwissenschaft hinaus erregte er 1963 Aufsehen mit seinem Buch „Beyond the Melting Pot“, in dem er gegen die allgemeine Vorstellung einer gelingenden sozialen Integration im „Schmelztiegel“ Amerika den Nachweis erbrachte, dass die verschiedenen Ethnien ihre kulturellen Identitäten lieber beibehalten und nicht vollkommen in einer amerikanischen Kultur aufgehen.

Als Wissenschaftler mit dezidiert linken Wurzeln wurde er später zunehmend als Vordenker neokonservativer Ideen wahrgenommen. Am Samstag ist Nathan Glazer im Alter von 95 Jahren in New York gestorben.

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